MOTIONLESS IN WHITE - Graveyard Shift

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VÖ: 05.05.2017
Bandinfo: MOTIONLESS IN WHITE
Genre: Metalcore
Label: Roadrunner Records
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Lineup  |  Trackliste

MOTIONLESS IN WHITE disponieren um und widmen sich anscheinend dem Totengräber-Gewerbe. Mit „Graveyard Shift“ beweisen sie aber ohne Umschweife, dass sich die Truppe aus Pennsylvania nicht mit 8,50€ pro Stunde zufrieden gibt, dafür aber bereit ist, sich die Finger schmutzig zu machen. Denn das ist das neue Album der Nu-Goth-Rocker auf jeden Fall: Dreckig und verdorben bis zur letzten Note.

Scharfe elektronische Sounds durchschneiden die Stille, als „Rats“ einsetzt. Chris Motionless, der schon immer einen stimmlichen Hang zu MARYLIN MANSON hatte, spielt diese Karte nun vollends aus und widmet sich lyrisch seinen dunklen sexuellen Vorlieben, die aus unserem erfahrenen Stormbringer-Loft natürlich nur belächelt werden können. Allgemein scheint hier aber ein guter Einstieg für das Album gewählt, da „Rats“ Groove, Härte und Melodie zu einem runden Gesamtpaket vereint. Da die Latte aber nicht allzu hoch liegt, können MOTIONLESS IN WHITE diese mit Leichtigkeit überwinden. „Queen For Queen“ entpuppt sich schnell zu einem melodischen Meilenstein der Band, der ganz besonders die Vocals gekonnt in den Fokus rückt und den Fortschritt zum Vorgängeralbum „Reincarnate“ deutlich macht. Die Band tauscht im direkten Vergleich ein wenig ihres Tempos gegen mehr Melodie und Atmosphäre, was ihnen wirklich gut steht. Diese Neuorientierung kommt auch in „Necessary Evil“ zur Geltung, für das sich die Jungs sogar Jonathan Davis (KORN) an das Mikro gezogen haben, der (trotz hohem elektronischen Anteil) dafür sorgt, dass der Song auch genau so auf dem letzten KORN Album zu hören gewesen sein könnte.

Kurz bevor das langsamere Tempo langweilig werden könnte, treten MOTIONLESS IN WHITE doch noch einmal auf’s Gas: Wer „Soft“ hört, der sollte sich nicht vom Titel täuschen lassen – mit seichten Tönen zum Fußspitzen-Wippen hat dieser Brecher nämlich absolut nichts zu tun. Ein astreines Circlepit-Opening, gefolgt von kraftvollen Screams und atmosphärischen Cleans, die mit Druck in den Refrain gepresst wurden, sorgen für ein Highlight des Albums. Anschließend darf mit „Untouchable“ auch die Ohrwurm-Hymne nicht fehlen. Getragen von Gesang und Keyboard hat mich dieser Song noch weit über seine vier Minuten hinaus verfolgt.

Wer erinnert sich noch an „Dead As Fvck“ vom Vorgängeralbum? Ich für meinen Teil habe mich schon 2014 herrlich über das ironische Zusammenspiel von eingängigen Beats und abgedrehten Lyrics amüsiert, und „Not My Type: Dead As Fvck 2“ schlägt hier genau in dieselbe Kerbe. Musikalisch kann es zwar dem Original nicht das Wasser reichen (wie das nunmal so häufig mit Fortsetzungen ist), aber die elektronischen Parts sind auch hier definitiv feierbar und Chris Motionless bringt mit „If she’s got a pulse, then she’s not my type“ wohl den Humor der Band auf den Punkt. Nach diesem kurzen Lacher musste ich beim Beginn von „The Ladder“ dann doch etwas mit dem Zähnen knirschen, da mich die musikalische Eröffnung ein wenig zu sehr an „Puppets 3 (The Grand Finale)“ erinnerte, das für mich persönlich immer der schwächste Song von „Reincarnate“ war. Glücklicherweise macht das stumpfe Gedresche schnell Platz für eine raffinierte Melodie und einen brutalen Breakdown, den ich „Graveyard Shift“ kaum zugetraut hätte. Gut gerettet! Spätestens während dem folgenden „Voices“ durfte ich MOTIONLESS IN WHITE schlussendlich aus jeglicher Genre-Schublade zerren und auf den Stapel der ungelösten Fälle legen, da die Band hier einen Song abliefert, der mehr Nu-Metal ist, als die letzten Releases einiger erklärter Nu-Metal-Veteranen. Nach diesem eingängigen THREE DAYS GRACE x MARYLIN MANSON – Hybriden entdeckt die Band ihre Rockstar-Attitüde wieder. „Loud (Fuck It)“ handelt von Rücksichtslosigkeit, Carpe Diem und einer ganzen Menge Coolness, die sich auch musikalisch niederschlägt.

Zu meiner Begeisterung fand auch der ohne Kontext veröffentlichte Freetrack „570“ seinen Weg auf „Graveyard Shift“, so dass der Hörer daran erinnert wird, dass MOTIONLESS IN WHITE neben all ihren Genre-Experimenten auch verdammt guten (klassischen) Metalcore spielen können. Hier stehen ganz klar starke Gitarrenriffs und pure Gänsehaut im Vordergrund, die man der Band auch keinesfalls abstreiten kann. So eingängig der Sound der Platte auch sein mag, irgendwann wiederholt er sich dann doch: „Hourglass“ klingt für meinen Geschmack dann doch ein wenig zu sehr wie jeder andere MOTIONLESS IN WHITE Song dieses oder auch vergangener Alben, was nicht bedeutet, dass ich ihn missen wollen würde – besonders lyrisch verpackt die Band hier nämlich ungewohnten Tiefgang. Nun geht die „Graveyard Shift“ dem Ende zu und die Sonne leuchtet schon am Horizont über den modrigen Friedhofsmauern. Muffiger Geruch von moos- und taubedeckter Erde steigt vom Boden auf, als die ersten Vögel MOTIONLESS IN WHITE mit ihrem ganz eigenen Konzert ablösen. Doch auch wenn es jetzt Zeit für Chris Motionless & Co. wäre, sich wieder in ihre Särge zu verziehen und den nächsten Vollmond abzuwarten, raffen sie sich auf und erschaffen ein würdiges Finale für ihre neueste Platte: Als geneigter Fan darf man „Eternally Yours“ wohl als absolute Liebeserklärung verstehen. Die Band schafft somit, worauf nur wenige überhaupt Wert legen: Einen Abschluss, der sich nicht nach einem Micheal Bay-artigen Finale mit Explosionen und Spezialeffekten anfühlt, sondern ein Ende mit Würde und dem befriedigenden Gefühl, etwas abgeschlossenes erfahren zu haben.

Graveyard Shift“ ist ein bunter Genremix zwischen (Nu-)Metal, Rock, Industrial, und Goth-Elementen geworden, der durchgängig den MOTIONLESS IN WHITE-Stempel trägt. Allein diese Leistung und Spannweite der Band würde schon gewürdigt gehören, wenn die Totengräbber in spé es nicht auch noch schaffen würden, ein stimmiges Gesamtwerk zu kreieren, das zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt, ohne dabei zu bloßem akustischem Hintergrund zu werden. Das aktuelle Release dürfte damit das erste Machwerk der Truppe sein, das mich nahezu restlos überzeugt. Starkes Teil!



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (20.06.2017)

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