MANDO DIAO - Good Times

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VÖ: 12.05.2017
Bandinfo: MANDO DIAO
Genre: Indie Rock
Label: BMG
Lineup  |  Trackliste

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts waren Worte wie „Retro-Rock“ und „Garage Rock Revival“ in aller Munde und Bands wie THE WHITE STRIPES, THE STROKES, KINGS OF LEON, BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB aus den USA, FRANZ FERDINAND, BLOC PARTY und THE DARKNESS aus Großbritannien sowie THE VINES, WOLFMOTHER und THE DATSUNS aus Australien aus den Musiksendern und –zeitschriften nicht wegzudenken.

Auch aus Schweden kamen eine Handvoll Bands. Zu den erfolgreichsten gehörte, neben THE HIVES und SUGARPLUM FAIRY (der Band der Gustaf Noréns jüngere Brüder Carl und Viktor angehörten), MANDO DIAO. Spätestens seit dem großen Erfolg des Songs „Down In The Past“, von ihrem zweiten Album, „Hurricane Bar“, kam man um MANDO DIAO nicht mehr herum. Dank ihrer Produktivität blieben sie sehr präsent und auch die nächsten drei Alben wurden Top-Ten-Erfolge in den deutschsprachigen Ländern. Nach „Give Me Fire!“, dem bis dato erfolgreichsten Album der Band, das auch ihren größten Chartshit, „Dance With Somebody“, enthält, folgte das sechste Studioalbum, „Infruset“, auf dem schwedische Gedichte von Gustaf Fröding vertont wurden. Außerhalb Schwedens floppte das kaum beworbene Album.

Vor drei Jahren kehrte man mit „Ælita“ zu kommerziell zugänglicherer Musik zurück. Was den Fans hier allerdings geboten wurde, dürfte so manche vor den Kopf gestoßen haben. Mit den neuen elektronischen Sounds auf dem Album selbst, konnte man sich noch bis zu einem gewissen Grad anfreunden. Wirklich schlimm wurde es bei den folgenden Live-Auftritten der Band. Die Zeiten von Jeans und Gitarren waren vorbei, die Frontmänner Gustaf Norén und Björn Dixgård hüpften zuletzt in weißen Unterhosen zu Elektroklängen auf der Bühne herum. Der Anblick mag für die Augen gleichermaßen verstörend wie ansprechend gewesen sein, die Ohren jedoch wurden erbarmungslos malträtiert, als sie bis zur Unkenntlichkeit verhunzte Versionen von MANDO DIAO Klassikern über sich ergehen lassen mussten.

Keine Ahnung, in welchem neurochemischen Zustand sich ihre Gehirne damals befanden, oder ob es sich um Nachwirkungen des Musikprojekts CALIGOLA handelte, aber Noréns und Dixgårds Auftritte, und zum Teil auch Interviews, konnte man nur noch als „seltsam“ bezeichnen. Der einzig andere verbliebene der klassischen Besetzung, Bassist Carl-Johan Fogelklou, gab sich im Hintergrund sehr bedeckt (Gründungsmitglied Daniel Haglund spielte auf dem Debütalbum, kehrte aber erst zu „Infruset" zurück und hielt sich immer schon im Hintergrund).

2015 folgte der unerwartete Ausstieg Noréns, der bei Fans wohl gemischte Gefühle hinterließ – einerseits Trauer, da Noréns Stimme und dessen Kontrast zu Dixgårds ein wesentliches Element MANDO DIAOs ist, andererseits Hoffnung, dass sich die Band wieder regeneriert. Zudem wirkte Norén nach außen immer wie der gesprächigere der beiden Frontmänner (was auch an den Englischkenntnissen gelegen haben kann) sowie die dominantere Persönlichkeit.

Das Cover von „Good Times“ scheint nichts Gutes zu verheißen. Hier trieft der Kitsch so sehr, dass es sogar die bewusste geballte Ladung Kitsch des Hipgnosis-Covers zu ALBERTO DE LOST TRIOS PARANOIAS gleichnamigen Debütalbum übertrifft. Die wieder einmal nackten Musiker (diesmal nur gezeichnet, bei „Infruset“ noch fotografiert) befinden sich in einer idyllischen grünen „Traumlandschaft“. Vom leuchtend pastellblauen See mit Wasserfall, einem Regenbogen, Blümchen und diverses Getier, vom Kaninchen über Flamingos bis hin zur streichelzahmen Hyäne, ist alles in das Bild gepackt, was sich höchstens ein „typisches“ Teenie-Girl als paradiesisch vorstellt. Auch was die künstlerische Qualität des Coverartworks betrifft, ist es ziemlich enttäuschend. Vor allem die menschlichen (bzw. halb-menschlichen, da Fogelklou zum Kentaur gemacht wurde) Figuren sind in ihrer Ausführung erschreckend grob. Erhältlich ist das Album auf unschuldig weißen Vinyl, auf CD, wie auch als Download.

Nun zur Musik. Ist sie so schlimm wie das Cover? Oder ist das Cover vielleicht doch ironisch? Beim ersten Anhören – Ernüchterung, Erleichterung und Enttäuschung. Enttäuschung, weil „Good Times“ keine Rückkehr zu den Wurzeln ist. Erleichterung, weil es zumindest kein zweites „Ælita“ (das zwar durchaus ein paar gute Songs hatte) oder noch tieferes Eintauchen in einen „urbanen“ Sound ist. Ernüchterung, nachdem sowohl die Hoffnungen als auch schlimmsten Befürchtungen zerstreut wurden.

Dem ersten Eindruck nach nur ein mittelmäßiges Album, wird es nach mehreren Durchgängen immer offensichtlicher, was für ein insgesamt doch recht vielseitiges Album „Good Times“ ist und die Songs gewinnen zunehmend an Kontur.

„Break Us“ eröffnet das Album mit zarten Pianoklängen gepaart mit Dixgårds zunächst noch ebenso sanfter Stimme. Nach rund einer Minute wird beides kräftiger und nochmals eine gute Minute später (und ein paar wenigen Takten Violinenklängen) noch heftiger, was dieser Durchhalteballade aber nichts von ihrer melancholischen Stimmung nimmt.
„All the Things“ ist eine elektronische Dancenummer, die stilistisch irgendwo zwischen „Dance With Somebody“ und „Black Saturday“ angesiedelt ist und durchaus mitreißt.
Der Titeltrack, „Good Times“, bleibt in elektronischen Gefilden, ist aber gewöhnungsbedürftig und würde vielleicht besser zu einer Band wie BLOC PARTY, denn zum klassischen MANDO DIAO Repertoire passen.
„Shake“ ist eine sehr eingängige Nummer, ähnlich wie „All the Things“, die sich mit der Zeit zum richtigen Ohrwurm entfaltet. Die beiden Songs wurden auch als Singles mit Musikvideos mit scheinbar zusammenhängender Storyline veröffentlicht (wobei jenes zu „All the Things“ die Band vor allem in Krankenhauskleidung musizierend und auf ihren Betten herumtanzend zeigt).

Bei „Money“ nervt bereits beim ersten Mal das verzerrte „Money, Money, Money“ und lenkt von den sonst eigentlich guten Lyrics ab, doch der nächste Song, „Watch Me Now“, fängt gleich versöhnlicher an. Für Fans von MANDO DIAOs Frühwerk dürfte dieser Song das Highlight des Albums sein. Eine Midtempo-Nummer, „smooth“, mit einem tollen Bass-Groove und sogar einem Gitarrensolo.
Ebenfalls sehr gefällig ist das beinahe rein akustische „Hit Me With a Bottle“, das ähnlich wie der Opening Track zeigt, dass bei Dixgårds Stimme minimale instrumentale Begleitung (hier eine Akustikgitarre) reicht, um einen schönen Song zu kreieren.
Ohne zu viel Elektro-Firlefanz kommt auch das melancholische „Brother“ aus, dessen Atmosphäre man nur als „haunting“ bezeichnen kann. Danach erklingen wieder die Synthdrums. „Dancing all the Way to Hell“ lädt mit seinem Rhythmus zum Tanzen ein. Schwerer verdaulich sind die Klänge von „One Two Three“, die wohl nur etwas für eingefleischte Freunde elektronischer Musik sind. „Voices on the Radio“ ist da immerhin schon einen Tick besser, aber unspektakulär.
Mit der soften Synthpop-Nummer „Without Love“ findet das Album einen angenehmen Ausklang, bei dem Dixgårds samtige Stimme wieder gut zur Geltung kommt (der später einsetzende weibliche Gesang wäre nicht nötig gewesen, stört aber auch nicht wesentlich).

„Der schwierigsten Phase ihrer bisherigen Karriere hat die schwedische Rockband Mando Diao ihr vielleicht bestes Album überhaupt abgerungen. (…) Wenn Mitte Mai das neue und achte Mando Diao Album erscheint, ist alles ganz anders - und doch vieles wie gewohnt und sogar besser. “Good Times” ist in gewisser Weise das „Zurück in die Zukunft“-Album der größten schwedischen Rockband aller Zeiten.“ Das beste Album ihrer Karriere – und da dürften sich wohl alle MANDO DIAO Fans einig sein – ist „Good Times“ nicht und auch wenn man vielleicht einen kleinen Schritt zurück machte, Songs wie „Good Morning Herr Horst“, „Long Before Rock n‘ Roll“, „If I Leave You“, „God Knows“ oder „Sheepdog“ wird man hier vergeblich suchen.

Was am meisten fehlt ist natürlich Gustaf Noréns Stimme, die, cool bis aufgekratzt, einen Gegenpart zur warmen, klangvollen, heiser-samtigen Stimme Dixgårds bildete. Einziger Trost ist, dass es umgekehrt schlimmer gewesen wäre, da jene Dixgårds zu den markantesten dieses Jahrhunderts gehört und untrennbar mit MANDO DIAO verbunden ist.

Positiv hervorzuheben sind auch die Lyrics, die sehr nachdenklich ausgefallen sind und sich außer mit zwischenmenschlichen Beziehungen auch mit Gesellschaftskritik beschäftigen. An dieser Stelle muss man noch einmal auf das Cover zurückkommen. Wie es die Stimmung mancher Songs sowie die Texte verdeutlichen, hat man hier keine vertonte Kitschorgie vor sich liegen. Dreht man das Cover um, so zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die vermeintliche Utopie entpuppt sich als reine Kulisse, umgeben von einer tristen und bedrohlichen Welt, die im Unheil versinken zu scheint.

Auch wenn „Good Times“ kein Meisterwerk ist und man sich in Zukunft ein paar rockigere Nummern mehr wünschen würde, so ist es insgesamt doch ein solides, überdurchschnittles Album mit einigen Gustostücken, das zeigt, dass man die Band noch lange nicht abschreiben sollte. Im Gegenteil - es geht wieder bergauf!



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Brigitte Simon (23.05.2017)

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