TEMPERANCE - Maschere - A night at the theater

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VÖ: 08.09.2017
Bandinfo: TEMPERANCE
Genre: Melodic Metal
Label: Scarlet Records
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Lineup  |  Trackliste

Was haben CARDIANT oder DREAMTALE mit TEMPERANCE gemeinsam? Alle sind Melodic Power Metal Bands in der Schnittmenge aus HELLOWEEN, FREEDOM CALL, SONATA ARCTICA und NIGHTWISH, welche verdammt gute Alben abliefern (teils besser als die Originale), aber in der Szene kaum bekannt sind. Was in einer Zeit, in der Melodic Power Metal nunmehr ein von der Kerngemeinde des Schwermetalls verschmähtes Nischenprodukt ist, leider kaum verwunderlich, aber umso bedauernswerter ist. Bei TEMPERANCE überrascht es allerdings noch mehr, da Female Fronted Bands trotz hoher Marktsättigung immernoch einen hohen Stellenwert innhaben. Dazu kommt ein mörderisches Songwriting-Talent. Kaum eine Band im Genre versteht es, technischen Anspruch und Progressivität mit der berühmten, mitunter als Kitsch verschrienen Eingängigkeit der Gattung zu kombinieren und neben echten Gassenhauern auch atmosphärische Glanzstücke zu komponieren. Ja, nicht alles, was die italienische Truppe fabriziert, kann man objektiv als "gut" bezeichnen. Vor allem das Debüt war eine tatsächlich zuckersüße Copycat-Angelegenheit, welche keinerlei Innovation vorweisen konnte. Aber einen Haufen guter Ohrwürmer wurde dennoch abgeliefert. Das songwriterische Niveau wurde angehoben, "Limitless" war eine immer noch poppig überladene, aber unverschämt unterhaltsame moderne Melodic Metal Scheibe, mit noch besseren Ohrwürmern. "The Earth Embraces Us All" war dann eines dieser Alben, auf denen fast alles stimmt. Ein progressives Melodic Metal Meisterwerk für Fans der europäischen Power Metal Welle Ende der 90er, Anfang der 2000er. Überraschend, abwechslungsreich, eingängig und emotional bis unter die Haarwurzelspitze. Ach ja, Ohrwürmer waren hier zwar weniger, dafür aber intensiver vertreten. Leider hat diese Entwicklung in unseren Breitengraden kaum jemand mitbekommen. Zum Glück klappt es in der italienischen Heimat etwas besser, und so hat man nach drei Studioalben direkt mal ein Livealbum aufgenommen. Nicht irgendeines, sondern eines mit zusätzlichem Streichquartett und einem ausgewachsenen Live Chor. Jeder, der die Stücke der Band kennt, dürfte spätestens jetzt beim Lesen dieser Zeilen von einer Gänsehautattacke heimgesucht werden.

Zur Tracklist: Die Band ist sich dessen bewusst, dass "The Earth Embraces Us All" das bislang beste Werk in der noch jungen, aber für drei Jahre ganz schön umfangreichen Diskographie ist. Nicht umsonst wird bei der Show im Teatro Sociale in Alba die komplette Platte von Anfang bis Ende gespielt. Leider liegt mir zur Rezension nur die erste CD des Paketes vor, die DVD, sowie die Bonus CD mit den fehlenden Stücken fehlen mir. Daher nervt es mich, dass ausgerechnet "Haze", eines der Albumhighlights, ausgemustert wurde. Natürlich passen keine 100 Minuten auf eine herkömmliche Compact Disc und irgendeinen muss es ja treffen, aber warum denn nicht das nervige "Revolution"?

Aber genug der Nörgelei, konzentrieren wir uns auf die Darbietung, und die ist, wie nicht anders zu erwarten, großartig. Beim Intro "A Thousand Places" kommt direkt der Mehrwert des Stringquartetts zu tragen. Ganz ohne Samples kommen TEMPERANCE leider auch hiermit nicht aus, aber dennoch erwecken die Streicher das Stück spürbar zum Leben, gerade im Musical-artigen Finale. "At The Edge Of Space", ohnehin schon ein frühes Überhighlight, profitiert dann unglaublich von den Chören und hievt den Song auf ein Niveau, welches NIGHTWISH um nichts nachsteht. Highlights herauszupicken ist müßig, da im Review zu "The Earth Embraces Us All" schon alles zu den fantastischen Songs geschrieben wurde. Dass mit einer gelungenen Live-Aufnahme noch mehr Dynamik aus Songs im Generellen herauszuholen ist, muss nicht extra erwähnt, darf "Maschere" aber bedenkenlos attestiert werden. Neben den Stücken von "The Earth Embraces Us All" finden sich noch eine handvoll Songs von den Vorgängeralben, wo zu allererst der Überhit "Mr. White" genannt werden muss. Wohl der befremdlichste Text, den man je im Metal gehört hat ("Mr. White is away cooking Crystal Meth, because he's the one who knows") [Anm. d. Lekt.: Also das durchschnittliche Todesgeknüppel oder Grindcoregetrümmer hat da deutlich Verstörenderes zu bieten, just sayin'...], aber dennoch unerhört eingängig. Beim "Klassiker"-Block wird ebenfalls deutlich, dass die ganz frühen Songs qualitativ nicht mit den jüngeren Werken mithalten können. Das schmälert den Genuss von "Maschere" jedoch in keinster Weise.

Fazit: An alle, die auch nur eine geringe Affinität zu Melodic Power Metal und Female Fronted Metal zeigen: Gebt TEMPERANCE eine Chance, wenn ihr sie noch nicht kennt. "Maschere" zeigt die Band live in fantastischer Verfassung, aber auch die regulären Studioalben sind ein Ohr wert. Da "Maschere" aber neben schönem Live-Dokument eine kleine Werksschau mit anbietet, können auch Neufans gerne hier zugreifen. Der Kenner und Liebhaber wird ohnehin schon ein Exemplar im Schrank stehen haben! Klasse!



Ohne Bewertung
Autor: Christian Wilsberg (30.09.2017)

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