Омела - Аура (Aura)

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VÖ: 00.00.2011
Bandinfo: Омела
Genre: Folk Metal
Label: (undefiniert)
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Der zweite Teil meiner kleinen Reihe über Musik aus dem russischsprachigen Raum führt mich zu OMELA, einer Band aus Moskau, die es seit dem Jahre 2008 gibt. Persönlich bin ich erst 2011 auf diese Band aufmerksam geworden, als mir auffiel, dass Sergey „Abrey“ Abramov, dessen Tenor-Gesang ich schon viele Jahre zuvor bei den etwas bekannteren BUTTERFLY TEMPLE schätzen gelernt hatte, mittlerweile auch eine Art Soloprojekt unterhielt. Dabei hatte er auch gleich Unterstützung von etlichen ehemaligen Weggefährten. Ein ähnliches Unterfangen hatte übrigens ein weiterer ehemaliger Sänger von BUTTERFLY TEMPLE, Alexey „Lesiar“ Agafonov, einige Jahre zuvor mit NEVID gestartet, auf die ich in dieser kleinen Reihe auch noch zu sprechen kommen werde.

Glücklicherweise war in ebenjenem Jahr 2011 gerade das zweite Album OMELAs erschienen, mit welchem ich mich sogleich ausgiebig befasste, da es mich einfach nicht mehr loslassen wollte  - „Aura“ hatte von mir Besitz ergriffen. Und im Laufe der letzten sechs Jahre habe ich dieses Album trotz der üblichen Phasen mit Pausen dermaßen häufig gehört, dass ich die Lieder fast komplett im Kopf habe und ohne Lautsprecher laufen lassen kann. Außerdem kann ich die Hälfte der Texte mitsingen, wenngleich eher eine Oktave tiefer, da die Tenorlage nicht wirklich meins ist.

Der Gesang ist bei OMELA ein recht zentrales Element, mit welchem einige Hörer Probleme haben könnten – aber für eingefleischte Death- oder Black-Metaller ist dieses Album, ist diese Band sowieso nichts. Und an der Qualität des Gesangs an sich lässt sich nicht viel aussetzen, man hört Abrey auf jeden Fall eine klassische Gesangsausbildung an, die er gekonnt einzusetzen weiß. Zudem beherrscht er auch die tieferen Lagen gut, was für mich gelegentlich eine willkommene Auflockerung darstellt. Denn letztlich war ich damals selber etwas überrascht, dass mich der tendenziell eher hohe und sehr präsente Gesang nicht oder kaum störte – immerhin kann ich mir Power Metal und einiges an klassischem Heavy Metal nicht anhören, weil mir der Gesang tierisch auf die Nerven geht. Schließlich ist es bei mir so, dass ich bei Männern den Gesang am angenehmsten finde, der sich etwa im Rahmen meines Stimmvolumens bewegt. Aber genug davon, ich schweife mal wieder ab.

Musikalisch wird auf diesem Album nämlich auch so einiges geboten, was im Endeffekt wenigstens ebenso wichtig wie der Gesang ist. Das Grundgerüst der Songs besteht zum Großteil aus eher klassisch anmutendem Heavy Metal und Rock – soweit ich das als Nicht-Experte für jene Genres beurteilen kann-, was sich sowohl bei den Rhythmus-Gitarren als auch besonders bei den häufigen und teilweise ausschweifenden Soli zeigt. Stellenweise kommt von den Gitarren her aber noch ein etwas härterer, doomiger Einschlag, welcher mir auch, dem Soundgewand nach, von BUTTERFLY TEMPLE bekannt ist. Was mich bei diesem Album aber so sehr anspricht, besteht nicht im Gitarrengrundgerüst, den Soli oder allein dem Gesang, sondern dem Gesamtkunstwerk, welches OMELA hier mithilfe einiger weiterer klassischer Instrumente erschaffen.

In jedem der zehn vollwertigen Lieder kommen nämlich zumindest Viola und (Quer)-Flöte zum Einsatz, die entweder rhythmisch unterstützend agieren oder aber den instrumentalen Parts mit sehr gefühlvoll arrangierten Melodien die Krone aufsetzen. Die Viola wird hier von Fedor Vetrov bedient, den ich namentlich hervorheben muss, da ich ihn für einen echt begnadeten Musiker halte, der als umtriebiger Multi-Instrumentalist schon bei einer Vielzahl interessanter Bands Viola, Violine, verschiedene Flöten, Oboe, Sackpfeifen und andere folkloristische Instrumente beigesteuert hat. Zu diesen beiden Instrumenten, die doch einen gewichtigen Teil des Soundgewands ausmachen, gesellen sich bei „Gorkaya Osen“ („Bitter Autumn“) Harfe und Saxophon sowie bei „Vstretcha“ („Reunion“), „Sevetlaya Voda“ („Clear Water“) und „Nevidimaya“ („The Invisible“) nur letzteres, wobei sie ausgesprochen gut mit dem Rest harmonieren. Vor allem beim letztgenannten Lied empfinde ich die traurig-schwebende Saxophon-Melodie am Ende als sehr bewegend.

Auf jeden Fall sorgt das Zusammenspiel von Viola, Flöte, Harfe und Saxophon mit Keyboard, E- und Akustikgitarre für viel Abwechslung und eine große emotionale Bandbreite. Dabei muss auch das Schlagzeug erwähnt werden, welches im Gegensatz zu den anderen Instrumenten ohne große Momente auskommt, aber dennoch sehr solide Arbeit verrichtet und die unterschiedlichen Tempi perfekt akzentuiert, ohne dabei zu Blasts oder Doublebass zu greifen (von ganz kleinen Ausnahmen mal abgesehen). Die stilistische Einordnung dieser Musik fällt nicht leicht, ich würde es am ehesten als Folk Heavy Metal bezeichnen. Bei metal-archives.com werden OMELA als „Folk/Heavy/Doom Metal/Rock“ geführt, was ich so auch unterschreiben würde. Diese Klassifizierung impliziert zumindest auch, dass es sich hierbei nicht um dudeligen Folk Metal handelt, sondern um Musik, der eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit anhaftet. Das wird auch durch den hohen Grad an Professionalität deutlich, der hier von allen Beteiligten an den Tag gelegt wird und stellenweise mehr von Klassik als von Folk hat, was mich zu der Einschätzung führt, dass diese Musik durchaus auch offenen Hörern ernster, klassischer Musik gefallen könnte, für die Metal im Normalfall eher Krach bedeutet.

Die sehr ausgewogenen, ausgefeilten Kompositionen dieses Albums laden ein zu einer 70-minütigen Reise, die zumindest mir nie langweilig wird, keine Längen, dafür aber jede Menge Höhen und Tiefen aufweist, und zudem mit jeder Menge musikalischer Leckerbissen gespickt ist. Die Ausgefeiltheit der Kompositionen und die Art und Weise der Darbietung erlauben es übrigens auch, diese Reise ohne sonderliche Sprachkenntnis mitzumachen, da man aus dem musikalischen Geschehen eigentlich ableiten kann, worum es in etwa gehen könnte – und mehr ist eigentlich auch nicht nötig, wenn man zumindest ein gewisses Interesse für Sprach- und Kulturverständnis mitbringt.

Anspieltipps sind hier für mich eigentlich alle Lieder, einen besonderen Favoriten habe ich nicht, weswegen ich mich aufgrund der einen oder anderen Erwägung zu den beiden unten stehenden „Gorkaya Osen“ und „Vstretcha“ entschlossen habe. In jedem Fall kann man sich auch durchaus die Live-Mitschnitte anschauen, die es bei Youtube zahlreich gibt, da OMELA auch dabei recht ordentlich abliefern, zumal Abrey auch auf der Bühne zeigt, dass er wirklich gut singen kann. (Bei dem Youtube-Video zu "Gorkaya Osen" handelt es sich aber natürlich um eine Albumaufnahme, zu der ein nicht ganz synchroner Live-Mitschnitt läuft...)

"Vstretcha" gibt es hier zu hören - einfach auf das blaue Play-Zeichen links unterm Cover klicken.

 

 

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (27.06.2017)

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