BLIND GUARDIAN - Live Beyond The Spheres

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VÖ: 07.07.2017
Bandinfo: BLIND GUARDIAN
Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast Records
Lineup  |  Trackliste

Wenn es eine Band gibt, welche die scheinbaren Paradoxa Härte und Melodie, Progressivität und Eingängigkeit sowie Räudigkeit und Perfektion zu gleichen Teilen unter einen Hut bringt und damit eine musikalische Quadratur des Kreises ermöglicht, dann ist selbstverständlich die Rede von BLIND GUARDIAN. Wenn man heutzutage rückblickend das bisherige Werk der Krefelder analysiert, so muss man nickend und anerkennend zugestehen, dass man über all die Jahre und stilistischen Experimente hinweg ein Alleinstellungsmerkmal behalten hat: Keine andere Band schafft es weltweit, komplexes Songmaterial so beschwingt und unverklemmt zu präsentieren wie die GUARDIANs. Kein anderes Publikum ist derweil so versessen darauf, ja alle Parts und Texte der Songs beim nächsten Konzert auswendig wiedergeben und der Band entgegenschmettern zu können. So stacheln sich Band und Publikum stets gegenseitig an, was ein BLIND GUARDIAN-Konzert zu einer stimmungsmäßig stets unvergesslichen Angelegenheit macht. Und um dies noch einmal deutlich zu machen, veröffentlicht man nun mit "Live Beyond The Spheres" einen der magischsten Tourmittschnitte der letzten Jahre.

Die Messlatte ist denkbar hoch: "Tokyo Tales" war Pflichtprogramm für jeden GUARDIAN-Fan, für viele ist es bis heute das beste Live-Album aller Zeiten. Glasklar produziert zeigt es schon in den Neunzigern, welche Gewalt die Songs der Krefelder live erzeugen. Nicht wenige Nachwuchsmusiker zur damaligen Zeit hatten es sich zum Ziel gesetzt, die gesamte Produktion herauszuhören und nachzuspielen. Auch "Live" war eine Großtat, welche die Entwicklung vom thrashigen Power Metal der Frühzeit zu großen Kompositionen Marke "A Night At The Opera" schlüssig und authentisch darstellt. Und dann gab's damals ja noch "Imaginations Through The Looking Glass", die Live-DVD vom bislang einzigen BLIND GUARDIAN-Festival aus 2003, welche obige Beziehung zwischen Band und Fans unmissverständlich klar machte.

Wo reiht sich "Live Beyond The Spheres" hier ein und kann es eventuell noch einen drauf setzen? Natürlich kann es, weil es, im Gegensatz zu den Vorgängern, eine gewisse Zeitlosigkeit ausstrahlt. Zum einen stellen wir fest, das Hansi natürlich nicht mehr so bellen kann wie auf "Tokyo Tales", auf der anderen Seite merken wir, dass ein Song wie "Banished From Sanctuary" dennoch damals wie heute Arsch tritt. Dann erinnern wir uns, dass wir uns zu "A Night At The Opera"-Zeiten über die 200 Tonspuren geärgert haben, bis man angenehm entspannt bemerkt, dass "And Then There Was Silence" auch mit einem Zehntel dessen nichts an Wirkung verliert, sondern eher noch gewinnt. Tatsächlich konnte der Verfasser dieser Zeilen mit eben diesem Song bislang stets am wenigsten anfangen, doch irgendwie übt er auf diesem Live-Dokument eine vorher nicht dagewesene, erdige Anziehungskraft aus. Gleiches gilt für ganz neues Songmaterial wie "The Ninth Wave", welches mit erstaunlich wenigen Backingtracks auskommt und auf Live-Keyboard und zwei Gitarren Plus Rhythmus-Sektion reduziert werden kann - und funktioniert!

Es gibt Alt-Fans, die alles, was nach "A Night At The Opera" kam, als modernes Teufelszeug... verteufeln! Und hier ist jetzt jeder angesprochen, der die Band vor dem Jahr 2002 für sich entdeckt hat, der Rezensent eingeschlossen. Und so wundere ich mich dann doch, welch gute Figur ein "Tanelorn (Into The Void)" vom "At The Edge Of Time"-Album direkt neben "The Last Candle"(!) abgibt.

Was ist über das Konzept der Platte zu sagen? Eigentlich ganz einfach. Wir schneiden den Großteil der "Red Mirror"-Europa-Tour mit und packen dann die jeweils besten Takes auf drei (in Ziffern 3!) CDs. Das übliche Prozedere, zwei Shows mitzuschneiden, das beste von beiden Zusammenzuschnibbeln und den Rest zu Overdubben... Nein! Bei GUARDIAN wird sich durch über vermutlich 75 Stunden an Material wieder und wieder gehört, bis man die besten Takes zusammengefunden hat. Und wieder ist der Ansatz Komplex, während das Ergebnis leicht und magisch klingt. Wo wir wieder bei der Quadratur des Kreises wären.

"Live Beyond The Spheres" ist somit ein Stück Magie, welches eigentlich in keiner Sammlung fehlen darf. Alt-Fans erkennen, dass die Songs von damals immer noch geil klingen und sich die neuen Stücke besser als gedacht zu den Klassikern gesellen. Neulinge erhalten einen umfassenden Einblick ins Schaffenswerk der Krefelder. Beide erleben die Magie, welche von einer GUARDIAN-Show ausgeht und welch geniale Songs da präsentiert werden. Zu meckern gibt's da eigentlich nur, dass es außer dem obligatorischen "Bard's Song" kein Stück aus der "Somewhere Far Beyond"-Zeit auf die Setlist geschafft hat. Aber da fangen wir jetzt nicht an, kleinlich zu sein.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (03.07.2017)

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