OST+FRONT - Adrenalin

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VÖ: 16.02.2018
Bandinfo: OST+FRONT
Genre: Industrial Metal
Label: Out of Line
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Eigentlich war für die folgende Rezension zu OST+FRONTs neuem Album "Adrenalin" vorgesehen, keinen einzigen RAMMSTEIN-Vergleich auszuformulieren, aber das war, wie nur sich wenig später herausstellen sollte, eine sehr ambitionierte Selbstvorgabe, eine katastrophale Fehlplanung. Ein zu hohes Handicap für ein Album wie ein 17 Löcher fassendes Golfplätzchen, mit deren "Stopfung" selbst ein Tiger Woods zu seinen außerberuflichen Glanzzeiten seine liebe Mühe gehabt hätte. Während dieser kleine Twist noch nachwirkt, kann ich ja schonmal auflisten, um welche Themen es auf dem vierten Ableger dieser Tribut-, Verzeihung, dieser äußerst originellen NDH-Band außerdem noch so geht: Amerika (öhm...) und damit natürlich auch um den orangen Laiendarsteller in der Rolle des Präsidenten (jaja, Lügenpresse, Einzelfall, dings äh, kennen wir alles schon), allerlei gesellschaftliche Missstände, noch mehr Koitus, das 10-jährige Bandjubiläum und - selbstverständlich - noch viel mehr Koitus.

Ob aus Fremdscham oder echter Unterhaltung - lustig ist "Adrenalin" an so einigen Stellen definitiv. Da haben wir auch direkt den ersten Unterschied zu den Vorbildern mit den viel zu großen, kaum auszufüllenden Fußstapfen: Während RAMMSTEIN stets einen ernsten Eindruck hinterlassen und mit ihrer ganz eigenen Ästhetik gespielt und kokettiert haben, erinnern OST+FRONT beispielsweise in "Disco Bukkake" („Könnt ihr sehen wie es tropft? Jede Öffnung ist gestopft!“) eher an eine Trash-TV-Adaption mit dem Charme eines Boris-Becker-Besenkammer-Techtelmechtels, bei dem man sich nicht mal zu schade ist, das berüchtigte Keyboard-Intro von "Du riechst so gut" abzukupfern. Wo "Pussy" textlich noch gerade so innerhalb der Albernheitsskala zu werten ist, sind wir bei diesem Prachtexemplar schon in den Punkträngen der größten Unfälle des diesbezüglich größtenteils ohnehin schon unsäglich schlecht besetzten NDH-Genres angelangt. Immerhin hat der "Amerika"-Abklatsch "U.S.A." genügend Witz und drückenden Rhythmus, um für einen anerkennenden Lacher und leichtes Kopfnicken zu sorgen.

Davon abgesehen ist der Schönhörfaktor aber äußerst gering, was einerseits natürlich, andererseits aber eben nicht nur dem Fehlen einer eigenen Identität (bei "Blattzeit" kann man anhand von Titel und Text die Gedanken, die beim Songwriting wohl eingeflossen sind, förmlich schmecken: „Ach, lass uns noch einen Song mit Jägersprachenreferenz machen, auf die Idee kam ja auch noch keiner... oh wait, ach Scheiß drauf, nun ist der Song eh schon fertig!“) zuzuschreiben ist, sondern meistenteils auch an den billigen Ballermanndisco-Synthies und der zu hohen Quantität an Songs liegt - und an den oft arg plumpen Lyrics. Selbst wenn man sich also die zweite (Bonus-)CD wegdenken sollte, bleiben 13 Songs übrig, von denen bestenfalls vier bis fünf einigermaßen genießbar oder zumindest auf die eine oder andere Art unterhaltsam sind: der Titeltrack, der Bukkake-Song, der USA-Song sowie "Arm und Reich" und "Hans Guck-in-die-Luft" (was soll ich zu diesem Titel überhaupt noch sagen?). Der Rest klingt schlichtweg so, als würden sich OST+FRONT einfach nicht genügend Zeit für ihre Musik nehmen und Schnellschuss an Schnellschuss reihen. Und als ob das noch nicht genug wäre, scheint es in Songs wie "Heavy Metal" oder "Puppenjunge" zusätzlich noch so, als hätte man den DJ von den Atzen für die Keyboardaufnahmen engagiert, was der Benjamin-Blümchen-Torte letztlich die Sahnehäubchen aufsetzt.

Irgendwie spricht es ungewollt große Bände, wenn man liest, dass OST+FRONT desöfteren als beste RAMMSTEIN-Kopie gehandelt werden. Ob die letztgenannten Herren überhaupt wissen, was für eine Subkultur sie zu verantworten haben? Vielleicht. Das spielt im Endeffekt aber auch keine besonders große Rolle, denn so oder so ist "Adrenalin" musikalisch allenfalls eine pubertäre Imitation, deren unfreiwillig komischer, unbeholfener Sprachgebrauch fernab jeglicher Selbstironie zumindest hin und wieder dort für einen (tendenziell ungewollten) Schmunzler sorgt, wo die Instrumentals einfach zu halbgar, austauschbar und meist sogar ramschig-trashig daherkommen. Das reicht dann aber höchstens für einen Hördurchgang und danach ist die Messe auch schon wieder vollständig gelesen. Daran ändern auch das konstruiert-provokante Erscheinungsbild sowie die Hochglanzproduktion aus dem Hause Bogren, die eher als fehlende künstlerische Qualität kaschieren sollende Ablenkungsmanöver denn als echte Stilmittel zu werten sind, nullkommagarnichts.



Bewertung: 2.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (16.02.2018)

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