AL-NAMROOD - Enkar

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VÖ: 16.05.2017
Bandinfo: AL-NAMROOD
Genre: Black Metal
Label: Shaytan Productions
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Lineup  |  Trackliste

AL-NAMROOD aus Saudi-Arabien, benannt nach der mythologischen Figur Nimrod, welche Gott lästerte und den bekannten Turmbau zu Babel vorantrieb, sind anno 2017 wieder mit neuem Material am Start. Das vorliegende Album „Enkar“ ist immerhin schon das sechste der neunjährigen Bandgeschichte, was in jedem Fall ein überdurchschnittlich hoher Output ist. Wenn dann noch die vielzitierten Umstände in Betracht gezogen werden, unter denen diese Musiker proben und aufnehmen (worauf ich aber nicht als fünfzigster Rezensent genauer eingehen möchte), ist dieser Veröffentlichungsfluss umso beeindruckender. Eines ist zumindest klar: Mehr Black-Metal-Spirit als das, was AL-NAMROOD zumindest von Lebensumständen und künstlerischer Intention her an den Tag legen, wird sich nur schwerlich finden lassen.

Da die Texte sämtlich auf Arabisch gehalten sind und mir keine Übersetzung bekannt ist, erscheint es mir angebracht, mal einen genaueren Blick auf das Cover zu werfen. Dort sieht man inmitten einer Ruine eine Schar in Kutten gehüllter Teufelchen, die mich ein wenig an Darth Maul erinnern, allerdings jeweils zwei gewundene Hörner und lange Bärte tragen. Als weiteres Accessoire fährt diesen Teufeln aus dem Lendenbereich eine Schlange, die einer Kobra ähnelt. Alle erscheinen entzückt zu sein ob der Darbietung, die ihnen ein teuflischer Henker bietet, der gerade dazu ansetzt, mit einem Säbel einen weißgekleideten, kahlgeschorenen Gefangenen zu köpfen – während im Hintergrund weitere Eingesperrte darauf warten, dass sie an der Reihe sind. Dies ist ja ein Szenario, welches man in der jüngeren Vergangenheit leider recht häufig zu sehen bekam, wenn man der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich gelegentlich eines jener Videos von IS und Konsorten anzuschauen. Wie dem auch sei: In diesem Fall ziert Rücken bzw. Brust der Gefangenen ein großes A, welches in Farbe und Stil an das Anarcho-A im Bandlogo erinnert. Land, Situation, anti-religiöse Haltung, Anarchie als Symbol von Freiheit – die Message sollte klar sein. Passend dazu, dass sie Szenerie auch aus der Offenbarung des Johannes stammen könnte, befindet sich am Rande des ersten oberen Drittels ein Engel, der in eine Trompete bläst. Dies vielleicht als ein gewisser Hoffnungsschimmer, dass das teuflische Treiben ein Ende haben wird, um „zu verderben die Verderbenden die Erde“, wie es nahe dem Ende des 11. Kapitels der Offenbarung in meiner Version (MNT) heißt. Darum scheint sich eine weitere teuflische Figur nicht zu kümmern, die rechterseits steht, schallend lacht, in der rechten Hand eine Keule schwingt und mit der linken Hand an ihrer Schlange spielt, sozusagen. Rechts vor dieser liegt ein Haufen Schädel, auf den man gut und gerne hätte verzichten können, zumal dieser so billig eingefügt ist, dass einige der Blutlachen entweder schweben oder sich aber die Schädel teilweise in einem durchsichtigen Boden befinden müssen. Mal abgesehen davon erfüllt das Cover aber seinen Zweck und erklärt die Intention der Band ausreichend.

Wenngleich diese Thematik förmlich nach Black Metal schreit, ist davon aber auf diesem Album auf den ersten Blick wenig zu finden, wenn man mal von den traditionellen Tremolo-Melodien absieht, die hier stark arabisch-folkloristisch angehaucht sind. Vor allem im Hinblick auf den Gesangsstil ist eine Abkehr vom BM mehr als auffällig, da es der Band bei der Wahl Humbabas, der seit 2013 dabei ist, wohl vor allem um Verständlichkeit der Texte geht. Klassisches schwarzmetallisches Gekeife gibt es nämlich kaum noch zu hören, stattdessen ist der Gesang meist eine klare Art Sprechgesang, die sehr omnipräsent und recht vordergründig im Mix ist. Bis auf einige wahnsinnige Ausbrüche und ein paar arabische Gesänge klingt das Ganze für mich leider irgendwie nach einer Mischung aus Wolfgang Wendland der Punk-Band DIE KASSIERER und mittelmäßigem russischem RAC, vorgetragen mit einer Textflut und Geschwindigkeit, die eher Rap ähnelt. Teilweise ist das gar nicht so schlecht und hat etwas hämisch-zynisches, aber wenn man sich das während 80 % der kurzen Songs, die so schon kaum Zeit für Entwicklung lassen, anhören muss, dann ist das einfach nervtötend. Da wäre weniger mit Sicherheit weitaus mehr gewesen.

Hinsichtlich der Instrumentierung ist festzustellen, dass die Verwendung von traditionellen Instrumenten stark zurückgeschraubt wurde, welche dafür dann aber für Highlights sorgen, wenn sie in den seltenen Instrumental-Passagen in Erscheinung treten. Weiterhin ist man von der recht starken Keyboard-Komponente älterer Alben mittlerweile abgekommen, was durchaus begrüßenswert ist – wenngleich zumindest einige der folkloristischen Einlagen sehr nach MIDI-Plug-Ins klingen. So haben die Gitarren recht viel Raum, sich zu entfalten, was sie auch dann tun, wenn sie nicht gerade vom Gesang erstickt werden.

So sind für mich auf diesem Album – wie auch schon auf den Vorgängern, so ich sie gehört habe – wiederum die instrumentalen Passagen oder Songs die Highlights, wozu dann noch einige wenige der Abschnitte kommen, in denen der Gesang zur Musik passt und nicht zu viel des Guten ist. Glücklicherweise besitzt das Album vor allem in der zweiten Hälfte einige solcher Stellen, wo wirklich gute, originelle Gitarrenriffs und Melodien zu hören sind, denen im Verbund mit nahöstlicher Instrumentierung auch mal die Chance und Zeit gegeben wird, eine gewisse Atmosphäre zu entfalten. Denn an der Transparenz des Sounds scheitert es hier auf jeden Fall nicht, eher an der Unausgewogenheit einiger kompositorischer Elemente.

Da nach den ersten, eher gezwungenen Durchläufen der Gesang weniger stört, weil es mir doch gelang, ein wenig an seiner Vordergründigkeit und Penetranz vorbeizuhören, fallen mir immer mehr Stellen auf, die wirklich Klasse und Atmosphäre haben. Daher gibt es auch gerade noch so drei Punkte. Wenn man solchen Momenten noch mehr Raum bieten und die Songs weniger mit punkiger Hau-Drauf-Attitüde schreiben würde, dann könnte ich zumindest AL-NAMROOD weitaus mehr abgewinnen. So werde ich mir das Album zwar ab und zu mal anhören und schauen, was die Band in Zukunft so rausbringt, aber davon abgesehen wären ein paar Tracks dieser Platte definitiv erste Wahl, wenn ich Rausschmeißmusik für ein Lokal bräuchte.

Unterm Strich ist „Enkar“ ein sehr eigenes, fies-hämisches und anstrengendes Album, das zwar viel Potenzial zeigt, aber meines Erachtens nach für eine bessere Wirkung und höhere Punktzahl viel zu hektisch, gesanglich überladen und unausgewogen ist.



Bewertung: 3.0 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (07.06.2017)

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