KREATOR - Gods Of Violence

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VÖ: 27.01.2017
Bandinfo: KREATOR
Genre: Thrash Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

KREATOR beweisen mit ihrem vierzehnten Album eine erstaunliche Frische und Weltoffenheit, die neue Einflüsse mit all dem verbindet, für das KREATOR seit Jahrzehnten gefeiert werden. Thrash-Bretter im Altenessen-Style treffen auf philosophische und moralische Überlegungen, die aktueller kaum sein könnten. Dies wird einer der Gründe sein, aus denen KREATOR über 30 Jahre lang weder die Chance hatten eine ehrwürdige Patina anzusetzen, noch sich gesättigt und altersmilde auf flauschigem Moosbewuchs auszuruhen.

KREATORs Dämon erfährt auf „Gods Of Violence“ eine Neugeburt ohne wesentliche Veränderung seiner Gestalt. Hier wird musikalisch nichts neu erfunden, weil keine Notwendigkeit dazu besteht. Stattdessen gelingt es, den ursprünglichen KREATOR-Spirit in die Gegenwart zu transferieren. Dies erfolgt einerseits durch aktuelles Sounddesign. Jens Bogrens Produktion ist von gewohnt reichhaltiger Fülle und verleiht sowohl Milles Gesang als auch den Instrumenten einen modern klingenden Rahmen, der flexibel genug ist, weder Spielfreude noch Dynamik zu beschneiden. Besonders das virtuose Gitarrenspiel von Sami Yli-Sirniö fügt sich so, in perfekter Balance von Hervorhebung und Anpassung, in den Gesamtsound ein. Der parallele Weg zum gleichen Ziel führt über interessante und ungewöhnliche Kollaborationen.

Fern jeder Eitelkeit, überlassen KREATOR es den italienischen Kollegen von FLESHGOD APOCALYPSE, den Hörer durch ein symphonisches Intro in gespannte Stimmung zu versetzen. „Apocalypticon“ rauscht mit bombastischen Bläsern im gestreckten Galopp zum Angriff, Gefangene werden keine gemacht. Es schließt sich die schonungslose Bestandsaufnahme „World War Now“ an, deren Hintergründe Mille Petrozza im Stormbringer-Interview bereits ausführlich erläutert hat: im aktuellen Weltkrieg stehen sich keine Armeen gegenüber sondern Geisteshaltungen. Musikalisch spiegelt sich das gesteigerte Aggressionsniveau, genau wie die Verzweiflung darüber, wider – mit gefährlichem Ohrwurmcharakter in den Gitarren.

Titel und einleitende Glockenschläge von „Satan Is Real“ spielen mit religiösen Inhalten und sind dabei Sinnbild und Abbild zugleich. Hier wird die Grundlage diffuser Hassgefühle und der Zündfunke weltweit brodelnder Konflikte an den Pranger gestellt. „Satan Is Real“ – weil Menschen, seit Anbeginn der Denkmöglichkeit, ihren Religionen als Stellvertreter diffuse Hassgefühle aufladen, um die Verantwortung dafür nicht selbst tragen zu müssen. Musikalisch wird „Satan Is Real“ durch den plakativen Titel aber auch durch die schon fast kindlich reduzierte Melodie im Refrain zur Dauerschleife im Kopf – und zum Mitbrüller, wenn die Umstände es erlauben. FLESHGOD APOCALYPSE haben auch hier an richtiger Stelle zum epischen Feeling beigetragen ohne den Song zu überladen.

Der Schweizer Indie-Schlagersänger DAGOBERT [...was es nicht alles so gibt! Anm.d.Korr.] bereichert „Fallen Brother“ mit eigens erdachten schwarzromantischen Versen. Bei so manchem Menschen wird das zu Stirnrunzeln führen – bis zur Erkenntnis, dass genau dieser Input dem Song seine Seele verleiht. Die Fans wird diese Herangehensweise selbst bei Nichtgefallen nur zu einem schulterzuckenden Grinsen verleiten. Wer, wenn nicht KREATOR, kann sich solche Ausflüge erlauben ohne auch nur einen Funken an Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Die Hymnendichte auf „Gods Of Violence“ ist hoch. Sehr hoch. Mit „Side By Side“ und „Hail To The Hordes“ bereichern zwei weitere Überkracher diese Kategorie. Schwache Songs hingegen gibt es keine – die Auswahl streut im Spektrum zwischen ‚absoluter Perfektion’ und ‚gewohnter Qualität’. Eher zu erstgenanntem tendiert der siebeneinhalbminütige Abschluss „Death Becomes My Light“. Von einer ruhigen Gitarrenmelodie begleitet, steigert sich Mille vom Erzählgesang bis zur abschließenden Thrash-Explosion. Rhythmik und Gitarrenmelodien weisen, wie schon bei „Side By Side“, als kleine Hommage typische IRON MAIDEN-Charakteristika auf.

„Gods Of Violence“ wird auch deshalb nie langweilig, weil KREATOR eine ausgewogene Mischung aus Nachdruck und sanften Tönen, aus Geschwindigkeit und Nachdenklichkeit, aus Gesang, Sprache und Instrumentalparts erreichen. Musikalisch hat erneut eine Weiterentwicklung im Vergleich zum Vorgänger „Phantom Antichrist“ stattgefunden. Und dies auch auf qualitativ-kreativer Ebene, anstatt sich auf den einfachen Weg – Gleiches anders zu arrangieren –  zu beschränken.

Es macht allein schon aufgrund des Abwechslungsreichtums große Freude, sich „Gods Of Violence“ in ausführlichen Sessions zu widmen und es zu zelebrieren wie ein Buch das so gut ist, dass man regelmäßig zurückkehrt um die besonders inspirierenden Stellen noch einmal zu erleben – oder noch hundert Mal.

Zum Weiterlesen:

...findet ihr hier unser ausführliches Interview mit Mille Petrozza über "Gods Of Violence".

Zum Weiterhören:

...KREATOR is really real.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Daria Hoffmann (23.01.2017)

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