KLIMT 1918 - Sentimentale Jugend

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VÖ: 02.12.2016
Bandinfo: KLIMT 1918
Genre: Alternative Rock
Label: Prophecy Productions
Lineup  |  Trackliste

Klingt nach einem Horrorjob: den ganzen Tag nur Beschwerdebriefe öffnen und einscannen. Für KLIMT 1918-Mastermind Marco Soellner hatte diese Arbeit aber auch etwas Positives: die Möglichkeit, stundenlang in einem isolierten Zimmer allein zu sein. So etwas freut wohl nicht jeden, für Soellner war es der kreative Nährboden für das monumentale Doppelalbum „Sentimentale Jugend“.

Zum Namen der Scheibe inspirierte KLIMT 1918 die Noiserock-Band gleichen Namens, in der Christiane F. (die von „Kinder vom Bahnhof Zoo“) und Alexander Hacke von den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN mal gespielt haben. Passenderweise heißt der erste Teil „Sentimentale“, der zweite „Jugend“ – was auch auf Italienisch ganz gut passt (zumindest bei „Sentimentale“… dürft mal raten was das auf Deutsch bedeutet. Und nicht bei Leo nachschauen.)

„Sentimental“ beschreibt dann auch die Musik von KLIMT 1918 ganz gut. Die Jungs haben sich (wie einige andere bekanntere Bands) von Death- und Black-Metal hin zu ruhigeren Gefilden weiterentwickelt und sind mittlerweile im Shoegaze angekommen (das aber mit einem kräftigen 80er-Jahre-Einschlag). Also sehr ruhiger, verträumter Alternative Rock / Pop, irgendwo zwischen den Einflüssen von den COCTEAU TWINS, DEAD CAN DANCE und JOY DIVISION.

Von den Synths und dem Sound der Scheibe(n) kommen die Referenzen an die 80er, KLIMT 1918 arbeiten viel mit Hall und Delay, was vor allem bei den Vocals und beim knalligen Schlagzeug dann die guten alten Zeiten heraufbeschwört.

Musikalisch unterscheiden sich die zwei Teile des Albums hauptsächlich in Details, „Sentimentale“ ist der ruhigere, geradlinigere Teil, während bei „Jugend“ dann etwas mehr Platz für Experimente ist (wobei das von der Band selbst so nicht geplant war, hat sich wohl aus der Fülle des Materials ergeben).

„Sentimentale“ startet ganz stark, „Montecristo“ und „Comandante“ sind zwar vom Aufbau etwas sperrig, leben aber von den schönen Soundflächen und den eingängigen Refrains. Das etwas lebhaftere „Belvedere“ sorgt dann mit italienischen Vocals für etwas Abwechslung, bevor mit „Take My Breath Away“ wieder ein Höhepunkt kommt: aus dieser ausgelutschten und zu Tode gehörten Nummer noch so viel herauszuholen, ist bewundernswert. Weg ist die ganze Schnulzerei, stattdessen klingt der Song reduziert und schwermütig – ein gelungenes Cover. Der Titeltrack und „Gaza Youth (Exist/Resist)“ schließen den ersten Teil des Doppelalbums dann hervorragend ab.

„Jugend“ ist dann wie gesagt etwas abwechslungsreicher: „Nostalghia“ ist einer der poppigsten Tracks, während bei „Ciudad Lineal“ mit Gitarren-Feedback gespielt wird. „Sant’Angelo (The Sound And The Fury)” ist dann so etwas wie der dynamische Gipfel der Scheibe, so treibend nach vorne geht es auf den restlichen Tracks nicht zu. Mit dem folgenden Dreier „Unemployed & Dreamrunner”, „The Hunger Strike” und „Resig-nation“ beweisen KLIMT 1918 wieder ihre Stärken, die Mischung aus verträumten Sound, schwermütigen Vocals und eingängigen Melodien ist hier wieder im Vordergrund. „Stupenda E Misera Città” ist dann mit den gesprochenen italienischen Vocals ein denkwürdiger Abschluss von diesem Monumentalwerk.

Was sich – vor allem über die doch lange Spielzeit eines Doppelalbums – leicht negativ auswirkt, ist das Fehlen von Dynamik und überraschenden Momenten. Wenn dann einige Tracks nicht ganz an die Klasse der anderen heranreichen, stellt sich ab und zu mal auch gepflegte Langeweile ein.

Konzentriert man sich auf die Auswahl der (vielen) gelungenen Tracks, ist „Sentimentale Jugend“ ein Musterbeispiel für gelungenen Shoegaze. Für die beste Hörerfahrung einfach in ein isoliertes Zimmer setzen, auf die Schuhe schauen und sich vorstellen, den ganzen Tag lang Beschwerdebriefe zu öffnen und einzuscannen.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Luka (16.12.2016)

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