THERION - Beloved Antichrist

Artikel-Bild
VÖ: 09.02.2018
Bandinfo: THERION
Genre: Symphonic Metal
Label: Nuclear Blast Records
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Kapitel 1: Die Fakten: (wen das nicht interessiert, der lese bei "Kapitel 2: die Geschichte" weiter!)

Beginnen wir mit einem Auszug aus dem offiziellen Promotext:
"Als das 15-jährige Wunderkind Christofer Johnsson im Jahr 1987 THERION als Death Metal-Band ins Leben rief, ahnte er noch nicht, dass er exakt 30 Jahre später einem Projekt den letzten Schliff verpassen würde, das in die Geschichte eingehen könnte als das ehrgeizigste Symphonic-Metal-Release aller Zeiten und getrost als Johnssons Lebenswerk bezeichnet werden kann."
Du siehst, lieber Leser, THERIONs sechzehntes Full-Length-Album "Beloved Antichrist" wird vom Band-Label Nuclear Blast nicht nur wie eine Offenbarung, sondern quasi als eines der besten musikalischen Werke aller Zeiten beworben. Mutig, mutig! Lasst uns das kritisch hinterfragen.

Eines sei gleich zu Beginn gesagt: "Beloved Antichrist" ist kein Metal-Album, sondern eine Metal-Oper. Eigentlich hatte Mastermind Christofer Johnsson bereits vor fünfzehn Jahren damit begonnen, eine reine Oper zu schreiben, doch gelang es ihm nicht, diese zu vollenden. Also tat er das, was er am besten kann und wofür ihn THERION-Fans lieben: er arrangierte das Material einfach neu und machte daraus Metal bzw. Rock mit Opernflair.
Das Ergebnis: "Beloved Antichrist". Das Werk besteht aus 46 (sic!) Songs, besser als Kapitel bzw. Szenen bezeichnet, und erreicht eine Spielzeit von irrwitzigen dreieinhalb Stunden, verteilt auf drei Akte bzw. CDs. Und wie es sich für eine Oper gehört, erhielt jede Rolle des Stücks eine eigene Stimme. So kommen zum THERION-typischen Chor noch rund 20 männliche und weibliche Solisten dazu (bekannte Namen der Bandgeschichte wie Thomas Vikström, Lori Lewis und Chiara Malvestiti sind natürlich auch dabei). Das dahinterliegende lyrische Konzept ist von Wladimir Sergejewitsch Solowjows 1899 geschriebenem Buch "Kurze Erzählung vom Antichrist" inspiriert (muss man ihn oder die Geschichte kennen? Anm. d. Red.), wurde jedoch teilweise radikal abgewandelt.
Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, soll das gesamte Projekt auf die Bühne gebracht werden. Ob so etwas gelingen kann? Denn "Beloved Antichrist" gibt es zwar als CD zu kaufen, doch den eigenen Worten nach hat Christofer Johnsson das ganze ursprünglich als Live-Opus konzipiert, eben doch wie eine waschechte Oper.

Und wie klingt diese Oper nun?
"The Arrival of Apollonius" (Kapitel 18) und "Night Reborn" (Kapitel 21) sind zum Beispiel typische THERION-Metal-Nummern, richtig heavy, trotz herrlich klassischer Gesänge, "Our Destiny" (Kapitel 11) und "Temple of New Jerusalem" (Kapitel 22) erinnern dagegen an irgendwas Bekanntes aus dem Radio. Der Closer "Theme of Antichrist" (Kapitel 46) wiederum ist einfach nur bombastisch (siehe unten). Doch die meisten Songs klingen tatsächlich wie eine Oper – Christofer Johnson hat die Essenz Richard Wagners wahrhaftig verinnerlicht. THERION vereint mittlerweile, mit Ausnahme der Death-Metal-Phase, einfach alles, wofür sie groß geworden sind und noch viel mehr.

Jetzt muss aber eine essentielle Frage gestellt werden: Wie soll man solch ein Werk nur rezensieren, geschweige denn bewerten? Anspieltipps sind genauso sinnlos wie Vergleiche mit ähnlichen Werken anderer Bands oder der eigenen Diskographie. Es ist schwere Kost, man muss sich wirklich Zeit für THERIONs Antichristen nehmen. Hätte ein genialer Wissenschaftler doch schon die Zeitmaschine erfunden, dann könnten wir jetzt Konsorten à la Beethoven, Verdi, Mozart oder eben Richard Wagner dazu befragen, die kennen sich mit Opern schließlich aus. Versuchen wir es also anders:

 

Kapitel 2: Die Geschichte:

Lieber Metalhead, stellen wir uns einfach eine Oper vor, die Mailänder Scala zum Beispiel. Seit Wochen sind in der Stadt unzählige Plakate mit dem Titel "Beloved Antichrist in Teatro alla Scala" affichiert. Die Kulturgazetten sind voll mit kritisch-ängstlichen Berichten: "Unsere Kultur steht vor dem Niedergang, langhaarige und tätowierte Pubertierende stürmen unser Heiligtum. O tempora, o mores!" oder "Quo vadis Kultur? Unsere Traditionen werden entweiht. Satanisten entern biersaufend die Scala!"

Die Metalheads dagegen sind etwas nervös: "Wie verhalte ich mich in einer Oper? Muss ich jetzt einen Frack und einen Zylinder tragen? Oder vielleicht sogar ein Monokel? Gibt es eine Alters-Untergrenze und brauche ich ein Opernglas? Egal, hoffentlich gibt es genug Bier!"

Jetzt ist sie da: die Premiere von "Beloved Antichrist". Der Saal ist zum Bersten voll, auf der einen Seite mit schwarzgekleideten, langhaarigen und tätowierten Gestalten, auf der anderen mit betagteren, leicht adelig angehauchten Personen, die die Großeltern ersterer sein könnten. Die zwei Gruppen beäugen sich leicht misstrauisch, sind allerdings auch irgendwie voneinander fasziniert.
Und was macht die Band? Sie vollführt den ersten Akt, und damit den ersten Brückenschlag. Denn dank THERION treffen sich Metaller und klassische Operngänger in der Pause am Prosecco-Stand, knabbern die typischen Hors-d'oeuvres dazu und besprechen gemeinsam das bisher erlebte. Der Operngänger hatte vor seiner ersten Begegnung mit Metal immer wieder die fehlende Innovation seines Lieblingsgenres bekrittelt, den Metaller hatte stets gestört, dass aber auch jedes Metal-Subgenre bis zum Kollaps ausgelutscht wird. Doch Veränderungen gegenüber blieben beide verschlossen. Bisher.
Der zweite Akt beginnt. Die Macht der Stimmen beginnt zu wirken. Denn auch der beste Rock-Sänger (oder Black-Metal-Shouter) kann mit der geballten Macht eines Opern-Ensembles niemals mithalten. Und auch die herrlichsten klassischen Orchester werden durch die Kraft verzerrter Stromgitarren nur noch epischer. Die Evolution von Metal und Oper hat begonnen – und im dritten Akt wird diese zur Vollendung gebracht und so zur Evolution des Hörers (ich habe jetzt wirklich Lust bekommen, meine erste Oper zu besuchen, Anm. d. Autors). Einfach nur brillant.

Und nach dem Konzert, ach was, nach der Oper, nein: Nach dem Erlebnis treffen sich die Kutten- und Anzugträger erneut (Bierkrüge stoßen mit Sektflöten an) und feiern gemeinsam eines der größten musikalischen Werke aller Zeiten.

 

Kapitel 3: Captain's Fazit:

Was zögerst Du noch? Kauf Dir das Teil!
 

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Captain Critical (03.02.2018)

WERBUNG: Mitelalterspektakel 2018
WERBUNG: Rockhouse Bar