AMIENSUS - Ascension

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VÖ: 01.07.2015
Bandinfo: AMIENSUS
Genre: Black / Death Metal
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

AMIENSUS sind noch ein recht unbeschriebenes Blatt, obgleich sie in den nunmehr 7 Jahren ihrer Existenz schon zwei Alben und einige EPs veröffentlicht haben, die sich durchaus hören lassen. Bei allen Veröffentlichungen ist vor allem der hohe Grad an Professionalität, kompositorischer Reife und technischer Ausgefeiltheit bemerkenswert. Das trifft vor allem auf das vorliegende Album „Ascension“ zu, welches im Vergleich zu „Restoration“ geradliniger, kompakter wirkt, sodass der Eindruck entsteht, die Band habe recht schnell zu einem eigenen Stil gefunden, den sie auch gleich perfektioniert hat.

Bis 2015 waren mir AMIENSUS noch unbekannt, was sich erst dann änderte, als ich mitbekam, dass Arsafes diese Band bewarb, für die er das Mastering durchgeführt hatte. Da ich seine Bands KARTIKEYA, NEVID und ARSAFES bereits schätzen gelernt hatte, interessierte mich natürlich, wie AMIENSUS klängen.

Stilistisch zelebrieren AMIENSUS eine Verschmelzung verschiedenster Stile, wobei sie im progressiven, melodischen Black und Death Metal verwurzelt sind, aber auch Elemente aus dem Folk und Rock implementieren. Der Sound auf „Ascension“ ist ein großes Plus, da er kraftvoll und massiv daherkommt, was vor allem auch den ruhigen Passagen eine großartige Dynamik verleiht. Jedes Instrument ist klar hörbar, kann über die gesamte Spieldauer hinweg verfolgt werden. Bei der Vielschichtigkeit der Instrumentierung ist dies wahrlich nicht selbstverständlich.

Das auffallendste Charakteristikum sind dabei die Vocals, welche von nahezu allen Mitgliedern beigesteuert wurden. Es gibt Growls und Screams in unterschiedlichen Lagen, welche in fast jedem Lied vorkommen, sehr emotional wirken und die unterschiedlichen Stimmungen perfekt akzentuieren. Dies gilt auch für den klaren Gesang, welcher meist in Baritonlage dargeboten wird, manchmal alleine in der musikalischen Landschaft steht, dann aber wieder in Chören arrangiert und/oder als Gegengewicht zu den extremen Vocals auftritt. Das trägt stark zum epischen, symphonischen Charakter der Musik bei.

Die Gitarrenarbeit ist ebenfalls hervorzuheben. Die Riffs und Melodien sind auf den Punkt genau gespielt und der Gitarrensound passt gut zu den jeweiligen Stilelementen. Da die Musik mehrheitlich melodischer Natur ist, spielen die Leadgitarren eine wichtige Rolle bei der Erzeugung der Atmosphäre, wohingegen die Rhythmusgitarren in Zusammenwirkung mit dem akzentuierten und punktgenauen Drumming sowie dem gut hörbaren Bass die Basis für alles andere bilden, dabei jedoch nicht ohne eigene Höhepunkte bleiben. Es gibt auf diesem Album viele ruhigere Passagen mit feinfühligen, emotionalen Clean-Gitarren sowie einer Menge an Soli. Außerdem spielt das Keyboard eine wichtige Rolle, da es nicht nur dem symphonischen Charakter zuspielt, sondern auch gelegentlich in die vorderste Front dringt und gekonnt Führungsrolle übernimmt. Allgemein wissen AMIENSUS sehr gut, wie sie Spannungen aufbauen und gar zu deren Auflösung führen können. Dies trägt ganz besonders zur außerordentlichen Qualität des Albums bei: Ein enormes emotionales Spektrum wird auf eine Art und Weise vertont, zu der selbst erfahrenere Bands selten in der Lage sind. Seien dies die rasenden Black-Metal-Parts oder die träumerischen Klanglandschaften mit klaren Gitarren oder post-rockigen Spannungsbögen, mit denen sie alterieren – jedes Detail ist an seinem wohlbedachten Platz und reflektiert die Feinfühligkeit, zu der die Jungs in der Lage sind. Das grenzt schon an Perfektion.

Auch die Texte sind näherer Beschäftigung würdig. Sie sind persönlich, obgleich sie eine gewisse Abstraktionsebene aufweisen, die sehr im Einklang mit meiner persönlichen Herangehensweise an Texte zu solcher Musik steht. Hauptsächlich behandeln sie philosophische und theologische Fragen, die sich aus dem eigenen Erleben ergeben: die Suche nach Selbst, Wahrheit, Wissen. Diese Überführung des Einzelnen ins Ganze gefällt mir an diesem Album besonders gut, vor allem mit der einhergehenden rhythmischen Variation, welche sich in vielen 6/8-Takten niederschlägt, welche mich allgemein auf nahezu mystische Art und Weise stärker berühren.

Ähnliche Bands fallen mir nicht ein, aber manchmal fühle ich mich an frühe DORNENREICH und EMPYRIUM erinnert, manchmal an OCTOBER FALLS, KLABAUTAMANN und BORKNAGAR, wogegen dann mache Parts wieder klassisch nach Black Metal klingen.

Letztlich ist das eine klasse Scheibe, die mich noch viele Jahre begleiten wird. Gesanglich und stilistisch begehen AMIENSUS freilich eine Gratwanderung, die nicht jedem schmecken wird, und die eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet, in welche sich die Band zukünftig entwickeln kann. Aber angesichts des neuen Materials von der „All Paths Lead to Death“ erübrigt sich zumindest meine Befürchtung, AMIENSUS könnten in zu softe, vor allem gesanglich zu Nu-Metal-artige Gefilde abdriften. Offenbar hat diese Band genug Selbst-Reflektion und kreativen Input von vielen Mitgliedern, dass sie sich um eine produktive Zukunft keine Sorgen machen muss, ohne ihre Authentizität zu verlieren.


Diese Rezension wurde auch in englischer Sprache auf www.thought-palace.com veröffentlicht.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (30.03.2017)

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