DØDSENGEL - Interequinox

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VÖ: 19.05.2017
Bandinfo: DØDSENGEL
Genre: Black Metal
Label: Debemur Morti Productions
Lineup  |  Trackliste

Norwegischer Black Metal - das bedeutet heutzutage vorwiegend (aber natürlich nicht immer) einfallsloses Legenden-Worshipping direkt aus der skandinavischen Komfortzone. Dagegen sind DØDSENGEL aus Ålesund eine Anomalie, die sich bereits mit dem treffenden Titel des Debüts, "Visionary", von Gleichförmigkeit und schablonenhaftem, durch exzessiven Gebrauch längst ergrautem Songwriting distanziert haben. Diese Positur fand im bislang letzten Werk "Imperator", das es nicht nur auf imposante 149 Minuten Spieldauer brachte, sondern ungeachtet dessen auch mit einem hohen Facettenreichtum brillieren konnte (der anschließende Vertragsabschluss bei Debemur Morti Productions ist eine große, berechtigte Auszeichnung), ihren Höhepunkt und da ist es nicht besonders verwunderlich, dass sich das Duo für "Interequinox" fünf Jahre Zeit zugestanden hat, um dem eigens erarbeiteten, hochgeachteten Standing gerecht werden zu können - und abermals einige nicht gerade kleine Innovationen zu implementieren.

Um es direkt vorweg zu nehmen: Zu diesen gehört die Spielzeit, obwohl sie dieses Mal mit gut 56 Minuten weit mehr als eine Stunde "geringer" ausfällt, wohlgemerkt nicht. Dafür speit "Interequinox", während DØDSENGEL gemäß dem Titel zwischen Äquinoktien (zu deutsch: Tag-und-Nacht-Gleiche) driften, mit fortschreitender Dauer zu viele inspirierte und interessante Experimente aus, die sehr viel Konzentration einfordern, das Album aber auch zu einem einzigartigen und hochklassigen Black-Metal-Schauspiel machen. Autarker Klargesang? Würden sich viele andere Bands nicht mal in ihren kühnsten Träumen wagen. Gleich im Opener "Pangenetor" wird man damit konfrontiert, in "Rubedo" verschmelzen Kark und die nicht weiter genannte Gastsängerin gar zu einem exotischen, an Brit-Rock erinnernden Duett mit Falsett und in "Emerald Earth" oder auch "Illusion" nimmt das gar packende Gestalt an. Nach zahlreichen Durchläufen haften diese Momente im Gedächtnis; trotz dessen, dass sie keineswegs zu eingängig oder soft arrangiert wurden.

Selbstredend findet auf "Interequinox" aber auch der gewohnte DØDSENGEL-Wahnsinn sein Ventil, sodass man am Ende von einer sehr gelungenen Mischung (der Prototyp zwischen den beiden Seiten ist eindeutig "Værens Korsvei") sprechen kann. Die mystischen Energien ("Palindrome"; dezent psychedelisch) und das ungezügelte Chaos ("Prince Of Ashes", "Opaque") lassen sich nämlich ebenfalls zuhauf entdecken, was wiederum im Gesamtverbund dafür sorgt, dass man hier das vermutlich diverseste vielfältigste Album der Norweger vorfindet, gleichzeitig aber keinerlei Anzeichen einer losen Ansammlung von Liedgut erkennen kann. Komplettiert wird dieses Großereignis durch das überragende Artwork und das genial-eigenartige Soundbild mit erdiger, schroffer Note und einer enormen Dynamic Range, welches in dieser Form auch nur zu diesem einen Werk passt bzw. passen wird.

Für engstirnige Puristen ist "Interequinox" also eher ungeeignet, vor Orthodox-Black-Metal-Liebhabern wird sich hier aber ein riesiger, zusammenhängender Kosmos auftun, der neben weiteren neuen Genre-Highlights von ACHERONTAS und NIGHTBRINGER unbedingt ergründet werden will. Das nunmehr vierte Werk von DØDSENGEL wird durch seine imaginative Kraft bzw. durch die zahlreichen erfrischenden und spannungsreichen Experimente in nahezu tadelloser Kombination mit den Markenzeichen noch lange nachhallen und gehört damit ohne jeglichen Zweifel zu den Black-Metal-Jahreshighlights 2017. Debemur Morti haben hier völlig zu Recht die Fühler ausgestreckt und erweitern ihr Line-Up um ein Projekt mit zwei kongenialen Musikern, von denen man in Zukunft höchstwahrscheinlich noch einiges erwarten darf.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (13.06.2017)

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