EISREGEN - Fleischfilm

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VÖ: 05.05.2017
Bandinfo: EISREGEN
Genre: Extreme Metal
Label: Massacre Records
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Lineup  |  Trackliste

Ist es ein Porno? Ist es ein Snuff-Film? Etwa die neue Videokampagne von PETA2? – Alles falsch, denn bei „Fleischfilm“ handelt es sich um nichts Anderes als die neue LP der Thüringer Dark-Metal-Metzger EISREGEN. Ob das nun mehr oder weniger spektakulär ist als die oben genannten Alternativen, wird sich jetzt zeigen.

Direkt vorweg: Ich bin kein Fan von EISREGEN. Zumindest kein richtiger. Entweder die Platten der Meister des Makabren treffen bei mir genau ins Schwarze („Knochenkult“, „Rostrot“), oder ziehen einfach an mir vorbei, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen („Marschmusik“, „Todestage“,).

Fleischfilm“ kommt mit 12 Songs, die sich aber insgesamt nach mehr anfühlen und sich durchgehend eher hören wie musikalisch aufbereitete Hörbuchversionen verschiedener Snuff- und Splatterdrehbücher als wie ein wirkliches Album. Das mag einigen gefallen, anderen (wie mir) eher weniger. Immerhin kann man EISREGEN nicht vorwerfen, sich nicht an das grobe Thema des ‚Fleischfilmes‘ gehalten zu haben. Lässt man den etwas billig wirkenden (aber lyrisch irgendwo zwischen Ödipuskomplex und Metzger-Lehrfilm anzusiedelnden) Opener „Drei Mütter“ und das plakative „Hauch des Todes“ einmal außen vor, erwarten den Hörer verschiedene blutige Kurzgeschichten in Dark- bis Black-Metal Gewand, die mal mehr, mal weniger unterhaltsam sind. „Jenseits der Dunkelheit“ verbindet beispielsweise lovecraft’sche Grabschändung und Wahnsinn durch den Tod einer nahestehenden Person zu einem halbwegs atmosphärischen und lyrisch ansprechenden Exkurs über die Frage nach dem Jenseits und dem Verfall; gespickt mit dem EISREGEN-typischen Hauch an Nekrophilie und Todesanbetung. Wem das jetzt zu hoch sein sollte, der darf sich während der detaillierten Nacherzählung des Splatterklassikers ‚Nackt und zerfleischt‘ (oder als Remake ‚Green Inferno‘) in „Die letzte Reise des Alan Yates (Metamorphose 2)“ entspannen. Klingt flach? Ist es leider auch. Nicht weniger enttäuschend geht es weiter mit „Auf Spuren der Sage“, das wohl der ungefähr zehnte Song von EISREGEN sein dürfte, der sich der detailgetreuen Verstümmelung und Tötung von Frauen widmet. Von der ehemaligen erzählerischen Rafinesse eines „Stahlschwarzschwanger“, „Ich sah den Teufel“ oder „Fahles Roß“ ist hier kaum noch etwas zu erkennen.

Aber wie sagt man in der ehemaligen DDR? Es war ja nicht alles schlecht. Mit „Tiefrot“ beweisen EISREGEN erneut, dass man Gewalt und Ästhetik durchaus hypnotisierend miteinander verbinden kann, ohne in stumpfe Beschreibung von Folter und Mord abzudriften. Die düstere Atmosphäre und die melancholische Note verleihen all der Grausamkeit den Charme einer Geistergeschichte, die man sich am Lagerfeuer kaum auch nur zu flüstern wagt. Genau diesen Charme behält die Band auch in „Nahe der Friedhofsmauer“ bei, das sich wie eine Art Dorflegende entfaltet und Kindern Angst und Schrecken einjagt. Die absolut geniale Atmosphäre des Refrains hat zwar weder etwas mit Black-Metal noch mit anderer musikalischer Härte zu tun, aber der Kontrast von Text und Inszenierung ist einfach nur herrlich. Hier merkt man besonders, wie die Musik zum Spannungsbogen einer Geschichte beitragen kann und auch gern einmal in den Hintergrund rücken darf. Von dieser Art ‚Fleischfilm‘ hätte ich mir schon anfangs mehr gewünscht! Denn auch „Menschenfresser“ schließt genau an diese Art des Songwritings an und präsentiert eine makabere Kurzgeschichte rund um Seefahrer und ein namenloses Grauen auf einer Insel, die zwar nichts mehr mit lyrischem Tiefgang zu tun hat, aber einfach wirklich unterhaltsam ist. Im 80er Jahre Synth-Wave Gewand kommt anschließend mit „Syndikat des Schreckens“ eine flache Geschichte um einen Schmuggler- und Drogenring daher, das weniger durch seinen lyrischen Unterhaltungswert als durch seine völlig unpassende und deswegen kopfschüttelnd-lächelnd-unterhaltsamen musikalischen Inszenierung punktet. „Blutrausch“ kommt zwar lyrisch weniger raffiniert, dafür aber musikalisch umso unheimlicher daher (allein dieses Glockenspiel!); außerdem dürfen Neueinsteiger und Kenner bewundern, weshalb Sänger Michael Roth auch ‚Blutkehle‘  genannt wird. Gegen Ende widmen sich EISREGEN dann noch einer (noch blutigeren) Version von Django Unchained und präsentieren mit „Satan der Rache“ ein klassisches Rache-Drama mit purer Atmosphäre, das sich sogar musikalisch an einigen Western-Themen bedient. Nach 11 Kurzanalysen muss ich eingestehen, dass ich absolut keine Ahnung habe, was ich mit „Nachts kommt das Delirium“ anfangen soll. Da das aber nur ein Bonustrack ist, gehe ich davon aus, dass EISREGEN einfach zum Schluss jegliches kreatives Gewalt-, Horror- und Bullshitpotential in selbstironische vier Minuten verpackt hat (Zitat: „Ich bin’s, der Kartoffel“).

So wie diese Review 50% Musikbesprechung und 50% Kurzfilmanalyse war, so stehe ich auch „Fleischfilm“ zweigeteilt gegenüber. Blendet man das unterirdische erste Drittel der Platte aus, so bleibt eine lose Sammlung an musikalisch unterhaltsam untermalten blutigen Kurzgeschichten, die im besten Fall ein wohliges Maß an unheimlicher Atmosphäre erreichen. Leider gibt es keine lyrische Pointen oder Mehrdeutigkeiten, die ich mir bei einem solchen Fokus auf den Text eigentlich erhofft hatte. Um bei den Filmanalogien zu bleiben, „Fleischfilm“ ist zwar kein Citizen Kane, aber trotzdem zu großen Teilen unterhaltsam. 



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (17.06.2017)

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