WRECHE - Wreche

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VÖ: 26.05.2017
Bandinfo: WRECHE
Genre: Black Metal
Label: Fragile Branch Records,
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Metal und Klavier passen nicht zusammen. Unzählige Male habe ich selbsternannte Musikexperten Aussagen wie diese schon mit stolzgeschwellter Brust verkünden hören. Wer im Leben jedoch ein einziges Mal in den Genuss einer Darbietung eines verdammt guten Pianisten gekommen ist, kann sich unmöglich dem Gedanken entziehen, dass ein echter Flügel nicht nur aus viel mehr Stahlsaiten besteht als jede Gitarrenband auf die Bühne schleppen kann, sondern bei richtiger Handhabung geradezu prädestiniert dafür ist, einen Donnersturm zu entfesseln der jeden Zuschauer in Ehrfurcht erstarren lässt. WRECHE macht genau das - wäre diese Musik ein Tier, niemand würde sich ihm in den Weg stellen.
 
John Steven Morgan ist das Mastermind, die Musik und die Stimme von WRECHE. Der kalifornische Pianist und Komponist ist seit Jahren international als Solokünstler unterwegs, performte unter anderem schon beim Monterey Jazz Festival und gab Konzerte im geschichtsträchtigen Wattis Room der San Francisco Symphony Hall. Mit dem Drummer Barret Baumgart transferiert er die dunkle Seite seiner kompositorischen Fantasien in experimentellen Black-Metal, der überwältigender kaum sein könnte. Überwältigend vor allem deshalb, weil Mr. Morgan wie besessen  - und vermutlich mit nicht mehr als nur zehn Fingern - alle 88 Tasten zugleich bedient um die Hämmer gewaltsam auf die Saiten niederprasseln zu lassen. Auch der intensive Einsatz von Sustain-Pedal und Hall auf den Screams resultieren in einem schonungslosen Sound-Tornado der den Hörer überrollt. Die unperfekt rauhe Produktion und diverse Unsauberheiten im Spiel sollen zusätzlich zum authentischen Black-Metal-Feeling beitragen. Das funktioniert, löst bei mir persönlich allerdings keine Begeisterung aus. Mit einem klaren und akzentuierten Sound würde die schiere Überforderung der Sinne nicht so häufig im Soundbrei enden. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass dieses Endergebnis genau so von den Musikern gewollt ist. Das suggeriert auch die Einbindung diverser Umgebungs- und Störgeräusche.
 
Insgesamt wird man auf WRECHES Debut von fünf ineinandergleitenden Stücken sehr unterschiedlicher Färbung und Länge erfreut. Die anderthalbminütige Eröffnung "Pruning the Spirit" ist weniger Song als Atmosphäre generierende Szene: Man hört ein leicht verstimmtes Klavier im kleinen Raum, die Benutzung von Werkzeugen und ein nervtötendes Quietschen von Holz und Metall. Sherlock Holmes würde kombinieren: Ein Klavier wird gestimmt. Während man noch das Fragezeichen über seinem Kopf betrachtet, schlägt der zweite Track einem gleich ohne Vorwarnung auf's Maul. "Angel City" ist Hommage an Los Angeles, der "city of shattered dreams" wie WRECHE es selbst beschreiben. Nötig gewesen wäre diese explizite Umetikettierung dieser vordergründig mit Spaß, Glücksspiel und Sonne assoziierten Herkunft nicht. Der absurde Kontrast erschließt sich von allein und findet nicht nur als interessantmachendes Beiwerk sondern auch in der Musik selbst statt – beispielsweise in Form verstörender Sprachsamples in Endlosschleife oder dem verträumt-melancholischen Zwischenspiel "Petals".
 
WRECHE gelingt mit dem gleichnamigen Album ein musikalisch und konzeptuell herausragendes, völlig eigenständiges Black-Metal-Kunstwerk. Intensive Lautstärke, Samples, Dröhnen, Drums und emotionale Vocals fliegen zunächst als kaum zu identifizierende Teilchen in einem wüsten Sturmgetöse umher. Man hält sich die Ohren zu und schließt die Augen. Wenn man es schafft zu bleiben, wird man die aufwühlenden Melodien erkennen, zu denen sich die Partikel ständig neu formieren wie ein wogender Vogelschwarm auf der Jagd nach Insekten.


 

 

 
 


Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Daria Hoffmann (04.09.2017)

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