ORPHANED LAND - Unsung Prophets & Dead Messiahs

Artikel-Bild
VÖ: 26.01.2018
Bandinfo: ORPHANED LAND
Genre: Progressive Metal
Label: Century Media Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

ORPHANED LAND – Oriental Metal, progressive Züge und aus Israel. Nachdem meinereiner sie ein wenig aus dem Blickfeld verloren hatte, tauchten sie mit der letzten, großen Scheibe „All Is One“ wieder im Fokus auf. Durchaus interessiert am neuen Machwerk war man dann aber doch skeptisch, was der aktuelle Release bringen würde. Der Ausstieg von Yossi Sassi warf Spekulationen auf, ob sich Sound und Richtung denn nun ändern würden, ob ORPHANED LAND zu neuer Größe finden würde, oder was sie sich konzeptmäßig nach der letzten, sehr eindeutigen Scheibe einfallen lassen könnten, das neu und nicht nach Abklatsch und Durchgewaschen und neu verwendet klingt. 

Nun, die Skepsis dauerte sogar noch an, als die ersten Takte dann aus den Lautsprechern schallten, doch löste sich jegliche Kritik mit dem ersten Refrain alsbald in Schall und Rauch auf. Sprichwörtlich. Gleich vorweg: „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ ist weitaus mehr als nette Unterhaltung und kann (und soll) auf verschiedenen Ebenen gehört werden. Der musikalische Aspekt ist eine Sache, der textlich-lyrische ein weiterer und keineswegs weniger wichtiger. Gemeinsam funktioniert die Scheibe natürlich am besten, doch „Gehör“ schenken sollte man definitiv beidem. Ausführlichst! 

Während die ersten Songs mit ihrem unverwechselbaren orientalischen Einschlag spielen, fällt schon beim Opener "The Cave" eine extreme Gleichberechtigung von Clear Vocals, choralen Elementen und Death-Growls auf. Das eine löst das andere nicht mehr lediglich als schmückendes Beiwerk ab, sondern ist tatsächlich starke Komponente zur Unterstützung der Aussagekraft eines jeden Songs und gibt dem ein oder anderen Track eine tragende epische Dichte, die nicht nur durch die für progressives Machwerk typische Überlänge entsteht. 
Durchaus findet man auf „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ eine ausgeprägte Vielfalt innerhalb des mittlerweile sehr weit gefächerten Spektrums von ORPHANED LAND. Neben dem Überlängen-Epos „The Cave“, das musikalisch das Gleichnis Platons von der „Höhle“ vertont, weiter zum durchgehend anklagend gegröhlten „We Do Not Resist“, das mit aggressiver Durchschlagkraft punktet, folgt ein orientalisch-ausgeglicheneres „Propaganda“, das mit sämtlichen Prog-Spielarten aufwartet und sich wieder in einen ausgedehnten Klarstimmen – Chor-Dialog begibt. Das beruhigte „Knowing Eye“ fährt dann zwar den Takt runter, aber keineswegs Tiefe und Dramatik. „Yedidi“ wird vollständig in typisch hebräischem Gewand inklusive ebensolcher Sprache vertont, ehe der Zuhörer in ein balladesques „Chains fall to gravity“ hineinschlittert, das nun beginnt, rezitierte Passagen einzubinden, die sich auf der Scheibe immer wieder finden. Von dort aus wandert man direkt weiter in die Unterwelt zu „Like Orpheus“, das wohl der straighteste Song auf dem Silberling ist und im Duett mit Hansi Kürsch von BLIND GUARDIAN als erste Single-Auskoppelung mindestens jedem Fan schon bekannt ist. Es folgt ein chorales Intermezzo, das in ein melodiöses „Left Behind“ mündet, das Fahrt aufnimmt, aber weiterhin Härte zugunsten von erzählenden Parametern eintauscht. Diese Strickweise wird auf „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ ohnehin fast flächendeckend praktiziert. „Brothers Keeper“ kommt dann erneut mit rezitierten Strophen, ehe dann „Take my Hand“ etwas härter und direkter daher stampft. Und scheint dabei lediglich eine Vorbereitung zum wohl wildesten und brachialsten Track der Scheibe zu sein. „Only The Dead Have Seen The End Of War“ kracht vollkommen gegröhlt und stellt musikalisch-bildlich ziemlich eindeutig dar, was mit dem Song gemeint ist. „The Manifest – Epilog“ ist dann weniger ein Rausschmeißer, als mehr die große Schlussbotschaft, die es schafft, den Inhalt der ganzen Scheibe, sowie den aktuellen Stand einer ganzen Gesellschaft in wenigen Worten  zusammenzufassen. 

Damit wären wir auch schon dabei: beim Inhalt. (Näheres kann man im Interview mit Kobi Farhi auch hier nachlesen.) Die musikalische Umsetzung und Vertonung einer großen Nachricht ist eine Sache. Das Album ist allerdings geladen mit dringenden Botschaften, Erzählungen, Weisheiten und Kritik, die alles andere als ferne Geschichten sind, die sich irgendein Musiker mal ausgedacht hat. Von den Weisheiten Platos über die aktuellste Gesellschaftskritik bis hin zu tiefen Gedanken, die diese über 2000 Jahre miteinander verbinden. Diese erzählende Art und Weise hat sich natürlich auch die Musik zunutze gemacht, durch die orientalisch-melodische oder eben brachialere Gangart noch tiefer und intensiver zu wirken. Und ORPHANED LAND haben hier ganze Arbeit geleistet. Es lohnt sich also, in mehrerlei Hinblick genauer hinzuhören. 

ORPHANED LAND wird mit dem neuen Album wohl den Großteil aller Skeptiker zum Schweigen bringen. Egal, wieviele Durchläufe meinereiner schon hinter sich hat, es gibt immer weitere Aspekte, neue Einblicke und nicht zuletzt kann jeder Song wieder und wieder und wieder genossen und gefeiert werden. „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ besitzt so viel Intensität und Tiefe, das dies wohl anhalten wird, bis das nächste Album in den Startlöchern steht. Man wird regelrecht eingenommen von der Botschaft, von der Musik, von dem Gesamtwerk. ORPHANED LAND hat ein Meisterwerk erschaffen, das auf mehrerlei Ebenen funktioniert. Ohne Abstriche, ohne Mängel oder Kritikpunkte. Großes Hörerlebnis. 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lisi Ruetz (25.01.2018)

WERBUNG: Hard
WERBUNG: Escape Metalcorner