GRAHAM BONNET BAND - The Book

Artikel-Bild
VÖ: 04.11.2016
Bandinfo: GRAHAM BONNET BAND
Genre: Rock
Label: Frontiers Records
Lineup  |  Trackliste

Graham Bonney? Nein, Graham Bonnet! Ein Name mit dem Otto Normalverbraucher wahrscheinlich nichts anfangen kann, obwohl die meisten schon Bonnets Stimme gehört haben dürften.

Seit rund 50 Jahren ist er nun schon als Sänger tätig. Seinen größten kommerziellen Erfolg landete er bereits in den späten '60ern bei den MARBLES mit "Only One Woman". Der von den Gebrüdern Gibb komponierte Song erreichte 1968 in Österreich Nummer 8 in den Charts sowie in Deutschland Nummer 6 und ist aus dem Radio nicht mehr wegzudenken.

Danach verschwand Bonnet für eine Weile in der Versenkung, bevor er 1977 sein Solodebüt veröffentlichte und 1979 Ronnie James Dios Nachfolge als Sänger bei RAINBOW antrat – ein musikalischer Richtungswechsel, der seine weitere Karriere mitbestimmte. Nach seiner Zeit bei RAINBOW fungierte er für kurze Zeit als Sänger bei der MICHAEL SCHENKER GROUP, bevor er die Gruppe ALCATRAZZ gründete (die v.a. dafür bekannt ist, dass Yngwie Malmsteen Gitarrist auf dem ersten Album war). Aber auch diese Band war nicht von langer Dauer, sodass Bonnet sich wieder seiner Solokarriere (und einigen sehr kurzlebigen Projekten) widmete.

Bonnet ist ein ausgezeichneter Sänger mit einer kraftvollen Stimme, nur leider zu wenig markant, sodass es schon mal vorkommen kann, dass man einen Song hört und sich fragt, ob das Graham Bonnet oder Jeff Scott Soto ist.

Unter dem Namen GRAHAM BONNET BAND erschien sein neuestes Album "The Book", dessen Aufmachung (das Cover ist einem Buch mit dunkelbraunen Ledereinband und aufwändiger goldener Prägung und Nieten nachempfunden) zu Bonnets Gesang und der Musik, die man auf dem Album erwartet passt – klassisch und stilsicher. Erhältlich ist das Album in digitaler Form, als Vinyl-LP sowie als Doppel-CD. Letztere beinhaltet eine Bonus-CD mit Neuaufnahmen diverser Songs aus Bonnets Karriere.

Auf dem eigentlichen Album (Disc Eins in der Doppel-CD Version) befinden sich neue Songs, die von der gesamten Band komponiert wurden (außer "Rider", der nur aus Bonnets Feder stammt). Das Album fängt vielversprechend an, einige Songs, wie die Eröffnungsnummer "Into The Night" und "Rider", hätten beinahe von einem klassischen Hardrock Album der '80er stammen können. "Into The Night", "Welcome To My Home", "Earth's Child (I Am Your Son)" und "Rider" sind sehr gute Songs, die erfüllen, was man sich von Bonnet verspricht, aber zur Mitte hin sackt das Album ab. "Dead Man Walking" ist insgesamt noch ein guter Uptempo-Song, auch wenn er etwas Zeit braucht um in Fahrt zu kommen. "Strangest Day" hingegen fällt mit seinem betont modernen Intro aus der Reihe, und auch bei wiederholten Anhören wirkt es fehl am Platz. Darauf folgt mit "The Dance" eine etwas ruhigere Nummer und kaum dass man glaubt es wird wieder etwas besser, folgt mit "Where Were You" der vielleicht schwächste Song des Albums, der stellenweise mit moderner Blechdosensoundhärte aufwartet. Zum Glück folgt darauf mit dem Titelsong "The Book" der stärkste Song des Albums und mit "Everybody Wants To Go There" und "California Air" klingt das Album doch noch mit einem insgesamt guten Gesamteindruck aus. Auch die Alterungserscheinung in Bonnets Stimme stört hier kaum, anders hingegen bei der Bonus-Disc.

Disc Zwei beinhaltet Neuaufnahmen und diese machen deutlich, was man auch schon auf Disc Eins bemerkt: Bonnets Stimme ist nicht mehr das was sie einmal war. Während das auf dem eigentlichen Album nicht so stört, zum Einen weil sich seine Stimme im Laufe der Jahre kontinuierlich etwas änderte und zum Anderen weil man die Songs nicht anders kennt, drängt sich hier der Vergleich mit den vertrauten Originalen geradezu auf.

Das Intro zu "Eyes of the World" klingt im RAINBOW-Original düsterer und hat deutlich mehr Biss, die Neuaufnahme hingegen klingt flacher. Bonnets einstmals klarere, hellere Stimme krächzt nun mehr als zuvor. Am wenigsten gelungen ist wohl "All Night Long", hier sind nun die hart klingenden Drums und das Keyboard in den Vordergrund gemischt anstatt der Gitarre und des klatschenden Rhythmus' des Schlagzeugs. Das fetzige Original, das zum Fußwippen und Mitklatschen animiert, wurde zu einer 08/15 Nummer umgebaut. Und wer hatte sich jemals bei "Since You've Been Gone" gedacht, dass der Song "more Cowbell" braucht?

Ähnlich schlimm wie die RAINBOW-Coverversionen, sind auch die vom "Assault Attack" Album der MICHAEL SCHENKER GROUP ausgefallen. "Dancer" geht vielleicht gerade noch als irgendwie passabel durch, aber "Assault Attack" klingt einfach nur flach und leblos, gerade im Vergleich mit dem Original, wo Michael Schenker die Riffs geradezu mit Wucht herunterhämmert. Die MSG ist tighter, der Song klingt viel aggressiver, egal wie sehr sich Bonnet in der Coverversion die Stimme aus dem Leib krächzt. Auch "Desert Song" hat einen weniger vollen Klang, der Song klingt als hätte er ein drittes Gebiss das dringend eine Haftcreme benötigt um überhaupt zubeißen zu können. [Anm. d. Lekt.: Bonnet oder der Song...?]

Wer glaubt, bei einer Band kommt es nur auf den Sänger an, die anderen seien austauschbar, wird hier eines besseren belehrt. Conrado Pesinato ist zwar – wie man auf Disc Eins hören kann – ein ganz guter Gitarrist, aber Ritchie Blackmore und Michael Schenker sind eine ganz andere Liga und alleine diese nachzuspielen eine schwierige Herausforderung. Überraschend ist dafür wie bemüht und solide er versucht Yngwie Malmsteen auf "Hiroshima Mon Amour" zu kopieren. Insgesamt sind die Coverversionen der Songs von ALCATRAZZ, IMPELLITTERI und Graham Bonnet solo besser gelungen, als die der MICHAEL SCHENKER GROUP und RAINBOW. "Night Games" ist der einzige Song, der hier in der etwas tiefer gestimmten Version sogar etwas besser klingt als im schrilleren Original auf Bonnets Album "Line-Up". Auch "Island in the Sun" und "Witchwood" sind ganz passabel. Lediglich der finale Song, "Here Comes The Night", klingt im Original deutlich besser.

"They promise a powerful set-list showcasing Graham's extraordinary career performing the songs the way you know them" – das trifft nicht wirklich zu. Will man die Songs so wie man sie gewohnt ist, sollte man besser zu den originalen Alben greifen. Die Bonus-Disc ist mehr als flüssig... überflüssig.
Schade, dass auch bei der Promotion die Neuaufnahmen mit so viel Nachruck angepriesen werden und das eigentliche Album fast schon zur Fußnote verkommt, denn dieses ist ein insgesamt solides Album mit kleinen Durchhängern, an dem Rockfans aber sicher mehr Freude haben als an den lauwarm aufgewärmten alten Songs.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Brigitte Simon (05.02.2017)

WERBUNG: Uzziel
ANZEIGE
WERBUNG: FLESHGOD APOCALYPSE - Veleno
ANZEIGE