NAD SYLVAN - The Bride Said No

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VÖ: 26.05.2017
Bandinfo: NAD SYLVAN
Genre: Art Rock
Label: Inside Out Music
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Lineup  |  Trackliste

Es gibt Alben, die kann man sich hundertmal anhören, und man findet und findet keinen Schwachpunkt. Ok, die Generation Mimimimi, der ich gottlob nicht angehöre, sieht das wahrscheinlich etwas anders, an die richtet sich vorliegendes Werk aber auch nicht unbedingt. Natürlich kann man immer nörgeln: dies hier ist zu lang, das Solo ist schlecht, hier war man etwas zu schwülstig, dieses und jenes hab ich schon zigmal gehört. Aber von solchen Kleinigkeiten lässt sich ein so visionärer Künstler wie NAD SYLVAN nicht vom Schaffensprozess ablenken. Das schwedische Multitalent liefert wieder mal opulent ab und versammelt zum zweiten Male die einschlägige Prog-Elite um sich.  Für Freunde des reduzierten, trotzdem immer wieder gerne überbordenden Prog- und Art-Rock, die sich auch gerne mal prätentiöses Zeug wie MARILLION  reinschiessen, ist das zweite Soloalbum des AGENTS OF MERCY- und STEVE HACKETT-Vokalisten wahrscheinlich wieder eine Offenbarung: Hier gibt es auch beim hundertsten Durchlauf keinen Schwachpunkt zu finden, und nebenbei veredeln eben Kapazunder wie Guthrie Gowan, Tony Levin, Steve Hackett himself, Nick D’Virgilio, Jonas Reingold und Roine Stolt das schöne Teil.

Schon beim Opener „The Quartermaster“ mit seinen wuchtigen Eighties-Keyboard-Signaturen wird offenbar, wo der Reiz von NAD SYLVAN liegt: ohne großartig neues Terrain zu erschließen, lotet er doch die bekannten Grenzen der Genres immer wieder für sich neu aus. Passend zur Thematik schwingt obendrein immer ein wenig dieser Mittelalter-Romantik-Flair mit, dem der Meister so gerne frönt. Das lieblich-ätherische Gitarrengezirpe von Steve Hackett fusioniert mit dem groovenden Drum-Teppich Nick D’Virgilios, unterlegt vom wummernden Chapman-Stick von „Onkel“ Tony Levin. So ist der Song fast eine Blaupause für das, was da noch folgt. Hervorheben möchte ich hier einerseits das wunderbar getragene „What Have We Done?“, das im Ansatz fast ein wenig klingt, als wäre es auf PINK FLOYDs „The Wall“ gestanden, und am Ende ein zu Tränen rührendes Soli-Duell der Virtuosen Steve Hackett und Guthrie Gowan in petto hat, dass dir die Nackenhaare nur so stehen. Weiters wäre da das symphonisch angehauchte „Crimes Of Passion“, durchgehend episch, proggig verspielt im Mittelteil, und über Allem schwebt dieser „Kashmir“-Vibe.

Der schrullige Nad schafft es erneut, den Spagat zwischen PETER GABRIEL-Solo-Sachen (das getragene „When The Music Dies“ etwa), Krautrock (Cembalos und spooky-extrovertiertes Geträller in „The White Crown“), Fast-Kommerz („A French Kiss…“ erinnert gar an modernere GENESIS!) und verspieltem Über-Prog (der finale Titeltrack mit der wunderbaren Tania Doko an den Gast-Vocals  spielt erwartungsgemäß „alle Stückerl“…) so selbstverständlich zu vollziehen, als würde er daneben noch in aller Ruhe Zeitung lesen und Kaffee schlürfen können. Ok, wahrscheinlich kann er das ja auch. Und nebenbei schwelgt er in der Storyline noch in seinem Faible für Vampirgeschichten der Renaissance. Hat Meister Sylvan, der übrigens aussieht wie eine Symbiose aus David Bowie und Alice Cooper, letztens noch die Witwe hofiert, so sagt diesmal die Braut „nein“. Man bleibt also inhaltlich beim Thema, die Platte ist ja auch der zweite Teil einer geplanten Trilogie, und kann musikalisch noch einen auf’s Debut draufsetzen. Anyway, ich sage: ja!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (23.05.2017)

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