DA BOANAD - Mystericum

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VÖ: 02.06.2017
Bandinfo: DA BOANAD
Genre: Hard Rock
Label: Pure Rock Records
Lineup  |  Trackliste

Lederhose und Dirndl erfreuen sich seit einigen Jahren im alpenländischen Raum einer Renaissance – es ist wieder hip, sich in Tracht zu schmeißen und sich seiner Wurzeln und Traditionen zu besinnen. Ad Fontes – nur mit dem Unterschied, dass die Gelehrten der Aufklärung sich auf die Ursprünge ihrer wissenschaftlichen Quellen besonnen haben und die Rückbesinnung des rudimentären Bergtalbewohners darin gipfelt, ein „Mia san mia"-Gefühl zum engstirnigen Dogma zu erheben, welches aus Traditionspflege, den peinlichen Auflauf der sozialökonomischen und bildungstechnisch auf "Niveau Traktorführerschein" hängegebliebenen, syntax- und orthographiebehinderten Agraraggrohaupschulabbrechern [Anm. d. Lekt.: Wortkreation des Jahres, Herr Kollege! Hier, ein Keks!] werden lässt. „Willst mit mir tanzen gehen – i glaub i steh auf di!“ Die feschen Madln im Dirndl und die strammen Buam wehren sich gegen eine zunehmend vernetzte und globalisierte Welt, den Leistungsdruck einer ökonomischen Systemstruktur, in welcher der freie Handel regiert und das einzelne Individuum unter der Last seiner persönlichen Herausforderungen zu erdrücken scheint – der „Angry White Man des Gebirges“ sucht, ähnlich dem Redneck im amerikanischen Süden, sein Heil in der Abkapselung von der Außenwelt und dem Beschwören eines regional, beziehungsweise nationalstaatlich beschränkten Wir-Gefühls, gefüttert von Populismus und billiger "Heile Welt"-Unterhaltungskunst. Gesucht wird das Seelenheil in einem gelobten Land, in welchem es dem „aufrechten Ureinwohner“ an nichts fehlt und die historisch gewachsenen Traditionen des Kollektivs als Rechtfertigung für einen rückständigen Gesellschaftsentwurf vorgebracht werden: Frauen an den Herd, Männer in die Arbeit, Sonntag in die Kirche und wer aus der Reihe tanzt, kann und darf nicht vertrauenswürdig sein! „Wir sollten uns erinnern wie es immer bei uns war, und genau so soll es auch bleiben!“ – Originalzitat eines nicht näher genannten Regionalfürsten und Spiegel der Seele einer vermeintlich perspektivlosen Generation Lederhosenfetischisten: Da schlagen die lyrischen Verbrechen an der modernen Gesellschaft der steirischen (ursprünglich nordslowenischen) Schmalztolle, die Befreiungsphantasien der italienischen Bambis und das aufreizend verpackte Gedankengut einer im Herzen zutiefst biederen russischen Schlagerelse in der Gefühlswelt der Ziegenpeters und Heidis ein wie eine Bombe – gefüllt mit Enzianschnaps, Bier und ganz viel Bauchspeck… „Weil Bluat is immer no dicker wia Wasser!

Hängt man nun dem regionalbeschränkt denkenden Huber Sepp eine Gitarre um, lässt ihn die Standardnummern des Bauernrockfanrepertoires („Hells Bells“, „Highway To Hell“, „Smoke On The Water“) und ein paar RAMMSTEIN-Nummern hören und so ähnlich rumklimpern, dann bekommt man am Ende DA BOANAD – ein Hybrid aus glorifizierter Heimatfolklore und Zeltfeststimmung, unter dem Deckmantel des rebellischen Hard-Rocks. Revolutionär ist dabei aber genau gar nichts, anstatt einen kritischen Heimatbegriff anzudenken, verfällt man in die Glorifizierung seines urbayrischen ländlichen Lebensstils und des entsprechenden aus dem 16. Jahrhundert stammenden Weltbildes („Scheinheilig“) und schreckt auch nicht davor zurück, den Völkermord an den Indianern auf die anscheinend, durch was auch immer, bedrohte, eigene blau-weiße Spezies umzumünzen („Indianer aufn Kriegsfuß“). Man frönt der 50er-Jahre-Heimatfilmromantik („Wuidara“) und augenscheinlich ist für die Bandmitglieder das größte im Leben das Vorhandensein von Weibsvolk im Dekollete-betonten Dirndl und geräucherter Sau zum Bier beim Frühschoppen („Manner, Weiber, Bluat und Bier“). Untermalt wird der lyrisch-intellektuelle Kaffeesatz von einer Mischung aus den bekannten Dorfdiscorocknummern, die aber, aufgrund des Härtegrades, erst nach Mitternacht angespielt werden (Einmal im Jahr pilgert die Landjugend zu AC/DC und „rockt“ die Hütte – und das in gelben Gummistiefeln!) und volksmusikalischen Gedudel auf Schlagerebene. Hier kann der rudimentäre, jungfräuliche Mittvierziger-Grauviehbauer schunkeln und gleichzeitig vorgeben ein Rocker zu sein, so wird selbst der Aufgrund der Verwandtschaft seiner Eltern schielende Jungbauer noch einmal zum coolen Luftgitarrenhelden, der vielleicht sogar heute Nacht noch bei seiner Cousine landen kann, und das alles ohne die vorgeschriebenen Regeln des ländlich-kommunalen Lebens zu verletzen. Wer jetzt noch nicht endgültig überzeugt ist, kann sich einen „Nicht links, nicht rechts, nicht Deutsch!“-Aufkleber mit stolzem bayrischen Löwen und DA-BOANAD-Bandlogo auf sein Hirn kleben, während er durch die Kotze und Pisse seiner angesoffenen Musikkapellenfestkollegen robbt… Was soll einem dazu noch einfallen? Am Ende stellt sich, eben neben der Erkenntnis, dass DA BOANAD sich in musikalischen Strukturen gleich einfach aufstellt wie die Gedankenwelt der potentiellen Hörerschaft, nur das pure Fremdschämen ein – die Musikantentruppe könnte als Vorband der Antigenderschmalztolle auftreten, der Dirndl- und Karohemdpöbel würde vor Freude jauchzen und sich in kollektiver Selbstliebe in einer Süskind'schen-Orgie wiederfinden; Eine geradezu ekelhafte Vorstellung, die selbst die niedrigsten intellektuellen Porngrind-Ansprüche mit Leichtigkeit untertaucht und einen am ganzen Körper erschaudern lässt! Ad fontes donec erubescerent!



Da die Stormbringer-Wertungsskala sich nur im Bereich der positiven Zahlen bewegt, ergeht für "Mystericum" keine Wertung - ein noch nie dagewesener Härtefall des anspruchslosen Schreckens... 



Ohne Bewertung
Autor: Laichster (28.05.2017)

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