THE CONCORDANCE MODEL - Incremental

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VÖ: 28.04.2017
Bandinfo: THE CONCORDANCE MODEL
Genre: Progressive Rock
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Webshop
Lineup  |  Trackliste  |  Credits  |  Trivia

Der österreichische Musikmarkt, die einheimische Musikszene ist anständig am Umrühren. In jeder Nische, in jedem Genre gibt es unzählige, auch international konkurrenzfähige Bands. THE CONCORDANCE MODEL aus dem Süden von Wien tummeln sich da im Speziellen in der sehr progressiven Rockecke. Und das machen sie sehr gut, soviel sei schon anfangs gesagt.

Der Wunsch, den Rock progressiv zu zelebrieren entstand 2012. Anton Kreuzer (Gitarre) traf sich schon vorher mit zwei ihm namentlich bekannten Musikern, Tobias Suske, Schlagzeug und Alexander Unterkreuter, Bass, um zu experimentieren, Stile auszuloten, wie sie es selbst nennen. 2012 wurden nicht nur erste Songideen dem elektronischen Hirn zugeschanzt, sondern auch ein Sänger, Martin Pittamitz, hinzugezogen, und so entstanden dann die Songs. Dieser Sänger, Martin Pittamitz, ist nebenher auch noch für die Akustikgitarren zuständig. Warum soll man nicht zeigen, was man alles kann.

Es dauerte dann doch noch bis in den Herbst 2016, bis alle Takes im Kasten, oder eher am Rechner, waren und der Kreuzer Toni sich dem Mischen und Mastern zuwandte. Und das, liebe Freunde, hat er sich im Selbststudium beigebracht. Youtube war da die Ressource. Wenn man sich das Album anhört und sich die Geschichte dazu vergegenwärtigt, kommt man nicht umhin, den Hut vor dem zu ziehen, was uns THE CONCORDANCE MODEL mit ihrem Erstling "Incremental" hier präsentieren. Da gibt es Produzenten, die den Job schon Jahrzehnte länger machen und nicht einmal in die Nähe dessen kommen, was uns der Wiener Zweier hier präsentiert! Dicht, differenziert, opulent und immer passend. Was hier geschaffen wurde, ist phänomenal. 

"Progressiv" bedeutet in der Rockmusik mittlerweile wohl eher genau das Gegenteil als am Anfang. Die Wurzeln der progressiven Rockmusik reichen zurück bis in die 60er Jahre und die Schwemme an Progmetal und Progrockbands seit der Entstehung von DREAM THEATER hat die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "progressiv" massiv verändert. Aber als Schublade oder grobes Einstufen der Richtungen in der zeitgenössisch-technischen Musik kann man sich wohl daran festhalten. Also: Prog-Rock. 

THE CONCORDANCE MODEL evozieren als Zwei-Mann-Besetzung mit "Incremental" eine starke, einstündige Reise durch Klanglandschaften, die gerne an PORCUPINE TREE erinnern ("Deception Sequence" hat etwas von "Anesthetize"). Vor allem die Schlagzeugarbeit erinnert immer wieder an Gavin Harrison. Neue OPETH oder deren Frontmans Solo-Elegien kann man vielleicht auch hinzuziehen, gemäßigtere YES, PINK FLOYD und ein paar BEATLES scheinen auch durch. Durchaus ein honoriger Hintergrund, vor dem man hier ein ziemlich forderndes, aber auch ziemlich spannendes Stück anspruchsvoller Rockmusik darbietet.

Das Album funktioniert trotz seiner Vielzahl an Spielereien wunderbar. Klar, man muss sich damit eingehend befassen, aber der gemeine Prog-Nerd (wie auch generell jeder Musikliebhaber) hängt bei solchen Alben ohnedies mit dem Kopfhörer oder der erlesenen Surround-Sound-Anlage mitten im Geschehen. Und dann entfaltet sich "Incremental" in seiner ganzen Breite.

Man muss sich noch einmal vor Augen führen, dass das Album völlig in Eigenregie entstanden ist, das aber hört man zu keiner Sekunde. Natürlich kann man immer noch mehr an Spuren auffahren, aber die Wiener machen das, was sie hier auf ihrem Debüt machen, ausgezeichnet. Eingängie Hits sucht man vergeblich, aber der babyblaue Musikfreund erwartet von so einem Album ein durchgehend hohes Niveau, nicht enden wollende Spannungsbögen, Musikalität und Ideenreichtum. Und all das bekommt man hier bei jedem einzelnen Song ohne Wenn und Aber geboten. Eingespielt von zwei (!!!) Musikern, die scheinbar alles können. Erneut reiss ich mir den Hut vom erkahlenden Haupt.

Hier sitzt jede Note, hier werden die Spielereien zelebriert und nicht lieblos, einfach um des Progs willen, in den Song geworfen. THE CONCORDANCE MODEL können, ganz einfach gesagt, sehr lässige, spannende Songs in der Schnittmenge zwischen Metal, Synthiespielereien und Progrock schreiben. Man fidelt nicht um zu zeigen, was für ein Hexer man doch auf dem Instrument ist, die Songs ergeben Sinn, winden sich und mäandern, nur um im nächsten Moment ganz logische Wendungen zu nehmen und den eben noch psychedelisch angehauchten Song mit harten Gitarren zu unterlegen oder dem Schlagzeug mehr Platz zu geben. Oder aber auch, um ein paar fetzige Synthiesounds in einem der Epen zu deponieren. Martins Gesang erinnert mit seinem mal nachdenklich, mal anklagendem Touch immer wieder an STEVEN WILSON, aber auch sehr oft an die guten alten PINK FLOYD.

Auch wenn ich hier massiv Vergleiche aufzähle, heißt das beileibe nicht, dass THE CONCORDANCE MODEL bloß kopieren. Einflüsse sind da, aber insgesamt steht das Album erhobenen Hauptes auf eigenen Beinen.

Die junge österreichische Rockszene hat mit "Incremental" den ersten großen Prog-Höhepunkt. Freunde spannend anstrengender und fordernder Musik sollten das Album auf jeden Fall auf der Bandcamp-Seite der Band antesten. Als Progger und generell als Freund von inhaltsreicher Musik kann man hier genau nichts falsch machen.

Auch hier gilt es: Unterstützt den Untergrund!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Christian Wiederwald (06.06.2017)

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