VENOM INC. - Avé

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VÖ: 11.08.2017
Bandinfo: VENOM INC.
Genre: Heavy Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Zuerst die Hintergrundgeschichte kurz zusammengefasst: Am Keep It True Festival 2015 standen Jeff "Mantas" Dunn und Tony "Demolition Man" Dolan (die mit ihrer Band M:PIRE OF EVIL auftraten) erstmals seit über 20 Jahren wieder mit Antony "Abaddon" Bray gemeinsam auf der Bühne und spielten ein paar VENOM Songs. Das Feedback war dermaßen enorm, dass sie entschlossen als Band weiterzumachen, zuerst unter dem Namen IRON & STEEL, aber da genau diese drei schon 1989-1992 VENOM waren, wurden sie auch von Außenstehenden immer wieder darauf hingewiesen, weswegen sie ihren offiziellen Namen in VENOM INC. – IRON & STEEL, kurz VENOM IC. genannt, umänderten. Wie Dolan erklärt: „Der einzige Grund, warum wir uns VENOM INC. nennen, ist, dass die Leute realisieren, dass wir nicht nur VENOM II oder sowas sind. Wir lassen alles, was wir tun, zu einem Teil unserer Musik werden, einschließlich unserer VENOM-Geschichte. Und genau darum geht es in dieser Band.“
Wenig begeistert davon zeigte sich Conrad "Cronos" Lant, der seit 2005 unter dem Bandnamen VENOM operiert (und zuletzt nach dem eher mäßigen "Fallen Angels" das großartige "From The Very Depths" veröffentlichte), auch wenn er rechtlich nicht der Inhaber ist. Die Erlaubnis unter dem Namen weiterzumachen hatte er sich telefonisch von Mantas geholt, der damals mit seiner totkranken Mutter andere Dinge im Kopf hatte als die Band.


In Folge entstanden (auch unter Fans) Diskussionen darüber, wer die wirklichen VENOM sind. Ist Cronos' VENOM nicht eigentlich nur seine Soloband CRONOS? Sind VENOM INC. nur M:PIRE OF EVIL unter anderem Namen? VENOM INC. betonen in Interviews immer wieder wie es zur derzeitigen Situation gekommen ist, die etwas fragwürdigen Umstände wie Cronos an den Bandnamen und versuchen ihren Anspruch zu legitimieren indem sie darauf verweisen, dass Mantas und Abaddon (der auch das originale Logo entwarf) VENOM gegründet haben und Cronos erst später einstieg und eher durch Zufall zum Sänger und Frontmann der Band wurde. VENOM hingegen spritzen immer wieder Gift in Richtung VENOM INC. Vorzuweisen haben sie in erster Linie den ikonischen Frontmann, aber es wird auch immer wieder darauf gepocht, dass Cronos die Band seit 2005 am Leben erhielt. Wenn dann allerdings Gitarrist (seit 2007) John Stuart "Rage" Dixon VENOM INC. als Tribute-Act abtut entbehrt das nicht einer gewissen Ironie (besonders wenn er auf der Bühne versucht Mantas' Parts zu spielen). Den Tributband Status haben VENOM INC. nun mit "Avé" abgelegt.


Die Livevideos der letzten Jahre auf YouTube weckten hohe Erwartungen an die Band. Als die erste Single "Dein Fleisch" erschien, wurde die Vorfreude bei manchen gedämpft, da das nicht so wirklich das war, was man sich von der Band erhoffte. Zu glatt, zu sehr industrial. Mehr RAMMSTEIN als klassische VENOM vom Sound her. Das billig aussehende, nach dem Motto "sex sells" kreierte Musikvideo tut dem Song auch keinen Gefallen. Das Audiovideo des Songs in Originallänge ohne trashiges Video bringt den Song viel besser zur Geltung.


Ebenfalls im Vorfeld veröffentlicht wurde "Avé Satanas". Dieser Song eröffnet das Album und als dieser (nach einem kleinem Ausschnitt aus "Avé Maria") richtig loslegt, kommt die erste Überraschung: "Wow! Ich kann mich nicht erinnern, dass das der so heavy klang!" Und tatsächlich, beim direkten Vergleich des Videos mit der mp3 Version des Songs sticht sofort ins Ohr das der Sound hier besser, heavier und knackiger ist im Vergleich zum flacher klingendem Lyricvideo (das auch wieder nicht ohne nackten Frauenkörper auskommt, daneben aber auch ein paar Liveaufnahmen der Band beinhaltet).


Schon recht angetan von "Avé Satanas", folgen darauf mit "Forged In Hell" und "Metal We Bleed" zwei der stärksten Kracher des Albums, die dem Hörer schon beim ersten Mal gnadenlos an die Kehle springen. "Forged in Hell" wartet zudem mit einem killer Gitarrensolo auf (nicht das einzige auf dem Album). "Dein Fleisch" fällt im Anschluss daran etwas aus dem Rahmen, passt aber insgesamt ins Gefüge der Songs auf "Avé". "Blood Stained" beginnt zwar ganz gut aber zunächst noch unspektakulär, wird jedoch immer besser, vor allem während des Solos (wieder ausgezeichnete Arbeit von Mantas) und von dort an. Mit dem gallopierenden, brutalen Shouter "Time To Die" folgt eine modern klingende Metalnummer, bevor "Avé" mit "The Evil Dead" wieder mit einer klassischen Nummer mit guten, mitreißenden Hooks aufwartet. "Preacher Man" macht schon beim ersten Hören einen soliden (wenn auch vielleicht einen Tick zu langen Eindruck), gehört aber zu den Songs die nach öfterem Anhören ihre volle Wirkung entfalten. Mit "War" folgt die nächste Hammernummer. Da hat sich wohl jemand in seinen Panzer gesetzt und fährt nun über alles hinweg was sich ihm in den Weg stellt! Wenn da das Herz des Metal-Fans nicht höher schlägt! Das ganz gute "I Kneel To God" gehört zu den weniger aufregenden Songs auf dem Album (obwohl auch diese Nummer mit einem großartigen und langem Solo von Mantas aufwartet), der stellenweise stilistisch etwas an "Avé Satanas" erinnert. "Black N Roll" – das ist eine Art um ein Album so zu beenden, dass der Hörer garantiert nicht einschläft!


Die Idee zum Artwork des digital, als CD oder in verschiedenen Vinyl Editionen verfügbaren Albums stammt von Sänger und Bassist Tony Dolan:

 

"Avé" mag zwar kein klassisches VENOM Album sein, aber es ist ein rundum gelungenes Werk. Den klassischen Sound und Vocals gibt es nur mit Mantas, Cronos und Abaddon – und eine Reunion dieses Line-Ups wirkt unwahrscheinlicher als eine ABBA Reunion. Aber selbst dann würde das Ergebnis nicht wie die frühen Veröffentlichungen klingen, was ja schon das exzellente Reunion-Album "Cast In Stone" 1997 zeigte. Die Musiker haben sich entwickelt, ebenso wie die Aufnahmetechniken. Was man auf "Avé" sehr wohl erkennt, sind Spuren der VENOM Alben aus der Dolan-era ("Prime Evil", "Temples of Ice", "The Waste Lands"), allerdings klingt der Sound moderner (ein etwas rauerer Sound á la "Prime Evil" wäre das Tüpfelchen auf dem I gewesen), aber nicht zu steril und auch was das Thema Brickwalling betrifft, hat Mantas (der das Album produziert, gemastert und gemixt hat) gute Arbeit geleistet. Er geht zwar ziemlich ans Limit aber ohne zu viel Clipping, wodurch den Songs noch etwas Spielraum in ihrer Dynamik bleibt und ein zu flacher Sound vermieden wird. Selbstverständlich erinnert das Album auch M:PIRE OF EVIL (oder erinnert M:PIRE OF EVIL immer schon ein bisschen an VENOM 1989-1992?), was nicht verwunderlich ist, da Mantas und Tony Dolan die Songs auf "Avé" geschrieben haben. Dabei schauten sie, nach eigenen Angaben, "nicht ein einziges Mal auf die VENOM-Diskografie zurück und dachten: „Wir müssen ein neues 'Black Metal' oder 'Schizo' schreiben…“ Der Fokus liegt auf VENOM INC., auf allem, was das verjüngte Trio hier und jetzt vollbringt".


Ein großer Unterschied zu den ersten Aufnahmen VENOMs liegt auch im handwerklichen Können der Musiker. Waren VENOM anfangs noch als technisch wenig begabte Musiker verschrien, so ist Abaddon mittlerweile ein ganz passabler Schlagzeuger und vor allem Mantas ist schon längst ein beeindruckender Gitarrist mit einem eigenen Sound. Auch auf "Avé" glänzt er mit seiner Gitarrenarbeit und insbesondere auch mit seinen sehr geschmackvollen Soli. Dolan hat nie versucht Cronos zu imitieren. Ein solider Bassist und seine Stimme ist noch immer gut in Schuss und zeigt noch keine Alterserscheinungen.


Die Geschichte einer Band verläuft nicht immer in einer linearen Form. Im Fall von VENOM gibt es jetzt zwei Ableger, was aber für Fans nicht heißt, dass sie zwischen diesen wählen müssen. Ob man nur eine Band mag, beide oder keine (und lieber bei den Alben des klassischen Trios bleibt), ist jedem selbst überlassen. Mit "Avé" haben VENOM INC. jedenfalls ein starkes Album präsentiert, das Heavy Metal Fans gefallen wird, egal welcher Name da drauf steht.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Brigitte Simon (27.08.2017)

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