MAYHEM - De Mysteriis Dom Sathanas Alive

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VÖ: 15.12.2016
Bandinfo: MAYHEM
Genre: Black Metal
Label: Eigenproduktion
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Es sollte das Mal überhaupt sein, dass dieser epochale Klassiker live in seiner Gesamtheit zelebriert werden sollte. Geschehen im schwedischen Norrköping anlässlich des Headlinergigs beim Black Christmass Festival am 18. Dezember 2015. Die durch die indirekte Beleuchtung nur von hinten bzw. oben kreierte schummrig-kontemplative Atmosphäre ist die dichte Basis, auf der MAYHEM an jenem denkwürdigen Abend ihre faszinierende Aura versprühten und das Publikum gleich einem Mahlstrom in ihren mystisch wirkenden Zirkel hineinsogen. Als "De Mysteriis Dom Sathanas Alive" findet dieses Ereignis nun seinen Weg in die heimischen Schwarzheime und seine Fortsetzung bei den in Bälde anstehenden Livekonzerten. Natürlich wurde dieser Premiere ein entsprechendes Rahmenzeremoniell gegönnt, das der Performance - vom ikonischen Backdrop mit dem Covermotiv, das die Nidaros-Kathedreale in Trondheim zeigt (natürlich musste es 1994 eine plakative klerikale Provokation sein) über die Bühnenausstattung und die stilvolle Lichtshow in Tateinheit mit diffusem Nebel - den nötigen sakralen wie mächtigen Touch gibt. Hellhammer zufolge hätte eigentlich das morbide Selbstmordfoto von Dead (das Euronymous nach dem Auffinden der sterblichen Überreste anfertigte und das via „Dawn Of The Black Hearts“ weltweit bekannt wurde) das Albumcover zieren sollen. „…aber Euronymous plante einen großen Vertrieb für die Platte, was mit diesem Cover unmöglich gewesen wäre“ gab Hellhammer im legendären ABLAZE Magazin Nr. 6 von Sept./Okt. 1995 zu Protokoll.

Bandchef Euronymous und Hellhammer standen in jenen Tagen, da Basser Necrobutcher nach dem Freitod Deads das Handtuch geworfen hatte und auch die Versuche, Occultus von den Norwegern THY ABHORRENT als Sänger zu gewinnen, scheiterten, allein auf weiter Flur. TORMENTOR-Sänger Attila Csihar, den man seinerzeit für die Studioaufnahmen in den hohen Norden locken konnte, knurrt und blökt auch heutzutage bedrohlich wie eh und je, partizipiert (ebenso wie das Sixstring-Duo) am Aufmarsch der Kapuzenmänner und entblößt dabei auch seine garstig bemalte Fratze. Lediglich Basser Necrobutcher erscheint ein wenig im Bühnenlicht, bangt und scheint in breitbeiniger Pose auch den Kontakt zum Publikum zu suchen, während der (neben Csihar) einzige, in grauen Urzeiten zur Besetzung jener Studiotage zählende Musiker, nämlich Hellhammer, einmal mehr wie ein Gott zeugelt (auch wenn ich das moderne Schlagzeug jederzeit für das dreckig rumpelnde Drumkit von „Deathcrush“ abfackeln würde). Vom Sound, der in einer eigenen Liga spielt und der Bedeutung dieses Meisterwerks (das keinen einzigen Ausfall und etwa Speed-Massaker wie „Buried By Time And Dust“ enthält) gar nicht zu reden.

Vor diesem rasenden Meilenstein der (Black-)Metal-Geschichte und dessen Entstehungsgeschichte hat der Verfasser dieser Zeilen schon vor Jahren einen Nostalgie-Review-Kniefall [Mittelteil, kursiv] hingelegt, der auch etwas mehr Licht in jene, über zwei Dekaden zurück liegende Urzeit der Skandinavien-Black bringen soll, auch wenn die Norweger mit „Deathcrush“ von 1987(!) für die Szeneentwicklung noch essentieller waren und die leibhaftige Räude von „Live in Leipzig“ (oder dem Sidekick „Live in Zeitz“) unerreicht bleiben sollte. Mit vorliegendem, allemal garstigen Dreher bekommt man statt sirrenden Gitarren, Holterdipolter-Gerumpel und übersteuertem Sound allerdings ein State-Of-The-Art Black Metal-Livedokument in Sachen Sound, Ästhetik, Volumen, Präzision, Druck und Dichte präsentiert, das sich auf einen Eckpfeiler schwarzer Tonkunst gründet.

„Das 1994 veröffentlichte Full-Length-Debutalbum der sagenumwobenen MAYHEM ist ein wahres fieses Biest von einem Album. Waren bis dahin etwa Grindcore und Death Metal das musikalisch brutale Maß aller Dinge, traten MAYHEM und andere geschminkte Gesellen (primär aus Norwegen) an, die Härteskala um eine Stufe zu erweitern bzw. zu ergänzen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von "De Mysteriis Dom Sathanas" war die sog. zweite Black Metal Welle bereits ins Rollen gekommen, DARKTHRONE, IMMORTAL, BURZUM und andere Schwarzheimer hatten schon Tonträger am Start, selbst MAYHEM hatten bereits 1987 die EP "Deathcrush" veröffentlicht, sodass diesem Album nicht die Bedeutung einer eigentlichen Szene-Initialzündung zukommt (zumal die meisten Songs von "DMDS" den Fans bekannt und bereits auf anderen Veröffentlichungen enthalten waren, z.B. "Live In Leipzig").

Hinter den Kulissen war es aber doch Mayhem-Mastermind Øystein „Euronymous“ Aarseth, der mit seinem Deathlike Silence Label, dem Osloer Szeneschuppen Helvete, seinem Einfluß auf die oben genannten Bands und seinen vermuteten Verstrickungen in die teils mysteriösen Ereignisse rund um den sog. Inner Circle und die verübten Straftaten (Brandstiftungen etc.) einen großen Anteil an der Mystifizierung und Glorifizierung jener Tage hat, die ihren traurigen Höhepunkt im August 1993 in der Ermordung von Euronymous durch C. "Varg" Vikernes (BURZUM) fanden. Mit dem Albumopener "Funeral Fog" samt seinem einprägsamen Refrain startet das nach dem Ableben von Euronymous posthum veröffentlichte Opus Magnum "De Mysteriis Dom Sathanas" wild rasend durch.

Das besondere Trademark auf "DMDS" sind die abstoßend schrägen, wahnsinnigen und zum Teil unmenschlichen Vocals von Attila Csihar, einem Ungarn, der nach dem Freitod von Sänger Dead (Nomen Est Omen!) von der Band TORMENTOR ausgeliehen wurde. Egal ob auf "Freezing Moon" oder dem Rest des Albums, Attila knurrt wie ein bitterböser Kettenköter oder krächzt wie ein fetter, schwarzer Kohlrabe und macht das Album in einer besonderen Symbiose mit den sirrenden Gitarren, die eine hypnotisierende Wirkung entfalten sowie dem Knüppeldrumming von Schlagwerker Hellhammer zu einem wahren Manifest der Räudigkeit. Hellhammer ließ auf diesem in Töne gegossenen Prachtstück des Hasses, der Verachtung und totalen Verweigerung schon damals seine große technische Klasse aufblitzen. Auf "DMDS" geht´s überwiegend rasant zu Sache, die schleppenden Parts stellen einen willkommenen Kontrast dazu dar, interessant am gesamthaft zu erfassenden Werk ist weiter das rockig gehaltene "Pagan Fears".

"DMDS" enthält mit "Funeral Fog", "Freezing Moon" und "Pagan Fears" unsterbliche Klassiker, die auch live immer wieder dargeboten wurden und werden. Eingespielt wurde dieses Album von Mastermind Euronymous (g.), Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg (d., DIMMU BORGIR, THE KOVENANT...), die Vocals stammen wie gesagt von Attila Csihar. Die Bassaufnahmen von Varg Vikernes (Count Grishnack) wurden der Sage nach nie gelöscht und befinden sich immer noch auf den endgültigen Albumaufnahmen. Rau geschliffen wurde dieser Haßbatzen von Black Metal Kultproduzent „Pytten“ (EMPEROR, BURZUM), der auch dieser Scheibe einen unvergleichlich rohen, aber dennoch transparenten Sound verlieh. Passend zu den dunklen, okkulten Texten des Album verpaßte man dem Album ein simpel-effektives Albumcover.

"De Mysteriis Dom Sathanas" ist ein Klumpen vertonten Hasses und Negation – ein abstoßendes, beklemmendes Meisterwerk der schwarzen Kunst. "DMDS" verkörpert die Attitüde, die Ideale und den Anspruch, der dem Black Metal bzw. den BM – Fans eigen ist. Die Räudigkeit und eisige Kälte, die pure Verachtung, die anreizende Morbidität und schroffe Rauheit ist in dieser kompakt auf Tonträger (egal ob pechschwarzes Vinyl oder poliert-glänzender Silberling) gebannten Einheit und Mischung nahezu unerreicht und macht diesen dunkelfinsteren Output zu einem Klassiker. Die Intensität des Machwerks ruft beim Hörer mit zunehmender Dauer unweigerlich klaustrophobische Gefühle hervor und läßt ihn nach rund 47 Minuten in einer zerrissenen Mischung aus erleichtertem, euphorischem Gefühl, diese musikalische Hölle überstanden zu haben sowie einer heraufbeschworenen aggressiv-negativen Emotion zurück. Eine nie enden wollende akustisch pechschwarze Geisterbahnfahrt... Mit den nachfolgenden Veröffentlichungen bewegten sich die Norweger in eine zunehmend avantgardistische Richtung (und hievten den puren Black Metal so auf ein neues Intensitätslevel), blieben aber zumindest ihren Idealen der Verweigerung und Negation weitgehend treu.“

„MAYHEM sind einfach mehr als eine Band. Man kann nicht MAYHEM sterben lassen, nur weil das eine oder andere Bandmitglied stirbt. Wir müssen weitermachen. Scheiß auf alle, die glauben, dass es ohne Dead oder Euronymous nicht geht. Zumindest so lange ich lebe, wird diese Band weiterexistieren“. So tönte Hellhammer im weiter oben zitierten ABLAZE Magazin – und er sollte zu seinen großspurigen Worten stehen. Bis zum heutigen Tage, über zwanzig Jahre später, da MAYHEM mit Necrobutcher und auch Attila noch immer ihren gewichtigen Part im schwarzen Musikzirkus spielen und uns diese Göttergabe nun auch in der Liveversion gönnen. Pflichttermin in Ton und Bild für alle Kult- und Qualitätsbewußten!



Ohne Bewertung
Autor: Thomas Patsch (15.12.2016)

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