VIOLET COLD - Anomie

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VÖ: 21.07.2017
Bandinfo: VIOLET COLD
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Eigenproduktion
Lineup  |  Trackliste

VIOLET COLD ist das experimentelle Atmospheric-Black-Projekt eines Mannes aus Aserbaidschan – einem Land, dessen Musik derart selten internationale Aufmerksamkeit erreicht, dass viele erst einmal Google-Maps bestaunten als im Jahr 2012 der Eurovision Song Contest in Baku stattfand.

Die Kombination aus Violett und Kälte ist nicht ungefährlich. Bei Erfrierungen ist die Violettfärbung Indikator für den bevorstehenden Zelltod und schon Loriot wusste, dass sich alleinstehende Frauen in violetten Sitzgruppen umbringen. Trotzdem gehört VIOLET COLD zu jenen Phänomenen, die einem das Zelebrieren von Melancholie nur vordergründig erleichtern. Ja, es geht geradewegs hinein ins graue Versteck jener Gedanken, die im Alltag hinter lächelnden Fassaden und Geschäftigkeit verschwinden. Doch gerade wenn man die Hand nach ihnen ausstreckt, die Augen schon in der Erwartung gleich gebissen zu werden zusammenkneift, geht der Strom plötzlich wieder: die Glühbirne britzelt und das Radio sprudelt verdächtig beruhigende Melodien. Sonnig, schwebend und fern. In der Welt da draußen ist alles in Ordnung. Eine Frauenstimme wiederholt etwas, dass sich wie "Seni seviyorum" anhört – und man weiß nicht, ob sie von der Liebe überwältigt, oder verzweifelt ist.

Was hat diese Musik mit Black-Metal zu tun? In vielen Momenten auf "Anomie" nicht mehr als die Ahnung einer Lebenseinstellung und die Einigung auf das gezielte Durchleben von Sehnsucht, Melancholie und Ironie als Katharsis. Die Stilmittel natürlich – es wird geschrien, das Schlagzeug scheppert. Gleich beim ersten Track „Anomie“  und insbesondere in "Lovegaze" wird man jedoch von trivialen, fast auswechselbaren Synthie-Melodien in ein „Uncanny Valley“ zwischen Holzflöten-Folklore und dem Vorspann einer grundlos optimistischen Vorabendserie geleitet. Passender erscheinen deshalb mit "Ambient“, „Shoegaze“ und „Post-Black-Metal“ beschriftete Schubladen, vielleicht wird daraus Black-Gaze. Egal ist es ohnehin. Interessant wird es auf "Anomie" immer dann, wenn diese Elemente ineinander greifen und ein funktionierender Organismus daraus wächst. Das gelingt meiner Meinung nach nicht in jedem Track, dafür in "Violet Girl" umso beeindruckender.

Emin Guliyev herrscht seit der Gründung im Jahr 2013 über VIOLET COLD, er allein ist VIOLET COLD – und dazu wahnsinnig produktiv. Der einsame Denker ist natürlich kein neues Phänomen in den Weiten schwarzmetallischer Musik, entweder weil sie der Introspektion dient, oder daraus resultiert. In jedem Fall aber, ist sie mit dem konzentrierten Blick nach innen verbunden, in den Kopf als Begegnungsstätte, der einzigen in der Ausgedachtes und materielle Welt gleichberechtigt aufeinandertreffen. VIOLET COLD liefert mit „Anomie“ deshalb auch eine unperfekte Projektionsfläche für das ausladende Spektrum aller Zustände zwischen den Emotionen, für die uns Worte zur Verfügung stehen – eine Fläche, die selbst so schillert wie der Schleier einer Tankstellenpfütze, der sich über die Spiegelung der eigenen Sorgenfalten legt.

Wer gerne mit AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN durch Wiesen und mit MESARTHIM durch den Weltraum schwebt, kann mit VIOLET COLD noch ein weiteres ungeschliffenes Juwel atmosphärischer Unwägbarkeit dazugewinnen. Ungeschliffen deshalb, weil Tracks wie "Violet Girl" verdeutlichen, dass dieses Album noch nicht alles abbildet, wozu Emin Guliyev in der Lage ist.
Rechnet trotzdem damit, dass die Pfütze eurem Blick standhält. Und ihn erwidert.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Daria Hoffmann (07.08.2017)

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