THE BRANDOS - Los Brandos

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VÖ: 16.06.2017
Bandinfo: THE BRANDOS
Genre: Rock
Label: Blue Rose Records
Lineup  |  Trackliste

Obwohl die amerikanische Rockband THE BRANDOS schon seit über dreißig Jahren existiert und sich vor allem in Deutschland eine ansehnliche Fangemeinde aufgebaut hat, ist sie in unseren Breiten nicht so bekannt, daher eine kurze Bio: 1986 gründete der New Yorker irischer Abstammung David Kincaid THE BRANDOS (nach eigenen Angaben nach dem Namen des Schauspielers Marlon Brando). Das Line-Up wurde im Laufe der Jahre sehr oft gewechselt, die einzigen Konstanten waren David und der unverwechselbare Sound. Kincaid ist Mastermind im wahrsten Sinne des Wortes: Bandboss, Songschreiber, Frontman, Produzent, Multiinstrumentalist und Besitzer einer unglaublich markanten Stimme. Der Sound ist geprägt von schnörkellosem Gitarrenrock mit starken Melodien, gewürzt mit vielen Einflüssen wie Irish Folk, Countryrock, Blues, auch Hardrock und Sixtiessound. Aber nie ein banaler Mix aus den verschiedenen Stilen, sondern es dominieren Abwechslung und Vielseitigkeit. Dazu das raue Organ des Sängers mit sehr hohem Wiederkennungswert, das immer mit dem von John Fogerty verglichen wird. Textlich beschäftigt sich Kincaid nicht mit Banalitäten, sondern spricht auch düstere Themen wie Krieg, Tod, Verbrechen, Kindesmissbrauch, aber auch Freiheit, Freundschaft, Abschied oder Problemen von Einwanderern an.

Seit 1987 wurden hochklassige Alben veröffentlicht, doch leider ist der Durchbruch nie gelungen. Vor allem in ihrer amerikanischen Heimat sind THE BRANDOS leider gänzlich vernachlässigt, nur in Holland und in Deutschland hat sich eine starke Fangemeinschaft herauskristallisiert. Daher sind ihre Liveaktivitäten auch auf diesen Raum konzentriert. Auch Österreich wurde zweimal besucht. Beim ersten Mal war ich leider nicht zu Hause, das zweite Konzert (1994) wurde abgesagt, wahrscheinlich weil nur zehn Karten verkauft wurden (fünf nur von meiner Familie!).  Daher zähle ich diese außergewöhnliche Rockband zu den beiden „berühmtesten unbekannten Bands“ (die andere ist „THE GOOD RATS“ – wer kennt denn die?).

Diskografie:

"Honor Among Thieves", 1987 (5 Punkte):

Ein unglaublich starkes Debut, enthält den Minihit „Gettyburg“, Songs mit mitreißenden Riffs, ausdrucksstarken Melodien und als Höhepunkt das CCR Cover „Walking On The Water“, das das schon starke Original noch übertrifft. Gänsehaut pur! „Honour Among Thieves“ gehört zu meinen persönlichen Top-Twenty-Ever.

"Gunfire At Midnight", 1992 (5 Punkte):

Nach Schwierigkeiten mit der Plattenfirma und einer nichtveröffentlichen Platte („Trial By Fire“) erschien erst 1992 der Nachfolger. Wieder dominieren dynamische Rocksongs, garniert mit auch ungewöhnlichen Instrumenten wie Mandoline oder Banjo.

"The Light Of Day", 1994 (4,5 Punkte):

In gleicher qualitätsvoller Tonart geht’s weiter, abwechslungsreich mit Rock-, Folk-, Country-, und Blues-Anklängen, wobei  das Country-Element mehr in den Vordergrund tritt. 

"Pass The Hat", 1996 (4,5 Punkte):

Die Country-Elemente sind beim vierten Album gewichen, neben den gewöhnt exzellenten Rocksongs mit eindrucksvollen Refrains sind auch schöne irische Folkklänge zu hören.

"Nowhere Zone", 1998 (4 Punkte):

Das fünfte Album hält leider nicht mehr die Klasse der Vorgänger. Anscheinend wurden Songs des unveröffentlichtem Album herangezogen und dazu einige Coversongs wie von CCR ("Lodi"), Conway Twitty ("Desperado Love") und Bobby Darin ("Jailer, Bring Me Water“). Mit „Contribution“ ist eines der allerstärksten Kincaid Songs vertreten.

"Over The Border", 2006 (4 Punkte):

Nach diversen Best of und Live Alben erschien erst acht Jahre später das nächste Album, das wieder an die glorreichen Zeiten heranreicht. Schnörkelloser, geradliniger Gitarrenrock mit den gewöhnten Folk- Country- und Bluesanleihen. Punkteabzug gibt’s weil nur zehn Songs drauf sind, darunter zwar das überaus gelungene Quicksilver Messenger Service Cover „Dinos Song" (wieder besser als das Original) und das komplett überflüssige „Guantanamera“.

 

Mit dieser langen Einleitung wollte ich die geneigte Leser- und Hörerschaft auf diese unterbewertete Band aufmerksam machen und bin als Fan der ersten Stunde gespannt auf das neue Output.

Der Titel „Los Brandos“ deutet schon an, wohin die Reise geht: in den Süden, denn es fällt sofort auf, dass mehr als die Hälfte der Songs in spanischer Sprache gesungen sind. Aber, um es vorweg zu nehmen, am Stil hat sich nichts geändert. Vielseitig, geradlinig, kraftvoll, melodisch und klug strukturiert marschieren die Songs daher. Zwei straighte Rocker bester Tradition eröffnen das Album: „Senor Coyote“ mit einem brandaktuellem Thema: Schlepper schleusen für viel Geld Mexikaner in die USA. „Querer A Los Ninos“ behandelt Kindesmissbrauch in jeder Form und in jedem Land. Die Rockhymne „Suffer In Silence“ beeindruckt neben der wie immer ausdrucksstarken Röhre des Meisters mit bester Gitarrenarbeit. Akustisch und balladesk wird „Woodstock Guitar“ eingeleitet, um bei den Refrains in ein elektrisches Gewitter überzuleiten, dazwischen und beim Ausklang wieder leise und langsam. Großes Kino! „Jacinto Chiclana“ ist ein romantisches Liebeslied von Astor Piazzola, unterlegt lediglich von spanischen Gitarren und Geigen. David Kincaid singt im Duett mit einer gewissen Marta Gomez, die über eine wunderschöne Stimme verfügt, die sich sehr interessant mit den krächzenden Vocals Kincaids ergänzt. Spanisch und rockig geht’s mit „Maligna Presencia“ weiter, eine Hymne wie zu den besten Zeiten der Band, aber halt auf spanisch. Der typische Folksong darf natürlich auf keinem BRANDOS Album fehlen: „What Kind Of A World“, sehr sparsam instrumentiert, aber sehr eindrucksvoll! „Bella Encantadora“ ist wieder elektrisch und nur leicht im Tempo etwas schneller mit schönen Melodiebögen. „These Troubled Time“ ist ein dynamischer Song, der nahtlos an die Klassiker der frühen Jahre anschließt. „A Todo Dar“, ein Latino Hit von 1955, komponiert von Ignacio Jaime (ich kenne ihn natürlich nicht), ist ein Rausschmeißer im wahrsten Sinn. Ein fröhlicher, lauter Stampfer, der textlich im Kontrast zu den eher sonst düsteren Themen steht.  

Was bleibt unterm Strich? Ich habe mich bald an die spanische Sprache gewöhnt, es hat, verbunden mit der ausdrucksstarken Stimme Kincaids gewisse Reize, daher mein Fazit: Für Fans ein Muss, für Anfänger seien die ersten Alben oder die gelungene Best Of Scheibe „Contribution“ empfohlen.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Wolfgang Kelz (15.06.2017)

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