PROPHETS OF RAGE - Prophets Of Rage

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VÖ: 13.09.2017
Bandinfo: PROPHETS OF RAGE
Genre: (stilübergreifend)
Label: Fantasy Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

„[‚Prophets Of Rage‘] verbindet den Zorn eines grundlos schreienden Babys mit dessen politischem Differenzierungsvermögen und fügt den Groove eines künstlichen Hüftgelenks hinzu. Niemand hat sich bisher aussichtsreicher aufgedrängt für den Titel der schlechtesten Platte des Jahres.“

So schreibt ZEIT online über das self-titled Release der Supergroup PROPHETS OF RAGE, bestehend aus der bunten Mischung von B-Real (CYPRESS HILL), Chuck D (PUBLIC ENEMY) und dem Großteil der ehemaligen RAGE AGAINST THE MACHINE. Und wenn die online-Abteilung einer etablierten Zeitung dieses Konglomerat an Old-School Aggression als schlechtestes Pop-Album des Jahres deklariert (die Ironie bezüglich der Identifikation als Pop-Musik mal außen vor), dann ist das für die Aluhut-Träger im Stormbringer Redaktionsloft ein Grund mehr, diese Platte genau unter die Lupe zu nehmen.

Schon bei den ersten veröffentlichten Singles des Albums wurde schnell klar, welche Probleme viele Hörer mit PROPHETS OF RAGE haben werden. Zunächst vereinen sich die musikalischen Einflüsse der Mitglieder zu einem wilden Mix aus Hip-Hop der alten Schule und RAGE AGAINST THE MACHINE-typischen Riffs und Grooves, die im Endeffekt keine der anhängenden Fanbases wirklich glücklich machen wird; Dafür hat der Sound der Supergroup einfach zu wenig mit den individuellen Stilen der einzelnen Mitglieder zu tun. Das zweite Problem ist der Anspruch der Band, ein Publikum zu erreichen, das sich selbst in den (stark USA-fokussierten) wütenden Texten wiedererkennt und somit PROPHETS OF RAGE zu der neuen musikalischen Begleitung einer Anti-Establishment Bewegung werden können. Dumm nur, dass seit den Gründungstagen von RAGE AGAINST THE MACHINE unzählige Bands aus dem Boden geschossen sind, die dieselbe Message a.) besser verpacken und b.) Systemkritik auf ein globales Level gehoben haben, statt sich auf das marode Konstrukt der USA zu beschränken (wer dazu Beispiele sucht, dem seien STRAY FROM THE PATH, STICK TO YOUR GUNS, BACKWORDZ oder auch mittlerweile WHILE SHE SLEEPS ans Herz gelegt). „Prophets Of Rage“ erscheint also rund 10 Jahre zu spät. Aber welchem Mehrwert bringt ein solch eindimensionales Old-School Release in Zeiten von global vernetzten und sich stetig verkomplizierenden Strukturen aus Rassismus, Gewalt und politischen Intrigen?

Ganz simpel: Die Stimmung der PROPHETS OF RAGE entführt uns zurück in eine Zeit, in der alles noch etwas einfacher war; in die verrauchte Studentenbude mit Ché Guevara Poster; Auf den staubigen Platz vor einer kleinen Bühne, auf der sich linksradikale Newcomerbands bei praller Sonne und warmem Bier mit grottenschlechter Soundqualität und noch beschissenerem Songwriting über das System auskotzen; Auf der Kleinstadtdemo gegen die NPD (oder andere beliebige Nazigruppierungen) mit anschließender Selbstbeweihräucherung im versifften Stadtpark hinter der Kirche. PROPHETS OF RAGE ist ein großer Name, der aber nur eine kleine Nische bedient.

Dabei ist die Kollaboration aus 90er Hip-Hop und politischem Rage-Rock eigentlich wirklich gut gelungen. Besonders eindrucksvoll spielen sich im Laufe des 40-Minuten-Hasses Tom Morello an der Gitarre (bekannt von u.a. RAGE AGAINST THE MACHINE, AUDIOSLAVE oder der Band von BRUCE SPRINGSTEEN) und Tim Commerford am Bass (ebenfalls Ex-RAGE AGAINST THE MACHINE und Ex-AUDIOSLAVE) mit funkigen Riffs und anspruchsvollen Songstrukturen in den Vordergrund. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit an die musikalischen Methoden der PROPHETS OF RAGE kann man die Mischung aus B-Reals gewöhnungsbedürftiger Stimme und den Old-School Grooves in Titeln wie „Unfuck The World“, „Living On The 110“, „Take Me Higher“ oder „Hands Up“ durchaus abfeiern und ihnen das Potential für moderne Genreklassiker anerkennen.

PROPHETS OF RAGE vermitteln durchgehend ein sommerliches Gefühl von Widerstand, das aber nicht allzu ernst zu nehmen ist. Insgesamt bietet ihr Debütalbum zwölf feelgood-Tracks für latent radikale Hippies mit ordentlichem Nostalgiefaktor, die sich den Titel ‚schlechtestes Album des Jahres‘ keinesfalls gefallen lassen müssen. „Prophets Of Rage“ ist inhaltlich keineswegs auf einem Level, um im Jahr 2017 noch Kontroversen hervorzurufen, sondern reiht sich nahtlos in die Reihe der Trumpkritiker und linken Weltverbesserer ein, ohne besonders hervorzustechen. Musikalisch verdient die Platte aber definitiv Aufmerksamkeit, allein wegen der gelungenen Verschmelzung der unterschiedlichen Genres zu einem großen, groovigen Organismus.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (19.09.2017)

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