STICK TO YOUR GUNS - True View

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VÖ: 13.10.2017
Bandinfo: STICK TO YOUR GUNS
Genre: Hardcore
Label: End Hits Records
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Lineup  |  Trackliste

Häufig kann man spüren, wenn eine Band ihren Zenit erreicht oder sogar überschritten hat. Wenn der Hauptgrund für die Anhängerschaft die nostalgische Liebe zu vergangenen Releases ist, und sich direkt vor den Augen der Fans der musikalische und persönliche Niedergang der einst so verehrten Künstler vollzieht. Wann auch immer dieser Schatten über STICK TO YOUR GUNS fallen sollte, ich hoffe ich muss es nicht erleben. Denn die Hardcore-Veteranen aus Orange County sind noch lang nicht am Ende ihres verdienten Siegeszuges angelangt: „True View“ ist eine Offenbarung.

Anfang 2015 veröffentlichte die Band mit „Disobedient“ ihr bisher wütendstes Album, geprägt von dem Willen und der Überzeugung, eine Veränderung in der Welt bewirken zu können. Gezielter Hass gegen etablierte Strukturen und die Verantwortlichen für die ungerechte Verteilung von Mitteln zeigte sich nicht nur in Musikvideos (wie zum Beispiel zu „What Choice Did You Give Us?“), sondern auch in der textlichen Grundhaltung der Platte. Titel wie „R.M.A. (Revolutionary Mental Attitude)“ oder „I Choose Nothing” bestimmten den Grundtonus. Die 2016 erschienene EP „Better Ash Than Dust“ markierte einen Paradigmenwechsel in der Weltanschauung von STICK TO YOUR GUNS. So zeigte sich zwar nach wie vor wohldosierte und zielgerichtete Wut, musikalisch verpackt in Brecher wie „Universal Language“ oder „No Tolerance“, mittlerweile aber noch stärker geprägt von einem resignativen Element, das, statt Hass, pure Enttäuschung gegenüber der Menschheit ausdrückte. Diese Entwicklung setzt sich auf „True View“ fort.

I’ve gone to hell and back, searching for answers that do not exist. […] It left me with nothing but this hole in my chest. […] The true journey begins.

Mit “3 Feet From Peace” machen STICK TO YOUR GUNS sofort klar, was „True View“ sein will. In den nächsten 40 Minuten erwartet uns ein musikalisch innovatives und berührendes Konzeptalbum, das in Sachen Tiefgang im Hardcore seinesgleichen sucht. Die packende Verschmelzung von Wut und Resignation zeigt sich sofort an der Eröffnung durch Jesse Barnett, dessen Text, leise gesungen im Hintergrund, aber gleichzeitig auch wütend gebrüllt wird, was absolute Gänsehaut erzeugt. Zum Ende hin nimmt der Song an Tempo zu und schafft dadurch eine knackige Überleitung zu Kapitel eins von „True View“.

You can shelter yourself from the sun and you can hide from the moon, but there is nothing you can do, when the truth strikes its light on you – now I must live with the hurt.

The Sun, The Moon, The Truth: Penance Of Self“ steht für den Teil des Albums, der sich der Buße des Selbst widmet. Die kollektive Person STICK TO YOUR GUNS reflektiert sich selbst und ihre Vergangenheit, wobei sie sowohl das Gute, als auch das Schlechte betrachtet. Die Band betont, wie belastend menschliche Entscheidungen sein können, wenn sie nicht revidierbar sind. Als einer der musikalisch härtesten Songs von „True View“ richtet sich die altbekannte Wut erstmals nicht gegen einen externen Gegenspieler in Form eines Systems oder eine Gruppe, sondern gegen niemand anderen als sich selbst.

No I don’t care, I never needed a reason and I’m still here. So keep rolling your eyes, I’d rather be dead […]. As for me there was no other choice, I’m married to the noise.

Mit „Married To The Noise” findet sich eine toll geschriebene Liebeserklärung an den Hardcore und alles, wofür er steht. Das gekonnte Zusammenspiel von Cleans und Shouts, sowie geschicktem Einsatz von klassischen Hardcore-Elementen und versierterem Writing sorgt hier für ein musikalisches Highlight der Platte, das sicherlich auch live wunderbar funktionieren wird und sich nahtlos in die energiegeladenen Shows der Amerikaner einfügen kann.

Zugegeben, „Delinelle“ ist der einzige Song auf „True View“, mit dem ich nicht allzu viel anzufangen weiß. Insgesamt wirkt er zwar ins Gesamtkonzept passend, aber vergleichsweise oberflächlich und grob. Daher an dieser Stelle auch kein einleitendes Zitat und ein direkter Sprung zum nächsten Highlight: „Cave Canem“.

You may have your reasons, but that doesn’t make them right.

Der lateinische Titel, der zu Deutsch ‚Vorsicht vor dem Hund’ zu lesen ist, springt zum ersten Mal auf „True View“ wieder auf den „Disobedient“-Zug auf. STICK TO YOUR GUNS warnen die Obrigkeiten vor dem Potential eines Widerstandes und fragen (erneut), welcher Tropfen das Fass schlussendlich zum Überlaufen bringen wird. Verpackt ist das Ganze in einen der besten Hardcore-Songs der letzten Jahre: Fette Grooves, aggressiver Bass, ein mitreißender Refrain und ein Höhepunkt, der auf kommenden Shows die Sicherheit aller Anwesenden gefährden dürfte. Wundervoll!

So if you’re going under don’t let me go. Let’s just drown inside the things we love the most.

Verstehe nur ich es so, oder ist dieser Gedanke eine wunderschöne Metapher für die Liebe? „56“ kommt in seinem punkigen Gewand schon fast einer Ballade nahe, die trotz ausschließlichem Cleangesang nur so vor Energie strotzt. Passagenweise erinnern Atmosphäre und Writing schon fast mehr an TRADE WIND als an das klassische STICK TO YOUR GUNS, was hier aber keinesfalls als Kritik zu verstehen ist.

This is not what was meant for me. A weak existence of shallow priority.

Es folgt die Einleitung zur zweiten Hälfte von „True View“: Mit „The Inner Authority: Realization Of Self“ leiten STICK TO YOUR GUNS von der Selbstgeißelung des Individuums zu den Möglichkeiten von etwas Größerem über. Obwohl der Song mit knapp zweieinhalb Minuten nicht der kürzeste des Albums ist, hört er sich doch mehr wie eine Art Interlude ah, ohne den Status eines eigenständigen Tracks.

Right here, right now, you are free.

You Are Free” ist ein kurzes aber intensives Hardcore-Erlebnis in Reinform. Rhythmischer Druck von Drums, Gitarren und Bass prügeln den Hörer durch zwei Minuten purer Zerstörung. Musikalisch anspruchsvoll wird es dabei zwar nicht, aber die prägnante Ausführung des universalistischen Freiheitsbegriffs bleibt für den politisch interessierten Zuhörer dennoch nicht weniger emotional als individuelle Themenbereiche von „True View“.

I’m done betting against myself. I won’t be doomed by you.

Erneut in straightem Hardcore-Gewand, liefern STICK TO YOUR GUNS mit „Doomed By You“ ein Plädoyer für den Glauben an sich selbst, statt sich von fremden Urteilen über die eigenen Fähigkeiten leiten zu lassen. Das Ganze geht ziemlich nach vorn und lebt von der typischen Grundaggression der Band.

There was a time when I saw the value in our certainty and there was no difference between you and me.

The Better Days Before Me“ beweist einmal mehr, wie vielschichtig Hardcore sein kann. Die Band vereint in knapp drei Minuten mindestens 10 Jahre Genregeschichte, gewürzt mit einer ermutigenden Message für alle, die denken, sie seien am Ende angelangt. Wohl einer der mitreißendsten Songs von „True View“ der sich in seiner Einzigartigkeit passend in das Gesamtkonzept der Scheibe einfügt.

Auch „Owed Nothing“ bekommt hier kein eigenes Zitat zur Einleitung. Das liegt aber weniger daran, dass ich keinen Zugang zum Song finden konnte, sondern dass ich mich an dieser Stelle einfach nicht (mehr als nötig) wiederholen möchte. Kurz und schmerzlos: Stabiler Hardcore, an dem nichts auszusetzen ist.

It echoed in me when you said: ‚There is no point, this is the world we live in.‘’

Interessanter hingegen gestaltet sich „Through The Chain Link“, der Abschluss des zweiten Kapitels von „True View“. Hier wird gezeigt, dass geschriene Texte nicht immer ein Zeichen von Wut und Hass sein müssen, sondern auch ein Ausdruck von Weltschmerz sein können. Die Dramatik und Tragik unserer Welt, die sich über die wenigen Minuten des Songs aufbaut und in für sich stehenden Schreien mündet, bewegt zutiefst.

And if I can’t forgive myself for the pain I’ve caused, it will always haunt me.

The Reach For Me: Forgiveness Of Self“ bildet den Abschluss des Zirkels der Vervollkommnung einer Person. Buße, Selbsterkenntnis und Selbstvergebung sind nach STICK TO YOUR GUNS notwendig und unvermeidbar, um seinen Platz in dieser Welt zu finden und mit sich selbst im Reinen zu sein. Die Botschaft, dass auf jede Nacht auch wieder neues Tageslicht folgt, ist zwar so alt wie die Menschheit selbst, aber Zeuge dieser immer wiederkehrenden Erkenntnis bei einer Gruppe von Künstlern sein zu dürfen, die man seit jeher für ihr Werk bewundert hat, war für mich ein ergreifender Moment.

True View“ ist das weitreichendste Album STICK TO YOUR GUNS bisher. Die Missstände dieser Welt sind zwar nach wie vor Thema und Dreh- und Angelpunkt der musikalischen Härte, aber die Band konnte ihr inhaltliches und künstlerisches Repertoire um den Aspekt des ‚Selbst‘ erweitern, was ihnen wirklich gut steht. Zudem haben sie die teils schmerzhafte Reise der Selbsterkenntnis glaubhaft und nachvollziehbar in ein durchdachtes Konzeptalbum pressen können, sodass der Hörer nach dem Erlebnis der gesamten Platte mit dem Gefühl zurückbleibt, ein vollständigerer Mensch werden zu können. 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (09.10.2017)

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