OCEANWAKE - Earthen

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VÖ: 10.03.2017
Bandinfo: OCEANWAKE
Genre: Death/Doom Metal
Label: ViciSolum Productions
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Lineup  |  Trackliste

War schon der Vorgänger „Sunless“ alles andere als leicht verdaulich, setzen die Depri-Kings aus dem südfinnischen Küstenörtchen Luvia mit ihrem dritten Langspielwerk „Earthen“ noch einen drauf, und uns hilflosen Konsumenten zwei musikalische Monolithen vor, die diese Bezeichnung auch mal ausnahmsweise verdient haben. „Storm Sermon“ und „In Amidst The Silent Thrones“ dauern jeweils zwischen einundzwanzig und fünfundzwanzig Minuten und verlangen dem geneigten Zuhörer so ziemlich alles ab. Die am Cover abgebildete, verlassene Achterbahn (Foto: Chris Luckhardt – er knipst und filmt ausnahmslos verwaiste Dinge und Plätze rund um den Globus) versinnbildlicht nicht von ungefähr den Vortex, den Strudel an Emotionen, in welchen man hier von Beginn an gesogen wird - und kaum jemand kann sich dagegen wehren. „Earthen“ bringt die thematisch verwobene Album-Trilogie mit „Kingdom“ und “Sunless“ nun zu Ende und zu einem Höhepunkt. Erwähnenswert auch, dass in den beiden Stücken ungebrauchtes Material aus den „Sunless“-Sessions eingearbeitet wurde, um die musikalische Verbindung herzustellen und die Thematik zu verknüpfen.

OCEANWAKE werden ihrem Namen hier einmal mehr gerecht: denn wie eine Schiffsreise in unruhige, ja stürmische Gewässer scheinen die Lieder zu sein, irgendwann kentert der Kutter und man wird hinab gezogen in unendliche Tiefen, wo kein Licht mehr das bizarre Leben erreicht, wo die von unserer Anthalerero so heiß geliebten Anglerfische wohnen und riesige Octopoden und der Leviathan die Finsternis beherrschen. „Storm Sermon“, die Predigt für den Sturm, dräut wie ein selbiger unheilvoll herauf, der entrückte, zweistimmige Cleangesang tut der Musik und der Stimmung hier unheimlich gut – klingt irgendwie wie AMORPHIS in slow-motion. Der langgestreckte Mittelteil hat etwas von PINK FLOYD – kein Wunder, bekennen sich die fünf Finnen ja seit jeher unter anderem zu Art Rock aus den Siebzigern. Die Stimmungsmäander wirken wie Aufzüge eines Theaterstücks, und das ist wohl auch so gedacht: die einzelnen Teile werden manchmal bis zum Exzess ausgereizt, ohne dabei in Monotonie zu verfallen. Hier kann man auch mal einen einzigen Akkord auf der Klampfe zwei Minuten lang stoisch durchschlagen und es bleibt immer noch spannend.

Vor dem geistigen Auge ziehen die Bilder wie in einem düster-grauen Panoptikum vorbei, wie in einem Kaleidoskop aus Schwarz und Weiß. Das perfekte Spiel mit den Emotionen und deren Balance gegeneinander ist die große Kunst von OCEANWAKE. Und so wird auch der zweite Track „In Amidst The Silent Thrones“ niemals zu monoton, nie langweilig. Auch hier funktioniert der Song in erster Linie in sich selbst: hier sind viele Songs in einem Song. Der rote Faden besteht aber oft nur aus einem entfernten Gedröhne im Hintergrund oder der unendlichen Schwärze, die die einzelnen Teile umgibt. Geniehaft mündet hier liebliches, versöhnliches Gitarren-Gezirpe in unglaublich abgründiges, massives Song-Unwetter und umgekehrt, und trotz der nur Lava-artigen Vorwärtsbewegung schaffen es die Fünf immer wieder, mit Kniffen und Wendungen zu überraschen.

Das macht eine große Erzählung aus, und auch eine große Platte. „Earthen“ ist beileibe nicht nur ein Meisterwerk im herkömmlichen Sinn, es ist ein Monument des Stoizismus, ein Fanal des in-sich-Beharrens, es ist Evolution durch fortwährendes, unaufhörliches Rotieren um die eigene Achse. Der Hörer ist hier gefordert, sich fallen zu lassen in dieses Meer der Gefühle. Ob diese dann als positiv oder negativ empfunden werden, liegt neben der subjektiven Wahrnehmung wahrscheinlich auch am jeweiligen Gefühlszustand. Gegen OCEANWAKE klingen Genre-Kollegen wie AHAB oder SWALLOW THE SUN mittlerweile wie Feelgood-Easylistening-Pop, auch dank der intensiven Produktion von Jonne Järvelä (KORPIKLAANI). „Earthen“ ist ganz grosser Pathos und bringt den Jungs hoffentlich die Beachtung, die sie mindestens schon seit „Kingdom“ verdienen - es wäre an der Zeit.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (10.03.2017)

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