CRADLE OF FILTH - Cryptoriana

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VÖ: 22.09.2017
Bandinfo: CRADLE OF FILTH
Genre: Symphonic Black Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Inzwischen dürfte sich jeder ein eigenes Bild vom aktuellen CRADLE OF FILTH Line-Up gemacht haben. Somit gibt es diesbezüglich keine weiteren großartigen Erläuterungen, auch der Welpenschutz (bei "Hammer Of The Witches" ungewollt gewährt) verfällt. "Hammer Of The Witches" war ein ordentliches, sehr melodisches Album, vielleicht das eingängigste der gesamten Diskografie. In der Retrospektive etwas unstet und zerfahren, aber "Blackest Magic In Practice", "Right Wing Of The Garden Triptych" und zu viele andere Songs um sie alle zu nennen, werden sicher dann und wann wieder in den Setlists auftauchen. Nun steht mit "Cryptoriana - The Seductiveness Of Decay" der Nachfolger in den Startlöchern. Wer Angst hat, CRADLE würden auf Nummer Sicher gehen, oder auf Grund des Gothic-Settings in allzuviel Kitsch abdriften, der täuscht sich. Das Album ist die pure Essenz von CRADLE OF FILTH und geht erstaunlich wenige Kompromisse ein. Und zeigt ein weiteres Mal, dass das aktuelle Line Up das beste in der Bandgeschichte ist.

Bevor wir in die Einzelanalyse gehen, lohnt sich ein Blick auf die Tracklist. Die Gesamtspielzeit von 52 Minuten und 58 Sekunden mag im Kontext der bandeigenen Diskografie gering erscheinen, allerdings erstreckt sich die Spielzeit auf gerade einmal sieben Stücke plus Intro. Anders als beim Hexenhammer liegen nur zwei Stücke unter der Sieben-Minuten-Marke, was auf gesteigerte Epik und Komplexität hinweist. Und gleichzeitig auf die frühe Vergangenheit. Der Schein trügt nicht. "Exquisite Torment Awaits" verleitet den Hörer gleich zu Anfang geschickt. Jeder erwartet den typischen, orchestralen Horror-Score Opener. Und so hört es sich erst auch an, bevor die Band einsetzt und den Hörer mit enormer Brachialität aus der Atmosphäre heraus ins Hier und Jetzt reisst. Das "Intro" entpuppt sich als bärenstarker Halbsong, der bereits viele Purzelbäume schlägt, bevor es überhaupt richtig losgeht. Er reiht sich damit in die frühCRADLEsche Tradition von Stücken wie "A Dream Of Wolves In The Snow" oder "Ebony Dressed For Sunset" ein und bildet mit "Heartbreak And Seance" eine stimmige Einheit. Letzterer wird den meisten schon vorab durch den Videoclip bekannt sein und ist eines der zugänglicheren Stücke des Albums. Das viktorianische Zeitalter, welches für das Album thematisch Pate steht, zeigt sich musikalisch durch den Einsatz von für CRADLE untypisch vielen Chören, besser gesagt Chorälen. Das unterstreicht den schon immer präsenten symphonischen Ansatz exzellent und trägt enorm zur schaurigen, herbstlichen Atmosphäre des Albums bei. Abseits davon ist der Song eine rasend schnelle, aber ziemlich eingängige Melange aus Melodic Death und Thrash Metal mit einem schönen, vom Chor intonierten Refrain, welcher sich als Single hervorragend eignet.

Weiter geht es mit "Achingly Beautiful", welcher sich trotz unerhört einprägsamen Parts als ziemlich komplex herausstellt. Mit seinen ziemlich heftigen Death Metal Parts, zugleich aber dem Einsatz von Lindsay Schoolcraft im Refrain und einem hohen Melodieanteil schlägt der Song gekonnt die Brücke zwischen Klassikern der "Dusk And Her Embrace" oder "Cruelty And The Beast"-Ära und jüngstem Material. Etwas weniger episch, dafür weitaus verspielter präsentiert sich "Wester Vespertine". Hier kommen die symphonischen Parts zum ersten Mal voll zur Geltung und erwecken, wie so oft, Erinnerungen an die Scores von DANNY ELFMAN. Insgesamt ein Stück, das auch zu "Hammer Of The Witches" gepasst hätte. "The Seductiveness Of Decay" ist dann der, in Großbuchstaben, DER Übersong des Albums und wird beim Kampf um den Extrem-Metal Song des Jahres auf alle Fälle aufs Treppchen gelangen. Auch hier werden keine Gefangenen gemacht, die Blastbeats zu Beginn prügeln windelweich, bevor die Strophe wieder die größte Stärke des neuen Line-Ups offenbart: Das Gitarrenduo aus Richard Shaw und Ashok. Meist zweistimmig rasen die beiden durch eiskalte Black Metal Blasts, mit vollem Volumen riffen sie sich durch Thrash- und Death Metal Passagen. Dann ein Break, und plötzlich dieser stampfende MAIDEN Refrain! Hell Yeah, ich fall auf die Knie! Als wenn das nicht alles wäre, weckt der ultraharte Mittelpart Erinnerungen an "The Principle Of Evil Made Flesh". Wow! Ähnliches Qualitätsniveau hält die zweite Video-Auskopplung "You Will Know The Lion By His Claw". "Death And The Maiden" schließt das Album dann sehr düster ab. Der längste Song des Album ist zugleich auch derjenige, der die meisten Durchläufe braucht, um sich zu setzen. Es klingt auf jeden Fall sehr erfrischend, dass CRADLE auch ohne überhöhten Melodieeinsatz klarkommen und eine drückende, schwere Nummer produzieren können. Die Touren mit BEHEMOTH und NE OBLIVISCARIS haben auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen.

So weit, so spektakulär, und um dem ganzen Blockbuster-Event die Krone aufzusetzen muss natürlich noch ein Gastauftritt her. Und da es in der Vergangenheit ja so gut funktioniert hat ("Nymphetamine"), nehmen wir halt wieder LIV KRISTINE. "Vengeful Spirit" ist zwar kein "Nymphetamine" und setzt trotz mitsingkompatiblem Refrain nicht auf Simplizität, sodass er sich prima ins Gesamtkonzept einfügt. Aber was soll das Ganze? Mit Lindsay Schoolcraft hat die Truppe die mit Abstand talentierteste Sängerin seit Bandbestehen in ihren Reihen (Die einzige, die "Her Ghost In The Fog" auch live zu einem guten Song macht, was weder Caroline Campball, Sarah Jezebell Diva, noch die anderen je geschafft haben). Von ihr ist auf "Cryptoriana" erstaunlich wenig zu hören, Ihre Parts beschränken sich auf Backing Vocals und Spoken Word Passagen. Somit steht der Song im Widerspruch zu dem noch zu "Hammer Of The Witches" von Dani Filth beschriebenem Band Gefüge und Zusammenhalt. Es macht keinen Sinn, eine gute Sängerin aus den eigenen Reihen gegen eine fremde Schlechte (beschmeißt mich ruhig) einzutauschen, welche lediglich einen bekannten Namen vorweisen kann. Die breite Öffentlichkeit, oder auch nur die Gothic Szene, in der KRISTINE haupsächlich bekannt ist, wird mit "Cryptoriana" herzlich wenig anfangen können, weil es schlicht und ergreifend zu komplex und hart ist. "Cryptoriana" ist ein Album einer Extrem-Metal Band, geschrieben für Extrem-Metal Hörer und Die-Hard CRADLE Fans der ersten Stunde!

Fazit: Abgesehen von einem unnötigen Gastauftritt ist "Cryptoriana" das Album, auf das viele CRADLE Fans der ersten Stunde gewartet haben dürften. Sieben knallharte, überlange Stücke, welche vollgepackt sind mit Details, unerwarteten Breaks und Wendungen. Kombiniert mit den unwiederstehlichen Melodien gelingt der Band so der Schulterschluss mit der eigenen Vergangenheit. "Cryptoriana" ist die Essenz von CRADLE OF FILTH und zeigt die Band insgesamt auf schwindelerregend hoher, vielleicht bester Form ihrer gesamten Karriere!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Christian Wilsberg (18.09.2017)

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