NICKELBACK - Feed The Machine

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VÖ: 16.06.2017
Bandinfo: NICKELBACK
Genre: Rock
Label: BMG
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Lineup  |  Trackliste

NICKELBACK, die verhasste und doch heimlich gefeierte Legende, deren Frontmann STONE SOUR zu einer kalorienarmen light-Variante der eigenen Band degradierte. Chad Kroeger, das Internet-Beef-Rock’n’Roll-Äquivalent zu Donald Trump, der Schwarm jeder rebellischen Hausfrau in den Mitvierzigern, das Gesicht des Elitismus, das Ähnlichkeiten mit einem Schuh besitzt, in welchen man gern seinen Fuß versenken würde; wobei letztere Formulierung leider nicht von mir sondern von Corey Taylor (SLIPKNOT) stammt. Oh NICKELBACK, du ewig gleich klingende Gelddruckmaschine, du KFC des Rock (erneut gehen die Credits an Corey Taylor) zu deren Kuschelrockballaden jedes Teeniepaar mindestens einmal rumgemacht haben muss, und von der wenigstens jeder zweite hier noch eine alte CD im Regal hat, ganz hinten durch, zugestaubt und verdrängt. NICKELBACK, ich möchte dir danken. Danken für meinen Einstieg in das gesamte Genre als ich 14 war, danken für mein erstes Rock-Konzert. Und auch wenn sich mein Musikgeschmack über die Jahre immer weiter ausdifferenzierte und deine Musik immer mehr zum oben erwähnten, immer wieder erwärmbaren sowie mikrowellenfesten H&M-Sound von der Stange entwickelt, kann kein Hate der Welt mir das nehmen, was ich bei deinen Klängen empfinde: Die wohlige Erinnerung des Ursprungs.

Genug über mich, ab jetzt heißt es „Feed The Machine“. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als NICKELBACK den Titelsong des Albums veröffentlichten. Nicht weil er besonders gut war. Auch nicht weil ich als schizophrener Fan auf jedes neue Release lauere. Der Grund war viel mehr, dass etwa zeitgleich die engelsgleiche und musikalisch versierte Meisterleistung „Doris“ von SUICIDE SILENCE erschien, die mit ihrem self-titled Album wohl in die Geschichte eingehen dürften (wir berichteten). Ohne den wirklich häufigen Kommentar, dass der unmögliche Fall eingetreten sei, NICKELBACK hätten einen besseren Song als SUICIDE SILENCE released, wüsste ich wahrscheinlich bis heute nicht einmal, dass „Feed The Machine“ existiert (was für mich die Frage aufwirft, wie viele NICKELBACK Alben ich wohl schon verpasst habe?).Tatsächlich dürfte der Titeltrack des Albums mitunter der solideste Song der Kanadier seit einigen Jahren sein. Mit fünf Minuten ist er zwar ein wenig lang geworden, trotzdem besticht er durch einen starken Bass und ein interessantes Riff. Direkt im Anschluss scheint „Coin For The Ferryman“ gut gewählt, die Eröffnung hört sich ein wenig wie ein Song der guten alten „Silver Side Up“-Zeiten, auch wenn sich Chad Kroeger sehr schnell wieder in seinem MTV-tauglichen Rockstar-Tonfall verliert, anstatt sich den Stärken des Tracks anzupassen.

Einen Gottesdienst ohne ‚Amen‘, ‚The Walking Dead‘ ohne Skandale, Trump ohne Twitter? Genau, gibt’s nicht. Ebenso wenig wie ein NICKELBACK Album ohne schnulzig-schleimige Ballade; in diesem Fall „Song On Fire“. Wer jemals „Lullaby“, „Photograph“ oder „Someday“ gehört hat, der kennt defintiv die besseren Versionen dieses leicht peinlichen Selbstabklatsches. Leicht peinlich bleibt es leider auch in „Must Be Nice“, wenn man sich Chad Kroeger bei den Aufnahmen vorstellt und sich fragt, ob die Band einfach nur zu feige war, um ihn über den massiven Fremdschäm-Faktor der Strophen aufzuklären. Musikalisch bleibt der Song dabei durchgehend stabil, auch wenn man erneut das Gefühl hat, ihn in leicht abgewandelter Form schon x-Mal im Radio gehört zu haben. Es folgt „After The Rain“ – und vor dem Regen ist hier auch nach dem Regen. Oder wie man auch sagen könnte: NICKELBACK manövrieren sich vom Regen in die Traufe. Dieses Mittelstück des Albums klingt so austauschbar und uninspiriert, dass man meinen könnte, den neuen GZSZ-Titelsong vorgespielt zu bekommen. Zum Glück geht es mit „For The River“ wieder etwas aufwärts: Das Grundtempo wird ein wenig angezogen, das Songwriting wirkt unkonventioneller und selbst the Chad himself macht eine halbwegs gute Figur. Über „Home“ möchte ich hier einfach nicht sprechen, der Heimat-Radiosender eures Vertrauens dürfte eure Geduld mit diesem Song bereits genug strapaziert haben.

Innerlich schon mit „Feed The Machine“ abgeschlossen musste ich bei „The Betrayal (act III)“ dann doch aufhorchen. Mit einem solch innovativen Songwriting und der unerwarteten Härte des Gesamtpakets zeigen NICKELBACK ausnahmsweise, dass sie doch eigentlich immer noch eine mehr als passable Rockband sein könnten, wenn sie dadurch nur genauso viel verdienen würden wie mit sich selbst als Kuschelrock-Variante. So geht es dann auch mit „Silent Majority“ weiter, einem obligatorisch-sozialkritischen Song, verpackt in das schönste Kleid der Kollektion ‚Kommerz‘. Auch der merkwürdige Versuch einer Erschließung des Pop-Punk in Form von „Everytime We`re Toghether“ rettet das Gesamtbild kein bisschen. Immerhin findet „Feed The Machine“ mit „The Betrayal (act I)“ (ich glaube, ich habe diese Reihenfolge nicht ganz verstanden) einen schönen instrumentalen Abschluss, der nur umso befriedigender wäre, wäre das vorangegangene Album auf demselben Niveau gewesen.

Auch wenn NICKELBACK für mich als persönlicher und musikalischer Einfluss meiner frühen Jugend nicht zu leugnen sind, ist die Entwicklung der Band über die Jahre für Fans der frühen Stunden ein Trauerspiel. „Feed The Machine“ zeigt in Großteilen, dass nicht STONE SOUR, sondern NICKELBACK selbst zu einer NICKELBACK-light-Version geworden sind. Schade drum. 
 

Hier das Highlight der Platte, damit ihr mir nicht böse um die Lebenszeit seid, die für das Lesen draufgegange ist:




Bewertung: 2.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (05.09.2017)

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