FJOERGYN - Lvcifer Es

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VÖ: 24.02.2017
Bandinfo: FJOERGYN
Genre: Avantgarde Metal
Label: Lifeforce Records
Lineup  |  Trackliste

Wirklich positiv hat mich der Appetizer "Terra Satanica" ja nicht auf das neue Album von FJOERGYN gestimmt: die missratene Produktion sowie der aufgesetzte, oftmals überambitionierte, weil viel zu aufdringlich in Erscheinung tretende Bombast haben einige gute Ideen im Ansatz vernichtet und die Band ungewohnt überhastet agierend gezeichnet. Nun also soll aber "Lvcifer Es", das nunmehr fünfte Studiowerk der Thüringer Avantgardisten, als Labeldebüt bei Lifeforce Records erscheinen und da man auf dem Full-Length-Gebiet bisher eigentlich meist verlässlich war, ist für das Quintett aufgrund besagter EP natürlich noch rein garnichts verloren.

Fangen wir im Stile der "Terra Satanica"-Rezension aber erstmal beim Klanggewand, welches ja seinerzeit durch seine unausgewogene Abmischung eigentlich besonders negativ aufgefallen ist, an und stellen dabei im atmosphärischen Intro "MMXVII" flugs fest, dass man für das Album eine deutlich ausgewogenere Abmischung gefunden hat, bei der mir persönlich gerade die ruppig-erdigen Gitarren und perfekt in Szene gesetzte Bass besonders zusagen. Die Orchestrierung sticht dabei zwar immer noch hervor, erdrückt die restlichen Instrumente sowie den Gesang aber, wie man vor allem im Direktvergleich der zwei verschiedenen Versionen von "Terra Satanica" feststellen kann, nicht mehr.

Und das ist nicht nur angenehmer für das Gehör, sondern wird auch dem komplexen, avantgardistischen Charakter des fünften FJOERGYN-Werks gerecht, bei dem es eben die Feinheiten sind, die dem großen Ganzen zutragen sollen. So wird man schon bei "Leviathan" mit einem anklagenden Prolog, Metal verschiedenster Tempovariationen und düsterem Chorwerk konfrontiert, die zwar allesamt schlüssig kombiniert wurden, insbesondere bei den ersten zwei bis drei Durchgängen aber noch leicht überfordern können. Eine ähnliche Tendenz weißt auch das folgende "Viva La Inquistion" auf, das zwischen seinen geradlinig-metallischen Sägephasen mit einer Nuance Black Metal immer wieder von originellen Sprechpassagen übernommen wird, die man in ähnlicher Gestalt auch schon auf "Ernte im Herbst" oder auch "Sade et Masoch" angetroffen hat. Trotz aller Evolution sind sich FJOERGYN also auch ihrer Wurzeln bewusst.

Zu diesen Wurzeln gehört naturgemäß auch, dass "Lvcifer Es", ganz in der Tradition der Band eben, ein Werk ist, das dem Hörer viel Zeit abnötigen will und auch muss, um das zunächst als Chaos wirkende, in einer guten Stunde stattfindende Konzept, das FJOERGYN nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch im Kopf schwebt, komplett in Einklang bringen zu können. Das mag manch einen nicht fesseln, erweist sich aber besonders dann als äußerst fesselnd, wenn die Herren zunächst in "Lvcifer Es" auf spanisch angehauchte Akustikeinschübe setzen, später bei federleichtem Prog-Rock geruhsam mit Baal dinieren und zum Abschluss von "Freiheit" sinnieren, weil man hier bewusst einige Wagnisse eingeht und sich für diese Experimentierbereitschaft dann auch selbst mit einem tadellosen Titeltrack und zwei richtig guten Longtracks belohnt, die zwar ebenfalls sehr vielschichtig arrangiert sind (auch der großartige Klargesang hält Einzug) und teils auf mehreren Ebenen erzählt werden, durch ihre konsequente Art aber zur mehrmaligen Erkundung einladen.

In Momenten wie diesen macht sich bei mir als langjähriger FJOERGYN-Anhänger hauptsächlich Erleichterung breit - die Thüringer sind immer noch in der Lage, Werke mit enormer Sogwirkung und Spannung zu schreiben. Damit macht "Lvcifer Es" nicht nur die arg schwachbrüstige EP wieder vergessen, sondern reiht sich fast nahtlos neben dem ebenfalls gewaltigen "Monument Erde" ein. Ehrlicherweise bestand anfangs keine Aussicht auf ein derartiges Abschneiden, aber abgesehen von manchmal zu verflochtenen Sprösslingen wie "Blut Samen Erde" (inkl. eines aufgegriffenen "Weil... menschlich ist"-Zitats von "Thanatos" vom Vorgängeralbum) springt der Funke zumeist über. Wenn es drauf ankommt, sind FJOERGYN also mal wieder zur Stelle und aufgrund des bisher gezeigten (Grower-)Potenzials sind die vier Punkte letzten Endes eine reine Momentaufnahme mit steigender Tendenz.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (23.02.2017)

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