MELNITSA - Ангелофрения (Angelophreniya)

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VÖ: 26.04.2012
Bandinfo: MELNITSA
Genre: Folk Rock
Label: Navigator Records
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Lineup  |  Trackliste

Mit dieser Rezension möchte ich eine kleine Reihe starten, in der ich die Werke einiger russischer Bands, die mir in den letzten etwa 10 Jahren ans Herz gewachsen sind, besprechen werde, um sie dem deutschsprachigen Publikum ein wenig näherzubringen. Den Anfang mache ich dabei mit „Angelophreniya“, dem 2012er Album von MELNITSA.

MELNITSA, russisch für Windmühle, ist die Band der russischen Sängerin, Harfenistin, Gitarristin und Komponistin Natalia O’Shea, mit welcher sie bereits sieben Studioalben aufgenommen hat. Anfänglich war die Musik doch deutlich im russischen Neofolk-, Folk- und Folk-Rock-Bereich verwurzelt, im Laufe der Zeit wurden aber stetig neue Elemente eingebaut, der Sound professionalisiert und mit Sicherheit ein wenig poppiger. Das ist nun keine untypische Entwicklung, die eine Band mit wachsendem kommerziellem Erfolg vollzieht. Wohl aber ist es immer einer positiven Erwähnung wert, wenn eine Band im Zuge dessen nicht den Charakter verliert, ein gewisses Etwas, das diese Band in ihren Anfangstagen ausgemacht hat, sondern bei aller Experimentierfreude diese Charakteristika beibehält und mit viel Feingefühl neue Elemente in ihren Stil integriert.

Dieses Feingefühl beim Songwriting ist es übrigens auch, was MELNITSA von vielen anderen Kapellen aus dem Folk-Rock-Bereich abhebt: Es gibt eigentlich in jedem Song zumindest eine interessante Entwicklung, sei das nun rhythmisch, instrumental oder tonal, die das jeweilige Lied nicht langweilig oder gar austauschbar macht, wie das bei vielen anderen Bands der Fall ist, wo ein Lied wie das andere klingt. Selbst bei den Liedern von MELNITSA, die mir stellenweise zu poppig oder süßlich sind, gibt es doch auch immer Passagen, die das Lied für mich dennoch interessant, gut gemacht oder gar bewegend machen. Dafür ist das erste Lied, „Odnoy Krovi“ („One Blood“ --> Achtung, da geht es nicht um nationalistische Dinge, sondern u.a. um ein Brüderpaar), ein gutes Beispiel, denn dieser Einstieg ins Album schreckt mich nach wie vor ein wenig ab, doch durch die kraftvolle Steigerung am Ende der ersten Minute und u. a. die Flöten-Soli im Rest des Songs gefällt mir das Teil letztlich dennoch sehr gut.

Allerdings stellt sich nun die typische Frage, wie man diese Musik am besten jemandem beschreibt, der noch nie von der Band gehört hat und dem ähnliche Musik unbekannt ist. Im Wesentlichen handelt es sich hier um sehr vielfältigen und mit viel Liebe zum Detail arrangierten Folk Rock, der sowohl durch die gesangliche Darbietung von Natalia O’Shea als auch die perfekte Instrumentierung besticht. Die Sängerin, die auch unter ihrem Künstlernamen Helavisa bekannt ist, hat eine sehr angenehme, eher warme Stimme, die auch in den tieferen Lagen sehr voll klingt. Zudem experimentiert sie mit verschiedenen Gesangsstilen, hat verschiedenste Nuancen von zerbrechlich bis kraftvoll drauf und klingt dabei auch einfach authentisch. Gute Beispiele für ihren Stimmumfang sind „Reka“ („River“) und „Poyezd Na Memphis“ („Train To Memphis“).

Die Basis für die Musik auf diesem Album bilden gewiss Akustik- und E-Gitarre, wobei in einigen Liedern der Harfe eine zentralere Rolle zukommt, beispielweise in letztgenanntem Lied sowie bei „Neperelyotnaya“ („Not Fledged“) und meinem persönlichen Highlight, "Angel". Soweit ich das verstanden habe, findet das Songwriting zuerst mit diesen Instrumenten statt, bevor dann alles drum herum arrangiert wird, was mit einer Vielzahl an Instrumenten und, wie erwähnt, einer großen Liebe zum Detail geschieht. So gibt es auf dieser Scheibe in fast jedem Lied Cello und andere Streicher sowie Flöten zu hören, wobei vor allem letztere etliche Soli spielen. In „Kontrabanda“ („Smuggling“) fällt der prominente Einsatz einer Trompete auf, in weiteren Liedern finden unter anderem Saxophon („Ne Uspevayu“ („I Can’t keep Up“)), Akkordeon, Hulusi und Schaleika Verwendung. Dabei wird allerdings nicht etwa alles irgendwie zusammen geschmissen, sondern sehr feinfühlig arrangiert, sodass alles zu einem bestimmten Zweck an seinem Platz ist, nicht woanders. Das zeichnet dieses Album auch absolut aus. Hervorzuheben ist dabei auch die Arbeit, die vom Schlagzeuger und Perkussionisten verrichtet wird, da dieser doch beträchtlich zur rhythmischen Akzentuierung der einzelnen Entwicklungen beiträgt. Zusätzlich gibt es auf diesem Album eine Menge wirklich feiner Gitarren-Soli, beispielsweise die countryartigen Passagen in Dorogi („Paths“) oder die sehr rockigen in „Shto Ty Znayesh“ („What Do You Know“), die mir jedes Mal wieder Spaß machen.

Mich beeindruckt immer wieder, welche stilistische Bandbreite hier aufgefahren wird, ohne dass das Resultat ein komischer Brei ist. Letztlich gibt es nämlich auf „Angelophreniya“ neben Folk und Rock auch Einschläge aus Bluesrock, Country und einer Vielzahl anderer Genres von Klassik bis Populärmusik zu hören, weswegen das Ganze meiner Meinung nach auch durchaus unter Weltmusik laufen darf, was mir als Rezensenten zumindest einiges erleichtern würde. Diese musikalische und emotionale Vielfalt zusätzlich zur kompositorischen Reife führt dazu, dass diese Musik auch Leuten gefallen könnte, die sonst eher aus der Klassik kommen. Allgemein sollte man sich aber nicht durch das Cover abschrecken lassen, das mich nach wie vor ein wenig irritiert, zumal sich mir dessen Sinn trotz der Engel-Obsession des Albumtitels nicht ganz erschließt.

 

 

 

 

 

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (19.06.2017)

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