KARTIKEYA - Mahayuga

Artikel-Bild
VÖ: 08.04.2011
Bandinfo: KARTIKEYA
Genre: Progressive Death Metal
Label: (undefiniert)
Hören & Kaufen: Amazon | Ebay
Lineup  |  Trackliste

Als ich 2011 erstmals mit KARTIKEYAs Album “Mahayuga” in Kontakt kam, war ich etwas überfordert, da dies nicht gerade Musik war, mit der ich sonst zu tun hatte. Zudem ist dieses Album auch keine leichte Kost. Nun, etliche Jahre später, hat sich meine Wahrnehmung von Musik natürlich gewandelt. Und nachdem ich eine ganze Weile mit NEVIDs Album „Agarta“ verbracht hatte und vom Debüt-Album von ARSAFES, „Ratocracy“, sehr beeindruckt war, dachte ich mir, dass es an der Zeit sei, „Mahayuga“ nochmals eine Chance zu geben. Was diese Projekte gemeinsam haben? Roman Iskorostensky, ein begnadeter Gitarrist und Sänger, auch bekannt unter seinem Pseudonym Arsafes, zeichnet für einen Großteil von Komposition und Gesang verantwortlich.

Bei KARTIKEYA handelt es sich um eine russische Band, die recht offensichtlich versucht, melodischen Black- und Death Metal mit Einflüssen aus dem Mittleren Osten zu verbinden. Dabei werden vedisch-hinduistische philosophische und mythologische Aspekte thematisiert, weswegen dieser Stil auch unter der Eigenbezeichnung „Vedic Metal“ läuft.

Stilistisch gesehen verwenden KARTIKEYA eine große Bandbreite unterschiedlicher Elemente, die hier zu einem durchaus eigenen Stil zusammengefasst werden. Die Elemente technischen und teilweise sehr groovigen Death Metals und atmosphärischen Black Metals dominieren zwar den Großteil der Gitarren- und Schlagzeug-Arbeit, doch gibt es dazu noch etliche folkloristisch-klassische Einflüsse, die durch entsprechende Instrumentierung, klaren Gesang und Keyboards umgesetzt werden. Dazu gehören auch mantrische Gesänge, die immer wieder in die recht brutale Musik eingebettet werden. Dabei ist bemerkenswert, dass all diese Elemente nicht unausgewogen wirken, sondern stets im homogenen Sound des Albums aufgehen, was dazu führt, dass dieses Gesamtkunstwerk nie Gefahr läuft, zu oberflächlich und „folkig“ zu wirken. Jeder Anschein von schöner Folklore wird vom nächsten zerstörerischen Riff und gutturalen Vocals hinweggefegt, wobei die ruhigen Passagen dazu führen, dass man nicht völlig vom teilweise chaotisch wirkenden Riffing überfordert wird, sondern auch gelegentlich Zeit hat, das Gehörte zu verdauen. Diese Interaktionen gibt es in fast jedem Lied, mit Ausnahme akustischer Zwischenstücke wie „Moksha“, „Exile“ und der ‚Beschreibung‘ des „Satya Yuga“. Letztlich ist das ein Faktor, der dieses Album so interessant macht: Die enorme Spannung, durch die rasenden Metal-Riffs aufgebaut, wird immer wieder von den atmosphärischen, fast meditativen Parts abgefangen und abgebaut – doch nie zufällig, sondern genau in dem Maße, wie es der jeweiligen Thematik im Auge der Komponisten entspricht.

Angesichts der eher untypischen thematischen Ausrichtung muss ich doch ein paar Worte darüber verlieren, worum es bei diesem Album geht, da dies zum Erschließen der Musik von einer gewissen Relevanz ist.

Zusätzlich dazu, dass Kartikeya ein indischer Kriegsgott ist, handeln auch etliche der hier behandelten hinduistischen Schriften vom Kriege: So auch die bekannte Bhagavadgita, in welcher der Held, Arjuna, einen Krieg gegen Verwandte zu führen hat und nach den Gründen dafür fragt, wobei er geistige Unterstützung von einem Avatar Krishnas erhält. Dieses Thema wird unter anderem in „Fields of Kurukshetra“ aufgegriffen. Allgemein wird hier die Ambivalenz des Daseins thematisiert, welche sich so häufig im Gegensatz von Krieg und Frieden zeigt bzw. dem, was ist, und dem, was sein könnte/sollte, wobei die Auflösung bzw. Reintegration dieser Gegensätze eine zentrale Rolle spielt. Daher rührt wohl auch das Wechselspiel von brutalen, alles zerfetzenden Passagen mit Mantren-Gesängen, wobei stellenweise beides koexistiert.

Ein zentraler Aspekt, auf den ich genauer eingehen möchte, ist das „Mahayuga“. Es ist aufgeteilt in vier Zeitalter („Yugas“), welche eine Zeitspanne von 4,32 Millionen Sonnenjahren umfassen und Satya, Treta, Dvapara und Kali Yuga heißen. Diese Sukzession der Yugas ist, grob gesagt, von einem Niedergang der menschlichen Natur gekennzeichnet. Der harmonische Zustand des Satya Yuga wird im gleichnamigen Lied durch die harmonischen, ruhigen Ambient-Layers dargestellt. Im darauf folgenden „Treta Yuga“ bekommt man dann auch schon wieder Gitarren, Synths und wummernde Drums zu hören, zweifach unterbrochen von einem sehr atmosphärischen Zwischenspiel. In „Dvapara Yuga“  wird es dann wieder richtig aggressiv, Gesang spielt wieder eine tragende Rolle, bevor die Musik in „Kali Yuga“, in welchem Zeitalter wir momentan leben, ziemlich hektisch und stellenweise brutal wird, bevor dann plötzlich das Hare-Krishna-Mantra zu hören ist. Unberechenbar ist auch, welche metallische Cover-Version eines Popsongs sich im zweiten Teil jenes letzten Liedes dargeboten wird. Aber das müsst ihr ebenso selbst herausfinden wie mögliche Gründe dafür, dass dieser Song dennoch ins Konzept passt. Denn weitere Erklärungen unterlasse ich an dieser Stelle einfach mal, bevor ich hier wieder einen halben Roman schreibe.

Dieses Album ist ein ebenso faszinierendes wie mitreißendes Stück Musik, vor deren Schöpfern ich jede Menge Respekt habe. Von der instrumentalen Performance bis zu den äußerst kraftvollen und variablen Vocals ist das alles ausgesprochen professionell gemacht und erweckt den Anschein, dass hier nahezu alles perfekt sitzt, wobei es dennoch einige Ecken und Kanten gibt.

(Eine englischsprachige Version dieser Rezension ist bei www.thought-palace.com zu lesen.)



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (21.10.2017)

WERBUNG: GREEN DAY
ANZEIGE
WERBUNG: Area53
ANZEIGE