Callejon - Fandigo

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VÖ: 28.07.2017
Bandinfo: Callejon
Genre: Metalcore
Label: People Like You Records
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Lineup  |  Trackliste

Oh, was gab es für einen Aufschrei: CALLEJON ändern ihren Sound! „Wo sind die Screams?“ -„Was soll dieses Gejammer?“ - „Das klingt ja langweilig!“. Aber sind wir mal ehrlich. Wer nach „Porn from Spain 3“ fragt, der hat CALLEJON einfach nicht verstanden. Die Jungs aus Düsseldorf stehen seit jeher für eine düstere Ästhetik und die Faszination des Abgrundes, den ‚l'appel du vide‘ wenn man so will. Der Sound ist dabei doch eher nur die Plattform, auf der dieses Gefühl transportiert wird. Und wenn „Fandigo“ eines richtig macht, dann ist es, glaubhaft eine verzweifelte Nacht zwischen Gin und Zigarettenstummeln zu vermitteln, in der das Dunkel so verlockend ist wie noch nie.

If god made a stone, that is so heavy, that he cannot lift it, I don`t think it is very useful to speculate what god might or might not be able to do.” Mit diesen Worten, dem alten Allmächtigkeitsparadoxon, beginnt „Der Riss in uns“. Statt eines Intros erwartet den Hörer hier ein tiefschwarzes, melancholisches Bekenntnis zur Machtlosigkeit, das ergreifender nicht sein könnte. Die Trennung des Individuums von der Welt und allem das existiert verstehe ich stellenweise als zutiefst niederschmetternde Antwort auf das geniale „Unter Tage“ des letzten Albums:

[…] und irgendwo hier unten hab ich dich verloren! […] Vier Krähen zogen einen Kreis – von Osten nach Westen, von Süd nach Nord. Und die Feder die fiel, zeigte den Ort, wo ich den Stollen öffnen sollt‘. Ich werde weiter graben bis meine wunden Hände unsere Seelen bergen […]“ („Unter Tage“) „[…] ich wünschte mir ich wäre ein Stein im tiefsten Berg, unerreichbar für jede Zeit schlaf‘ ich dann bis in die Ewigkeit. […] Diesen Riss in uns haben wir nie überwunden. Ich hab‘ dich nie gehört, und du mich nie gefunden.“ („Der Riss in uns“).

[*Taschentücher-Box hol*; Anm.d.Korr.]

Es folgt „Utopia“, das die metaphorische Machtlosigkeit fortsetzt indem es indirekt verdeutlicht, wie dunkel die Zeiten sind, in denen wir laut CALLEJON leben: „Utopia, du strahlst viel heller bei Nacht.“ Musikalisch macht die Band auch hier keinen Hehl aus ihrem Stilwechsel; auf Screams wird komplett verzichtet. Im Gegensatz zur Eröffnung legt der zweite Song aber ein zügiges Grundtempo an den Tag, das nach eigener Erfahrung auch live gut ankommt. Besonders interessant ist auch der ungewohnt hohe elektronische Anteil, der dem Song einen gewissen Hauch von Synthwave gibt, der sich auch an späteren Stellen noch mehrfach findet. Auch „Pinocchio“ war im Vorhinein schon in Teilen auf dem Mixtape zu hören, mit dem CALLEJON die Möglichkeit boten, in den neuen Sound reinzuschnuppern. Mein Germanistenherz will mich auch hier wieder zu einer umfassenden Interpretation zwingen, in der das lyrische Ich als hölzerne Marionette von einer Frau betrogen und gebrochen wird, sich aber in selbstzerstörerischer Liebe nicht von ihr trennen kann. Aber genug davon, es soll ja doch etwas mehr um die Musik gehen. „Pinocchio“ dürfte wohl einer der härtesten und auch abwechslungsreichsten Songs auf „Fandigo“ sein, der zudem passagenweise an „Videodrom“ erinnert.

Der düstere Strom aus faszinierenden Abgründen will mit „Hölle Stufe 4“ nicht abreißen, ganz im Gegenteil. Was das bisher gewagteste Soundexperiment der selbsternannten Zombiecore’ler sein dürfte, stellt zugleich eine musikalische Meisterleistung im Gesamtwerk der Band dar. Allein den elektronischen Anfang, der das Gefühl von mehreren Stimmen erzeugt, die durcheinander reden, sodass nichts einen Sinn ergibt und dann überschattet werden von dem Erzähler BastiBasti, der dem Hörer die Situation erklärt, darf man wohl als einzigartig bezeichnen. Nach dem vierten Song durchbrechen CALLEJON dann für einen Moment die Melancholie und greifen mit „Monroe“ ihren Stil von „Man spricht deutsch“ auf, was wirklich gut zu gefallen weiß. Man kann hier weder von einer Core-Richtung noch von Deutschrock sprechen, die Band hat da ihren eigenen Mittelweg gefunden.

Doch dieser Lichtblick soll nicht von Dauer sein. Nach der Überleitung "Ø" schlägt „Das gelebte Nichts“ wieder in die Kerbe der Existenzkrise. Das Thema hier ist eindeutig Depression, die CALLEJON authentisch musikalisch verarbeiten. Mit Song Nummer sieben hatte ich bereits im Vorhinein mein größtes Problem: „Noch einmal“ bedient sich unter anderem mit den BROILERS-typischen woohooo-Gesängen meiner Meinung nach ein wenig zu sehr an den besagten Labelkollegen, die ich (ACHTUNG: persönliche Meinung) gelinde gesagt zum Kotzen finde. Da das aber wirklich eine Frage des Geschmacks ist, kann ich CALLEJON dieses Experiment natürlich nicht übel nehmen, besonders da es in „Noch einmal“ um die Hoffnung geht, alles Gute noch einmal erleben zu dürfen, was ich an sich als wertvolle Message empfinde. „Mit Vollgas vor die Wand“ stellt musikalisch den fröhlichsten Song des Albums dar, auch wenn diese Freude sich bei genauerem Hinhören als wahrhaft morbide offenbart. Wenn man sich verdeutlicht, dass der Betroffene im letzten Stadium des Suizids oftmals erleichtert und resigniert wirkt, klingt das freundlich dahingeträllerte „Sterben ist normal“ oder „Ich mach mich kaputt, solange ich noch kann. Diesen Triumph gönn‘ ich nur mir selbst“ doch ein wenig ernüchternder.

Der hymnenhafte Charakter von „Powertrauer“ hat den Song bereits zu einem Highlight des Mixtapes gemacht. Tatsächlich schafft es der sechsminütige Soundkoloss mit der Klangfarbe schwarz, auch über die relativ lange Spieldauer zu begeistern. Hier geht es weniger um Abwechslung als den gezielten Einsatz von Stilelementen, die hier den atmosphärisch dichtesten Song des Albums erschaffen. Der erste Song ohne wirkliches Alleinstellungsmerkmal folgt mit „Mein Gott aus Glas“. Musikalisch solide, textlich typisch CALLEJON, insgesamt stabil. „11°19'0"N, 142°15'0"O“ (die Koordinaten führen übrigens zur Cory Road in Salt Lake City, was das bedeutet mag nun jeder selbst entscheiden) als Überleitung zu „Nautilus“ baut eine mystische und zugleich bedrohliche Stimmung auf, die im nachfolgenden Song auch mit einem wahren Brecher-Riff belohnt wird. Textlich bewegt sich der Track in Meeresmetaphorik, die auch von sonarartigen Synths untermalt wird. Musikalisch neben „Pinocchio“ auf jeden Fall mit das Härteste, was „Fandigo“ zu bieten hat.

Endlich beim Titeltrack, endlich bei „Fandigo Umami“, dem es geschuldet ist, dass ich nach dem Mixtape erwartete, ein Album vom Format „Videodrom“ hören zu dürfen. Und was soll man sagen: Diese sechseinhalb Minuten sind ein Manifest der Band, die Quintessenz von CALLEJON, der musikalische Nagel, der auf den Kopf getroffen wird. Die Screams, die Cleans, die Riffs, die eingespielten Samples, die Synths, das Tempo, die Atmosphäre, der Spannungsverlauf – hier stimmt einfach alles.

Und nun was niemand erwartet hat: CALLEJON covern DEPECHE MODEs „People are People“. Klingt merkwürdig, ist auch merkwürdig, passt aber merkwürdig gut ins Gesamtkonzept des Albums. Auch der englische Gesang steht BastiBasti besser zu Gesicht als gedacht. Wer hier aber ein halb ironisches over-the-top Cover erwartet, wie es größtenteils der Stil von „Man spricht deutsch“ war, der dürfte enttäuscht werden, da CALLEJON es hier anscheinend bitterernst meinen und den Song dementsprechend auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angehen. Den Abschluss bildet „Callejon is Dead“, das Besucher der gleichnamigen Tour 2016 auch schon als Eröffnung zu hören bekamen. Nach stimmungsvollem Intro präsentieren CALLEJON hier einen reflektierenden Rückblick auf ihre bisherige musikalische und auch persönliche Geschichte, verpackt in eine stimmungsvolle Hymne, die sich wie eine aufgehende Sonne über dem bisher dunkelsten Album der Band erhebt und trotz Gesängen vom Ende die Finsternis in jedem von uns ein Stück weit erhellt – absolute Gänsehaut.

Alles, alles wird enden. Doch solange du atmest wohn‘ ich in deinen Händen.

CALLEJON präsentieren mit „Fandigo“ ein absolutes Meisterwerk, das sich erstmals nach „Videodrom“ nicht hinter diesem zu verstecken braucht. Eine solche textliche und atmosphärische Dichte zu produzieren spricht dafür, dass Düsseldorf hier eine einzigartige Gruppe hervorgebracht hat, die den Geist einer gesamten Generation auf Papier bannt und musikalisch immer wieder von neuem zu begeistern weiß. Ich habe höchsten Respekt vor dieser Leistung und kann nicht anders, als für dieses Monument die Höchstwertung zu vergeben, am liebsten würde ich sogar noch darüber hinausgehen. Wer von dem Stilwechsel der ersten Singles abgeschreckt wurde, dem empfehle ich dringend, dem Gesamtwerk noch eine Chance zu geben, auch wenn es sicherlich nicht jedem gefallen wird.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (29.07.2017)

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