NE OBLIVISCARIS - Urn

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VÖ: 27.10.2017
Bandinfo: NE OBLIVISCARIS
Genre: Progressive Death Metal
Label: Season of Mist
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Die Zeiten in denen man Ländereien à la Australien einen Exotenbonus zugesprochen hat, weil von dort aus nur wenige Fußabdrücke in der metallischen Landschaft hinterlassen wurden, sind nicht erst seit dem durchschlagenden Erfolg der Beachboys PARKWAY DRIVE oder den Senkrechtstartern THY ART IS MURDER aus der Metalcore- und Deathcore-Sparte vorbei - auch in anderen Subkulturen sind Bands wie BE'LAKOR oder auch NE OBLIVISCARIS innerhalb kürzester Zeit in Besitz beachtlicher Bekanntheit gelangt und haben dabei nicht selten dafür gesorgt, dass sie in diversen Festival-Foren immer von einer Vielzahl an Besuchern für das jeweilige Line-Up eingefordert wurden. Das Geheimnis vieler dort ansässiger Bands scheint: Sämtliche imaginäre Grenzen ausloten, den jeweiligen Genres einen eigenen Stempel aufdrücken und das Livegeschäft ernst nehmen. Zuletzt genannte habe ich bisher immer großzügig übergangen, aber das sollte sich mit deren Drittling "Urn" alsbald ändern.

Gründe für das anfängliche Meiden sind schnell ausgemacht: Der Hype um die sechs Herren wurde schlichtweg gruselig und hätte zumindest meinen Ansprüchen ein falsches Urteil zugestanden, das mir NE OBLIVISCARIS und ihre extreme Prog-Metal-Auswucherung für viele Jahre hätte ruinieren können. Umso besser, dass sich "Urn" im Anschluss an das übliche Progressive-Abtasten im ersten Durchlauf weitestgehend in ein vergleichsweise zugängliches Werk verwandelt, das enorm davon profitiert, dass es sich bei allen Beteiligten um Feingeister handelt, die sich für die Entfaltung der Songstrukturen sehr viel Zeit lassen und durch die Vielschichtigkeit der unterschiedlichen Genrekomponenten, die flüssig ineinander übergehen, den nötigen Spannungsbogen erzeugen.

Das ist vor allem deswegen entsprechend zu würdigen, weil schon im Opener "Libera (Part I) - Saturnine Spheres" (nach zaghaft-melodischem Intro) viele differierende Elemente auf einen einprasseln, für deren Synthese fraglos hohes künstlerisches Geschick gefragt ist. Das Riffing pendelt beispielsweise zwischen Melodic Death Metal, Black Metal und vertracktem Progressive Metal, das klassische Gitarrensolo lebt in friedlichem Einklang mit der virtuos-avantgarden Solopassage der Violine und der abwechslungsreiche Gesang zwischen infernalischem Gebell und gewöhnungsbedürftigen Clean Vocals vereint sich gerne auch mal zum Zweigespann, ehe der neoklassisch gehaltene Instrumental-Epilog "Libera (Part II) - Ascent of Burning Moths" den musikalischen Wahnsinn vorerst ausklingen lässt. 

Dazu passt auch, dass selbst Produzent Mark Lewis, der gerne mal zum arg digital klingenden Loudness War neigt, auf "Urn" zur Höchstform aufläuft und dem Drittwerk der Australier ein für manch einen vielleicht zu klares Soundbild modelliert hat, das der Multidimensionalität der Arrangements schmeichelt, jedem Instrument (alleine der satte Klang von Robin Zielhorsts Bass ist ein wahrer Segen) gleichermaßen viel Raum zuteilt und trotzdem noch knackig aus den Boxen wuchtet. Besonders in "Eyrie" bereitet das enorm viel Freude, weil man trotz der zum Teil irrwitzigen Genresprünge jedes noch so kleine Detail problemlos auskundschaften kann, was auf Albumlänge übertragen bedeutet, dass man als Hörer vom schieren Detailreichtum nicht abgeschreckt, sondern eher willkommen gehießen wird. 

Nichtsdestotrotz ist "Urn" und insbesondere sein abschließender Titeltrack-Zweiteiler gerne auch mal widerspenstig und das erwähne ich hauptsächlich deshalb, weil zum Fazit kein falscher Eindruck entstehen soll, denn: NE OBLIVISCARIS transzendieren viele musikalische Barrieren und schon die aufregend-eigenständige Kombination aus etlichen Extreme-Metal-Variationen, der Violine und den charismatisch-vielseitigen Gesangsstilen dürfte vielen aufgeschlossenen Metalconnaisseuren eine spannende Aufgabe stellen (Fans müssen natürlich blind zugreifen), deren Entschlüsselung sich aber zweifellos lohnt. Aber genau das ist ja auch die Stärke der Australier: man hört viele verschiedene genretechnische Inspirationsquellen, wird aber nicht mal eine einzige Band finden, an die NE OBLIVISCARIS ansatzweise erinnern sollen. Mein Weg mit ihnen ist jedenfalls noch lange nicht am Ziel und die (vorläufigen) vier Punkte als Endwertung tendieren, eingedenk des langfristigen Zeit- bzw. Growerfaktors, stark nach oben.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (26.10.2017)

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