VINTERSORG - Till Fjälls del II

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VÖ: 30.06.2017
Bandinfo: VINTERSORG
Genre: Black Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wir schreiben den 22. Juni 2017, 21:38. Nach einem brühend heißen Sommertag beharren die Temperaturen vehement auf ihr Recht, aus Prinzip weit über der 25°-Marke zu tänzeln. Ein Blick in den Crewbereich und auf die eigenen, noch abzuarbeitenden Promos genügt, um mal wieder verwundert die Stirn zu runzeln: Warum um alles in der Welt veröffentlichen VINTERSORG ihren langersehnten (wurde mir so zugetragen) zweiten Teil von "Till Fjälls" am Monatsende statt am Jahresende? Das wissen wohl nur die Schweden und ihr Label Napalm Records selbst, aber man muss ihnen auch zugestehen, dass man trotz glühender Hitze (oder vielleicht auch gerade deswegen?) keine Anstalten macht, die schneeverhangenen Gebirgsketten, den gefrierenden Atem, die klirrenden Eiswinde und die nicht enden wollende Nacht gegen Sonnenhut, Wassermeloneneis (legendär!) und Flip-Flops einzutauschen. Im Norden ist es eben immer noch am schönsten, nicht wahr?

Besonders schön ist auch, dass Vintersorg nach seinem Unfall vor einigen Jahren wieder einen erwähnenswert guten Gesundheitszustand sein Eigen zu nennen scheint, weswegen wir wahrscheinlich überhaupt erst Zeuge von "Till Fjälls del Il" werden dürfen - und dann auch noch direkt einem 2-CD-Kunstwerk gegenüberstehen, das sich weitestgehend an Promoversprechen à la "no progressive trickery" orientiert. Damit schlägt man zwar sich und vor allem die letzten zwei bis drei Alben unter Wert, aber es ist auch kein besonderes Geheimnis, dass VINTERSORG - zumindest in den Ohren vieler Fans - ihre Qualitätsspitze mit "Till Fjälls" und "Ödemarkens son" erklommen haben. Damit missachtet man zwar nachfolgende Meisterwerke wie "Visions From The Spiral Generator" und natürlich auch "Solens rötter" sträflich, aber genau daran sieht man eben gut, dass das schwedische Duo (mit der Aufnahme von Simon Lundström mittlerweile ein Triodurch die stilistischen Anpassungen nach den Klassikern polarisiert hat, wessen man sich offenbar über all die Jahre bewusst war.

Nichtsdestotrotz mutet auch "Till Fjälls del II" mit seinen imposanten 76 Minuten Spielzeit zunächst wie ein sich vor dem Auge langsam aufbauender, gewaltiger Felsmassiv an, dem gegenüberstehend man sich schlotternd die Frage stellt: "Den soll ich jetzt bezwingen?" Sollte man. Und schon der Opener "Jökelväktaren" sollte genügend Anreiz dafür bieten: Folkige Melodien, zaghafte Orchestrierung, Vintersorgs einmalig-eingängiger Gesang, der immer wieder von Gekeife erschüttert wird, die weitläufigen Gitarrenwände und und und. Diese Ingredenzien darf man dementsprechend auch im Gesamtverbund erwarten, wobei "Till Fjälls del II" sich natürlich die Freiheit nimmt, unterschiedliche Gewichtungen zu setzen. So fällt ein "En väldig isvidds karga dräkt" oder auch ein "Tusenåriga stråk" beispielsweise sehr geradlinig und auf den Gesang fokussiert aus, während sich "Fjällets mäktiga mur" (das Piano-Intro!) oder auch "Vinterstorm" mehr Zeit für den Aufbau von Atmosphäre lassen und damit die Fantasie anregen.

Die Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte können VINTERSORG also nicht leugnen, aber genau darin birgt sich meiner Meinung nach auch ein kleinerer, nicht ganz von der Hand zu weisender Kritikpunkt: Vollends können sich die Herren von ihrem Hang zur Überfrachtung nicht lösen. Die insgesamt 13 Kompositionen sind zwar allesamt mindestens richtig gut, durch den enorm imaginativen Charakter oftmals sogar überragend ("Tillbaka till källorna", "Köldens borg"), doch hin und wieder hat "Till fjälls del II", als wollten die Schweden den Mount Everest in nur einem Atemzug erklimmen, auch seine zu stark fordernden Passagen, in denen man sich mehr vom Stile des abschließenden Akustikstücks "Svart måne" wünscht, um einfach mal durchschnaufen und das bisher Gehörte verarbeiten zu können. Die dabei dennoch immer wieder aufleuchtende Liebe zum Detail ist trotzdem aller Ehren wert, weswegen man Vintersorg und Co. nicht mal zwingend einen ernsten Vorwurf machen kann. Denn: Solch eine flammende Leidenschaft hört man in diesem Genre nur den wenigsten Künstlern an.

Und wenn wir bei aller Kritik ehrlich sind, ist "Till Fjälls del II" trotz allem ein wunderbares Album, das längst nicht mehr so progressiv wie seine Voränger ist und vor allem durch seine grandiose Stimmung glänzen kann. Hier treffen schneidender Black Metal, fantastische (Folklore-)Melodien, eine den vielen Finessen schmeichelnde, glasklare Produktion und ein großartiger Sänger aufeinander, wobei VINTERSORG manchmal eben die schmale Grenze vom Genie hin zum Wahnsinn überschreiten (alleine die durch Multi-Layering inszenierten Gesänge sind gerne mal atemberaubend, gelegentlich aber auch mal anstrengend). Ein Jahreshighlight, das vor allem im kommenden Winter seinen großen Auftritt haben wird, ist "Till fjälls del II" für mich auf jeden Fall trotzdem und das liegt nicht nur daran, dass man haufenweise musikalische Höhepunkte vorfindet (damit hat es den schwächelnden "Jordpuls", "Orkan" und "Naturbål" einiges voraus), sondern auch daran, dass die dabei stets hörbare Hingabe dieser drei Herrschaften ihresgleichen sucht und so manchen kleineren Makel locker zu kaschieren weiß. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (26.06.2017)

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