DER WEG EINER FREIHEIT - Finisterre

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VÖ: 25.08.2017
Bandinfo: DER WEG EINER FREIHEIT
Genre: Black Metal
Label: Season of Mist
Lineup  |  Trackliste

Es gab eine Zeit, ziemlich genau kurz nach dem Release des selbstbetitelten Debütalbums, da wurden DER WEG EINER FREIHEIT für ihre Kurzhaarschnitte und ihr bubenhaftes Auftreten in Kombination mit ihrer Hingabe für Black Metal belächelt und nur allzu gerne diffamiert. Nach und nach folgte Anerkennung, mittlerweile werden die Würzburger sogar überwiegend mit ausschweifenden Lobeshymnen bedacht. Keine Frage, die Evolution, die das Quartett seither vollzogen hat, ist außergewöhnlich und fand in "Stellar" fraglos ihr vorläufiges Optimum, weswegen man mittlerweile als feste Black-Metal-Größe eingeplant ist und nun die Gelegenheit hat, um die Berechtigung dieses Status' nun mit "Finisterre" endgültig besiegeln zu können.

War der Vorgänger noch von einer eher verträumten, romantischen Herangehensweise geprägt, holt einen "Finisterre" (übersetzt: Ende der Welt) in die schmerzliche Realität zurück - thematisch, damit einhergehend aber auch musikalisch. Sprich: DER WEG EINER FREIHEIT haben an ihrem Stil grundsätzlich weniger geändert, gehen aber bereits nach dem Intro, in dem Marlen Haushofers "Die Wand" aus dem Jahre 1963 zitiert wird, rasch impulsivere, giftigere Wege, indem sie mehrere Wellen diabolischer Melodien und Drumsalven losbrechen. Besagter Auszug bringt schummriges Licht in die Dunkelheit:

"Ich weiß nicht, wieso ich das tue, es ist fast ein innerer Zwang, der mich dazu treibt. Vielleicht fürchte ich, wenn ich anders könnte, würde ich langsam aufhören, ein Mensch zu sein, und würde bald schmutzig und stinkend umherkriechen und unverständliche Laute ausstoßen. Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund."

Worum geht es in dem Buch überhaupt? Um eine Frau, die auf einer Reise in's Gebirge plötzlich unfreiwillig isoliert, also durch eine unsichtbare Wand - durchsichtig, aber undurchdringbar - vom Rest der Zivilisation abgekapselt wird. Dahinter scheint ein Unglück seinen Lauf genommen zu haben, durch die Wand blieb die Protagonistin davon jedoch unberührt, muss sich dafür fortan aber erst (wieder) diverse kulturelle und technische Konzepte zur Problemlösung aneignen und den friedlichen Umgang mit Tieren pflegen. Nimmt man nun speziell diesen Teil der Geschichte als Denkanstoß, kann man durchaus von einer Zivilisationskritik ausgehen, die in dieser Form gerade heute wieder deutlich an Relevanz gewinnt, wobei Haushofers Roman im späteren Verlauf auch die Schwächen einer isolierten Lebensart aufzeigt.

DER WEG EINER FREIHEIT und insbesondere Nikita Kamprad (der Text von "Ein letzter Tanz" entstammt hingegen der Feder von ex-Bassist Guiliano Barbieri) haben sich für ihre offensivere Grundausrichtung also ein komplexes wie passendes Themenfeld gesucht und setzen das nicht nur lyrisch (mehr Reime, Schilderungen in der zweiten Person, uvm.) sehr reif um, sondern bewegen sich auch kompositorisch und atmosphärisch (das post-metallische, bedachte Instrumental gepaart mit dem Klargesang gegen Ende von "Aufbruch" bspw.) auf sehr hohem Niveau, sodass selbst in Longtracks wie "Ein letzter Tanz" oder auch "Finisterre" ein Gefühl von Kurzweiligkeit eintritt, weil man nicht nur im Tempo variiert. Stattdessen finden Black-Metal-Lieber in ersterem viele skandinavische Einflüsse, während man in letzterem hingegen einen Hauch moderner agiert und Elemente aus der Doom-Sektion erkennen lässt. Dazwischen sind DWEF im "Skepsis"-Zweiteiler hauptsächlich darum bemüht, die Intensität des Vortrags weiter zu erhöhen und haben damit vor allem deswegen überwiegend Erfolg, weil sie dabei zunächst auf die pure Wirkung ihrer Instrumente vertrauen und erst in "Skepsis II", passend zu den großartigen Melodiebögen, wieder die abermals sehr klaren, autarken Gesangseinlagen einladen.

Da auch die komplett in Eigenregie entstandene, überaus lebendige und transparente Produktion über nahezu jeden Zweifel erhaben ist, gibt es an "Finisterre" schlussendlich sehr wenig zu beanstanden. Das vierte Werk von DER WEG EINER FREIHEIT ist also ein abwechslungsreiches, intelligent komponiertes und atmosphärisch höchst stimmiges Wechselspiel zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Wut und Sanftmut, bei dem man - so viel Zeit muss sein - auch mal wieder Tobias Schuler am Kit explizit erwähnen muss, weil er zusammen mit Baard Kolstad (LEPROUS, BORKNAGAR) aktuell zu den besten Schlagzeugern in dieser Generation zählt und auch auf dem aktuellen musikalischen Zeitzeugnis wieder eine immense Bereicherung für die Würzburger ist. Man kann also sagen, dass sich in den letzten Jahren eine harmonische Formation gefunden hat, die trotz vieler Vorbehalte zu Recht ihre Nische im Black Metal gefunden hat und diesen nun mit Alben wie "Finisterre" bereichert. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (28.08.2017)

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