Of Mice & Men - Defy

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VÖ: 19.01.2018
Bandinfo: OF MICE & MEN
Genre: Metalcore
Label: Rise Records
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Lineup  |  Trackliste

Wie habe ich mich vor „Defy“ gefürchtet! 2016 erschien noch das allenfalls durchschnittliche „Cold World“ der US-amerikanischen Metalcoregrößen OF MICE & MEN, doch auch hier wurden Gerüchte laut, Leadsänger Austin Carlile müsse über kurz oder lang aus gesundheitlichen Gründen die Band verlassen. Als dieser Fall dann auch relativ zeitnah eintraf, stand für mich glasklar fest: Diese Band ist geliefert. Ohne die charakteristischen Screams Carliles, die nahezu ganze Alben tragen konnten (so beispielsweise „Restoring Force“), würde es für OF MICE & MEN unmöglich sein, sich wieder zu fangen. Umso überraschter war ich, dass die Band sich erst gar nicht als tot abstempeln ließ, sondern den Fans relativ zeitnah „Unbreakable“ vor den Latz knallte. Zum Leadsänger wurde kurzum der bisher eher im Hintergrund agierende Bassist und Cleansänger Aaron Pauley befördert, der mit der mit den verbleibenden Bandmitgliedern in dieser Single eine klare Botschaft zu vermitteln suchte: OF MICE & MEN sind nach wie vor hier, und das stärker als je zuvor. Doch warum habe ich mich dann vor „Defy“ gefürchtet? Ganz einfach, weil jede einzelne nachfolgende Single das Niveau entweder halten oder in einem Fall sogar übertreffen konnte, ich meine Zweifel an der plötzlichen Wiedergeburt des Metalcores aber einfach nicht ablegen konnte. Doch sollte ich enttäuscht werden? Um es mit den Worten des durch Leonardo DiCaprio verkörperten dekadenten Wallstreet-Brokers Jordan Belfort zu sagen: Absolutely fucking not!

Defy“ beinhaltet insgesamt 12 Songs, von denen ganze fünf bereits vorab als Single veröffentlicht wurden. Bereits hier zeichnete sich ein Trend ab, der im Kontext des gesamten Albums nur noch allzu deutlicher wird: OF MICE & MEN klingen so knackig,  unbeschwert und einfach ‚auf den Punkt‘ wie noch nie. Die Riffs sitzen zu jeder Zeit, das Songwriting ist wunderbar eingängig aber gleichzeitig unvorhersehbar und Aaron Pauley offenbart sich als wahre Naturgewalt. Dabei trifft die Band das perfekte Gleichgewicht zwischen harten Tracks, ruhigeren Nummern und Songs, die beides vereinen. Mit letzterer ‚Hybridenklasse‘ eröffnet die Platte auch gleich mit dem Titelsong „Defy“. Tolle Riffs treffen hier auf energiegeladene Shouts und eine herausragende Cleanparts. Auch die Drums fallen (wie im gesamten Album) äußerst positiv dadurch auf, dass sie den ohnehin schon knackigen Riffs noch mehr Druck verleihen. Im Grunde hören wir hier ein Erfolgsrezept, mit dem OF MICE & MEN schon in der ersten Single „Unbreakable“ reihenweise Zweifler bekehrten.

Neben diesen ‚Hybriden‘ zwischen Melodie und Härte, wie wir sie mit besagtem „Unbreakable“, aber auch „Defy“, „Back To Me“ oder „How Will You Live“, zu hören bekommen, zeigt die Band in einigen Teilen, dass sie mit ihrem ursprünglichen Screamer noch lange nicht ihren Biss verloren haben. „Instincts“ dürfte in zukünftigen Circlepits mehr als genug Staub aufwirbeln und mit „Forever YDG’n“ verbindet die Band Härte und Geschwindigkeit zu einem absoluten Brett. Herausstellen muss ich an dieser Stelle noch „Warzone“, ein Spiel zwischen Licht und Dunkel. Hier zeigen OF MICE & MEN, wie die Kombination von engelsgleichen Gesängen und musikalischem Artilleriefeuer fast schon wie selbstverständlich funktioniert.

Abgesehen von den ‚ruhigeren‘ (eher: rockigeren) Songs wie „On The Inside“ (was im späteren Verlauf eine großartige Wendung nimmt) oder „If We Were Ghosts“ gibt es vor allem eines, worüber es zum Abschluss noch zu sprechen gilt. Hätte mir jemand erzählt, dass er versuchen will, ein Metal-Cover von PINK FLOYDs (ja, richtig gelesen) „Money“ zu schreiben, ohne es ins Lächerliche zu ziehen, hätte ich vermutlich ungläubig abgewinkt. OF MICE & MEN gelingt es mit diesem Cover jedoch, den Geist des Originals beizubehalten aber mit einem derartig authentischen und dreckigen Groove zu untermalen, dass mir doch mehr als einmal die Kinnlade herunterklappte. Wow!

Betrachtet man „Defy“ als Endprodukt eines Prozesses, in dem die Band die Möglichkeit hatte, sich neu zu finden, dann kann sich das Ergebnis wirklich sehen lassen. Zu keiner Sekunde merkt man der Form der Kalifornier den Wegfall eines Mitgliedes an; im Gegenteil: Es ist fast, als hätte man OF MICE & MEN einer Frischzellenkur unterzogen.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (20.01.2018)

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