PARZIVAL - Urheimat Neugeburt

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VÖ: 16.03.2018
Bandinfo: PARZIVAL
Genre: Gothic
Label: Mighty Music
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Lineup  |  Trackliste

Der Titelsong „Urheimat“ ist zugleich der erste Track. Die Dänen von PARSIVAL beginnen episch und doomig. Richard Wagner und das Nibelungenlied treffen auf Neo-Goth und Doom. Hörende werden von Anfang an mitgenommen auf eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit des Übergangs der Spätantike in das Frühmittelalter. Man stelle sich vor: eine Horde germanischer, gotischer und keltischer Stämme, deren Vorfahren im Teutoburger Wald auf Varus trafen, den Hadrianswall im Norden Britannias bedrückten oder sich in der Provinz Moesien ansiedelten, sind auf der Suche nach dem Ursprung ihrer Geschichte. Ad Fontes als Musik-gewordenes Leitmotiv einer Bewegung.

 „Der Aarn“ nimmt das ad Fontes auf und betrachtet die Genealogie etwas genauer. Nebelige Wälder, weite Sümpfe und nur wenige offene Graslandschaften. Das Durchforsten der Vergangenheit geht weiter, man bewegt sich weiter in der Zeit zurück. Während im transalpinen Italia Rom noch nicht entstanden ist, auch das Volk der Etrusker noch eine weite entfernte, vage Vermutung der Zukunft ist und selbst in Mesopotamien noch keine Hochkulturen entstanden sind, befindet man sich in einer Zeit des Schamanismus und Druidentums. Das Epische der „Urheimat“, es findet auch hier seinen Anklang. Sehr stimmig.

Aus der Hitze der Geschichte wird etwas geformt, aus der Asche und der Glut des Vergangen entsteht etwas Neues. Der „Blasebalg“ feuert an und ist selbst energetisch und zugleich gefasst, fast schon zurückhaltend.

Mit "Peitsche und Zuckerbrot" geht es weiter. Die Stimmung der drei Vorgänger wird aufgenommen, aber viel zu wenig weiterentwickelt. Abgesehen vom Titel sind die ersten vier Songs dieses Albums kaum voneinander zu unterscheiden. Ein Sound-Matsch, in dem wahrscheinlich auch die Menschen auf der Suche nach der Urheimat stecken blieben. In sich gut, aber etwas zu eintönig. Aber vielleicht ist es genau das, was hier passend ist.

"Lord of the Sea" ist ein Titel, der ein zum Titel passendes Gefühl und Bild erzeugt. Ein Kopfkino, in dem ein Film von Tristesse einer modernen, grauen Hafenstadt entsteht. Etwas neuer, etwas anders. Ein Schritt auf, paradoxerweise, einem trockeneren Boden, wenn der "Lord of the Sea" im Kontext der Vorgänger betrachtet wird.

Zuckende Entladungen auf einer Freileitung. "Elektrisches Vorspiel" enthält ein Textfragment, das nach Hyper Hyper klingt. Ein Fall für Misheard Lyrics, vielleicht auch für Galileo Mystery. Doch wofür ist dieses Vorspiel gedacht?

"Die große Schau" hat etwas vom Dark Wave der 1980er. Sehr schön. So einen Song hat dieses Album gebraucht. Eine Spur von Charles Dickens' "Great Expectations" findet sich in dieser tanzbaren Nummer wieder. Der litarische Ansatz zieht weitere Kreise. Womit wieder der Sprung über den Ärmelkanal in das Land des Hadrianwalls gemacht wird.

Ob nun "Carmina Burana" von Carl Orff oder "Navadi Purana" von PARZIVAL, beides ist poetisch. "Navadi Purana" beinhaltet orientalisch anmutende Klänge, die das Ganze aufhübschen. Wieder etwas Neues. Der Sumpf, der Matsch ist offenbar überwunden.

Mit "Nach Nord" als pathetisch-energetischer Schlusspunkt nimmt das Album noch einmal Fahrt auf. Streicher unterstreichen (flach, ich weiß) das Epische des Ganzen, das die Würde des Albums nicht aus den Augen verliert.

Fazit: Wagner hätte seine Freude. Nicht etwa der Begründer einer Firma, die Fertig-Pizzen herstellt, sondern der Komponist. Würde er heute leben, schriebe er seine Vertonung des Nibelungenliedes bestimmt in einem ähnlichen Stil, wie es die Dänen von PARZIVAL tun. Mit Recht kann sich diese Band auf eine Ebene wie DEATH IN JUNE stellen. 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Thomas Trüter (16.03.2018)

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