RAINBOW - Memories In Rock – Live In Germany

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VÖ: 18.11.2016
Bandinfo: RAINBOW
Genre: Hard Rock
Label: Eagle Rock Entertainment
Lineup  |  Trackliste

Was hätte das für ein Ding werden können. Auch ich bemerkte bei der Ankündigung ein erhöhtes Speichelaufkommen in meinem Mund. Allein das epische „Rising“-Motiv, dazu das „Monsters of Rock“-Logo und die Illusion Sangesgott DIO beim Intonieren der RAINBOW-Klassiker vor dem geistigen Auge zu haben, machte nicht nur mich einigermaßen nervös. Klar, DIO wäre nicht dabei, aber auf ein Schaulaufen der illustren Riege ehemaliger RAINBOW-Musiker und Sänger durfte man insgeheim hoffen. Doch die beiden exklusiven Deutschland-Shows in Bietigheim-Bissingen und St. Goarshausen (plus einem Gig im englischen Birmingham), die ersten RAINBOW-Konzerte fast 20 Jahre nach den letzten Liveauftritten gerieten in mehrfacher Hinsicht zu einer Art "Mogelpackung". Allen voran die Titulierung als „Monsters Of Rock“ (auch wenn RAINBOW 1980 das erste M.O.R. im englischen Donington anführten). Wer die Achtziger noch miterlebt hat, weiß, wofür dieser Titel steht, nämlich für eine geballte Ladung kraftstrotzenden Metalls, dargeboten von echten Schwergewichten, egal ob arrivierte Headliner oder heiße Newcomer, die das damals größte Metalfestival Europas bespielten. Den Headliner RAINBOW und die beiden Vorgruppen THIN LIZZY und die EARTH-Band von MANFRED MANN in Ehren, aber da sind wir von einstigen M.O.R.-Standards Lichtjahre entfernt.

Zweitens wurde die personelle Besetzung zwiespältig aufgenommen. Dass Ronnie James Dio, Cozy Powell oder der jüngst verblichene Jimmy Bain nicht beteiligt sein konnten, erfüllte ohnehin schon genügend Fans mit großer Trauer. Der Meister sollte die Erwartungshaltung seiner Fans allerdings kennen und sie zumindest bei einem Spektakel wie diesem mit dem einen oder anderen Schmankerl den nötigen magischen Touch verleihen. Scherte Blackmore aber wenig und so zockte er mit seinem jüngst angeheuerten Team um Drummer David Keith, Basser Bob Nouveau und STRATOVARIUS/MALMSTEEN-Tastenmann Jens Johansson zwar ein amtliches Set, aber die RAINBOW-Besetzung wartete im Laufe der Jahre mit klingenden Namen wie Joe Lynn Turner, Graham Bonnet, Don Airey, Roger Glover, Bobby Rondinelli oder Bob Daisley auf, von denen der eine oder andere zumindest mit einem speziellen Gastauftritt hätte vertreten sein müssen, dafür veranstaltet man schließlich Spektakel wie diese! Immerhin lieben viele nicht nur die ersten drei Alben mit Dio, sondern auch die vergleichsweise poppigeren Alben mit Graham Bonnet und Joe Lynn Turner. Allerdings lieferte der Exil-Chilene und LORDS OF BLACK-Frontröhre Ronnie Romero vor allem auch bei den DIO-Tracks eine wirklich tolle Gesangsperformance ab, schließlich hatte er schier übermächtige Fußstapfen auszufüllen. Und ja, auch Blackmore weiß noch immer, wie er seine Sechssaitige zu bearbeiten hat (wie auch mit dem „Götterfunken“/„Difficult To Cure“-Solokram zu langweilen), aber die Show hatte schon so einiges von Hüftlahmheit (man höre etwa „Since You´ve Been Gone“) und auch Cover-Charme, womit wir beim letzten großen Kritikpunkt, nämlich der Setlist angelangt sind.

Natürlich darf Blackmore DEEP PURPLE-Tracks spielen, wer wenn nicht er? Hat er ja auch immer schon unter dem Banner des Regenbogens. Doch gerade anlässlich dieser großen Comeback-Shows hätte sich Blackmore etwas Besonderes einfallen lassen können und nicht die Hälfte des Sets mit PURPLE-Covers bestreiten sollen. Wer will heutzutage „Highway Star” (Seteinstieg), “Perfect Strangers”, “Child In Time” (samt nervigem Geschrei – wo ist Gillan?), “Black Night” oder “Smoke On The Water” mit einem Quasi-Cover-Sänger auf einem RAINBOW-Konzert hören, wenn die Titel doch noch immer von der Originalstimme Ian Gillan und den immer noch in Saft und Kraft stehenden DEEP PURPLE selbst intoniert werden? Ein Blick auf die Setlist verrät zudem, dass viele Bandklassiker unter den Tisch fielen, wodurch etwa „Tarot Woman“, „Gates Of Babylon“, „Starstruck“, „Kill The King“, "Miss Mistreated" oder die Hits aus der späteren Phase (“All Night Long"  "I Surrender“ oder „Stone Cold“) unberücksichtigt blieben. Das Fehlen eines bunten Regenbogens oder zumindest eines ikonographischen „Rising“-Backdrops trugen bei diesen exklusiven Auftritten auch nicht unbedingt zur Magie bei.

"Memories In Rock - Live In Germany" führt uns einmal mehr vor Augen, welche unsterblichen Rockklassiker Blackmore im Zeichen des farbenprächtigen Regenbogens geschrieben hat, insgesamt ist das breitspurig angekündigte Spektakel der fulminanten Comeback-Shows doch dürftig ausgefallen, ansprechende/solide Performance (vor allem auch des Sängers) hin oder her, es fehlt trotz der unverkennbaren Handschrift des Meisters einfach an Charme. Die Titulierung als „Monsters Of Rock“, die fehlenden Gaststars und die zweifelhafte Songauswahl mit fast der Hälfte PURPLE-Covers durfte wohl keinen Fan vollständig befriedigt zurücklassen. Schlußendlich sollte der Zugabenteil einer RAINBOW-Show nicht mit einem DEEP PURPLE-Greatest Hits-Teil beendet werden. Blackmore-Fans werden das aber vermutlich anders sehen und bei diesem (aus beiden Deutschland-Konzerten zusammengeschnitten) Livepaket, das in verschiedenen Audio und Video-Formaten erhältlich ist, zugreifen (müssen).



Ohne Bewertung
Autor: Thomas Patsch (28.11.2016)

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