KAIPA - Children Of The Sounds

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VÖ: 22.09.2017
Bandinfo: KAIPA
Genre: Progressive Rock
Label: Inside Out Music
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Lineup  |  Trackliste

Seit sage und schreibe 44 Jahren betreibt Hans Lundin seine Ideenwerkstatt und Kreativschmiede KAIPA nun schon, mit ein paar Unterbrechungen in den Neunzigern und gelegentlichen Stil-Schlenkerern (die ziemlich in Richtung New Wave schielende Dreifaltigkeit „Nattdjurstid“, „Solo“ und „Händer“ wurde unlängst neu aufgelegt!). Was sämtlichen Werken des nimmermüden Märchenonkels gemein ist, ist – neben dem natürlich hohen Maß an progressiver Experimentierfreudigkeit – ein fast kindlicher Zugang zu Themen, Instrumenten und Konzepten. Und welch Titel könnte da passender sein als „Children Of The Sounds“, das unterschwellig vermittelt, dass hier vielleicht die Staffette bereits an die nächste Generation weitergegeben werden soll? Die „Next Generation“ liest sich hier aber eh wieder mal wie ein Who Is Who der Prog-Szene: neben dem allgegenwärtigen Jonas Reingold (FLOWER KINGS und gefühlte drei Milliarden andere Bands) am Langholz komplettieren diesmal SCAR SYMMETRY-Klampfer Per Nilsson (Herausragend! Wo war der Mann bislang!?) und KARMAKANIC-Trommelkrake Morgan Agren die Instrumental-Belegschaft, während sich Lundin das Mikro mit RITUAL-Kollege Patrik Lundström und der unvergleichlichen Sangesgrazie Aleena Gibson teilt.

Unglaublich, mit welch Leichtigkeit das Kreativ-Kollektiv seine Epen vor dem Hörer ausbreitet: die fünf nicht gerade kurzen Tracks sind allesamt jeweils ein Universum für sich. Im eröffnenden Titelsong fährt man gleich mal alles auf, was man instrumental so am Start hat (man beachte Nilssons Gitarrenarbeit und vor allem das Solo um Minute Neun herum…), Frau Gibson kann auch gleich mal mit ihrer bezaubernden, dennoch markanten Stimme punkten und den mehrstimmigen Vokal-Kaskaden der Herren im Stile von YES noch mehr Flair verleihen als eh schon. Überhaupt fühlt man sich des Öfteren an die Prog-Mannen um Jon Anderson und Co. erinnert, auch wenn KAIPA natürlich zu keiner Zeit eine Kopie von irgendwelchen anderen Bands sind. Das 17-minütige „On The Edge Of New Horizons“ treibt die eh schon etwas überspitzte Prog-Sweetness dann nochmals um einen Zacken weiter in Richtung der unvermeidlichen Klimax. Und ja, man darf hier getrost „Tales From Topographic Oceans“ von oben erwähnten Prog-Veteranen als Blaupause nehmen, an das man sich hier besonders im hinteren Mittelteil erinnert fühlt. „Like A Serpentine“ schwelgt in Kindheitserinnerungen, musikalisch wie geistig, Hans Lundin fährt mit dem Fahrrad hier quasi retour in eine gänzlich unpathetische Kindheit, dementsprechend picksüss fällt dieser Song aus, der in seinen beinahe dreizehn Minuten mit viel Geigen-Geplänkel fast schon zum Tanzen (über grüne, beblumte Wiesen natürlich!) einlädt. Ab und an auch mal im Dreivierteltakt.

Positive Vibes en gros und en detail gibt’s auch noch im anschließenden „The Shadowy Sunlight“, auch hier kann sich Gast-Violinistin Elin Rubinsztein wieder schön austoben, im Dreiermatch Keyboard-Gitarre-Geige gehen hier letztendlich alle als Sieger hervor, fast fühlt man sich entfernt ein wenig an Barock-Musik erinnert, wenn der Song in überschwängliche Dur-Euphorie kippt. Aber es wären nicht KAIPA, wäre es anders. Da ist das abschließende „What’s Behind The Fields“ nur noch die Kür zur Pflicht, die den „Ausstieg“ aus dem Album etwas leichter macht und uns trotzdem immer noch mit Staunen zurücklässt: was ist hier passiert in den letzen 60 Minuten? Ein einziger Hördurchgang wird hier wohl (wieder mal) nicht reichen, um diese Frage zu beantworten.  KAIPA – und natürlich insbesondere Herr Lundin - machen in den letzten Jahren ja nicht nur mehr einfach Musik, sie haben sich zu veritablen Märchenerzählern entwickelt, wie es früher vielleicht PAVLOV‘S DOG, GENESIS oder eben die bereits zitierten YES waren. In „Children Of The Sounds“ stecken demnach so viele Details, verborgen oder auch nicht, wie sie andere Bands in ihrem ganzen Back-Katalog nicht unterbringen können. Das macht KAIPA auch zu einer der nachhaltigsten, weil wiedererkennbaren Bands der Vergangenheit, der Gegenwart und hoffentlich auch der Zukunft. Ihre Musik ist gerade jetzt, wo die Welt wieder mal am Abgrund entlangschrammt, wichtiger denn je!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Mike Seidinger (23.09.2017)

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