IN TORMENTATA QUIETE - Finestatico

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VÖ: 16.06.2017
Bandinfo: IN TORMENTATA QUIETE
Genre: Avantgarde Metal
Label: My Kingdom Music
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Lineup  |  Trackliste

IN TORMENTATA QUIETE (in der Folge kurz ITQ) ist eine norditalienische Band, die seit mittlerweile fast 20 Jahren existiert, wobei es aus diversen Gründen immer mal wieder Phasen von mehr oder weniger Aktivität gab. So liegt mit „Finestatico“ erst das vierte Album vor, wobei damit die letzten drei Alben im Laufe von nur acht Jahren erschienen sind, was definitiv auf gesteigerte Produktivität hinweist. Darauf deuten auch Aussagen in einem kürzlich erschienenen Interview hin, demzufolge Arbeit an neuem Material bereits begonnen hat. Das freut mich zumindest sehr, der ich 2009 durch eine überraschend positive Rezension bei myrrthronth.de (ausgerechnet!) auf dieses interessante Projekt aufmerksam geworden bin. Das damalige Album „Teatroelementale“ beeindruckte mich mit einer Art von Musik, die ich so noch nie zuvor gehört hatte. Diese Einzigartigkeit war zwar auch auf dem Folgealbum „Cromagia“ zu finden, erschien mir aber etwas zu unausgewogen und dadurch stellenweise nervig – vielleicht war ich auch einfach nur nicht in der richtigen Stimmung dazu. Umso gespannter war ich allerdings auf „Finestatico“, welches nur drei Jahre nach dem Vorgänger am 16.06.2017 erschienen ist.

Die angesprochene Einzigartigkeit dieser Musik besteht darin, dass ITQ es schaffen, recht avantgardistischen Black Metal mit Klassik, Folk und Rock zu einem authentisch wirkenden Ganzen zu verbinden, welches dabei „typisch italienisch“ sehr emotional und abwechslungsreich daherkommt. Zudem verfolgen ITQ bei jedem der letzten drei Alben ein mich sehr ansprechendes philosophisch-ästhetisches Konzept, welches mit ein wenig Überlegung auch ohne umfassendere Italienischkenntnis greifbar ist. Das Resultat dieser Stilmischung hat die Band selber mit dem Albumtitel „Teatroelementale“ eigentlich recht zutreffend beschrieben: „Teatroelementale“ ist ebenso wie „Cromagia“, „Finestatico“ und der Bandname selber ein Wortspiel, welches sich auf Deutsch mit „EleMentalTheater“ halbwegs gut wiedergeben lässt. Theatralisch ist die Musik allemal, was vor allem durch den sehr präsenten, häufig dreistimmigen Gesang erreicht wird, es geht unter anderem um philosophisch-spirituelle Themen sowie den eigenen Zugang zu Welt und Kunst, wobei das Ganze doch nicht abgehoben wirkt, sondern sich mit an sich elementaren, grundlegenden Wahrnehmungsweisen und Wahrheiten befasst. Dabei sind sich ITQ während der ganzen Zeit musikalisch-stilistisch im Wesentlichen treu geblieben, was wohl auch daran liegt, dass der Kern der Band, der aus vier Leuten besteht (Gitarre, Keyboard, Schlagzeug, Gesang), seit 1998 zusammen musiziert. Das ist durchaus bemerkenswert, ebenso wie die dafür umso stärkeren Fluktuationen beim weiblichen und männlichen Klargesang.

Eine Entwicklung hat es dennoch gegeben, denn auf „Finestatico“ klingt alles noch etwas kohärenter als zuvor. Das wird vor allem dadurch erreicht, dass auf diesem Album erstmals seit dem Debut auf die Struktur „Instrumental/Monolog – Lied – Instrumental/Monolog – Lied“ verzichtet wird. Gesprochene Passagen kommen auf diesem Album zwar dennoch vor, allerdings nur in die Lieder eingebettet, was bei fehlender Sprachkenntnis nicht ganz so problematisch ist.

„Finestatico“ ist ein Konzeptalbum, dessen Titel sich mit „EndStatik“ ungefähr wiedergeben lässt, wobei im Italienischen durch „estatico“ auch die Ekstase mitschwingt, weswegen „End(Ek)Stase“ auch eine Möglichkeit wäre. Beim Blick auf das Cover und die Songtitel fällt zudem auf, dass es offenbar grob um das Universum geht, wenn man vom ersten und letzten Liednamen einmal absieht. Glücklicherweise wurde die Frage zum Konzept kürzlich in einem Interview geklärt, welches ich hier zitieren möchte, um den Lesern den Zugang zu erleichtern, der möglicherweise von Sprachbarrieren allzu verbaut ist:

“The album is the story of a man who thinks about his artistic creations. He is sitting on a bench and when he looks to the sky, he starts an ecstatic travel into the Universe. At the end, he understands that he has just lived an interior journey. The travel into yourself represents the artist’s ability of creating a work of art. First, you start with an intuition (Zero), then you fill your mind with it (Sole), you put aside your moral obligations (R136a1), you make love with it (Eta Carinae), you find a way to communicate it (Sirio), you empathize with it (RR Lyrae) and finally, “IO A TE ARRIVAI”, I REACHED YOU (Demiurgo).”

Wenn man dieses Konzept während der musikalischen Reise im Hinterkopf behält, dann erklärt sich unter anderem der rasende Black-Metal-Ausbruch am Anfang von „Zero“, der wie eine Idee plötzlich da ist, der wärmere Charakter von Eta Carinae, oder aber auch, wieso „Demiurgo“ am Ende des Albums wie Ambient ausklingt. Die Komplexität der vertonten Thematik bietet auf jeden Fall jede Menge Raum, den ITQ mit ihren Mitteln ausgezeichnet zu nutzen wissen. Dabei steht natürlich der Gesang in Vordergrund, der von den drei Akteuren mal zusammen, mal im Wechselspiel und mal gegeneinander ankämpfend dargeboten wird. Marco Vitales keifendes Schreien und Growlen kontrastiert dabei stark zum ausgesprochen gut gemachten, opern- bzw. musicalartigen Klargesang von Irene Petitto und Simone Lanzoni. Besonders interessant empfinde ich dabei die Wirkung, die das Zusammenspiel des Klargesangs mit den typischen Black-Metal-Vocals erzeugt. Das ist wirklich ein Charakteristikum, das diese Band ausmacht, aber schätzungsweise viele Hörer eher abschrecken dürfte. Ich persönlich finde das wirklich klasse, dadurch werden zuhauf Momente erzeugt, die echt unter die Haut gehen, wenn man sich denn darauf einlassen kann. An diesem Effekt sind natürlich auch die weiteren Instrumente beteiligt, wobei die verzerrten und teilweise cleanen sowie akustischen Gitarren natürlich das Grundgerüst darstellen. Neben rasenden Black-Metal-Passagen wie bei „Zero“ gibt es auch jede Menge progressiv-rockiger und ruhigerer Parts, wobei dann vor allem bei letzteren das Keyboard, die klaren Gesänge, Chöre und die Klarinette zum Tragen kommen und meist wieder zu härteren Abschnitten überleiten. Beispiele hierfür sind vor allem der Mittelteil von „Eta Carinae“ und die zweite Hälfte von „R136a1“ sowie „Sirio“.

Alles in allem ist „Finestatico“ ein extrem vielseitiges Album mit einer Menge dramatischer Entwicklungen, denen zu folgen nicht immer leicht ist, weswegen es vom Hörer auch einiges fordert. Daher sollte man das Album nicht gerade dann auflegen, wenn man genervt ist, sondern wenn man wirklich offen ist und sich die Zeit und Ruhe nehmen möchte, das Ganze wirklich auf sich wirken zu lassen. Das ist dann nämlich ein äußerst lohnenswerter Aufwand, da das Album mit jeder Menge bewegender, grandioser Passagen aufwartet, die sich einem nicht gleich erschließen. Mit jedem weiteren Hören verstehe ich das Ganze besser, kann mehr auf die Details achten und empfinde mehr und mehr Achtung vor dem faszinierenden Gesamtkunstwerk, das IN TORMENTATA QUIETE hier erschaffen haben. Die anfangs etwas befremdliche Mischung aus eher klassischem Klargesang, keifendem Schreien und wahnsinnigem Flüstern empfinde ich persönlich übrigens als erstaunlich gute Annäherung an das, was einem beispielsweise bei inneren Disputen an Für und Wider schnell durch den Kopf schießt, die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile, die einen mentalen Dialog führen und dabei mal im Einklang sind und sich mal nur gegenseitig wirr irgendwas an den Kopf werfen. Dadurch fühle ich mich beim Hören dieser Musik auch irgendwie verstanden, so eigenartig das vielleicht klingen mag. Aufgrund all dessen sowie der erwarteten Langzeitwirkung und der Steigerung zum bereits geschätzten Vor-Vorgänger gibt es dafür 4,5/5 Pizze.

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (30.06.2017)

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