TALES OF A NOVELIST - Somniphobia

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VÖ: 24.03.2018
Bandinfo: TALES OF A NOVELIST
Genre: Metalcore
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Wieviel ist ein Mensch bereit zu ertragen? Wie viel kann er ertragen, bis dass es nicht mehr geht?

Stell dir vor, du kannst dich nicht bewegen. Dein Geist ist wach, doch dein Körper ist wie gelähmt. Du starrst mit weit aufgerissenen Augen an die Decke, während jeder Muskel deines Körpers seinen Dienst versagt. Deine Hände, deine Füße: nutzlos. Bleierne Schwere drückt dich nach unten, presst deinen Brustkorb zusammen und nimmt dir den Atem. Du versuchst um Hilfe zu rufen, doch kein Ton kommt über deine Lippen, denn dein Gesicht ist erstarrt zu einer leblosen Maske. Verzweifelt ringst du nach Luft, versuchst anzukämpfen gegen die Fesseln deines eigenen Körpers, doch es ist sinnlos, denn er gehorcht dir nicht mehr. Und dann siehst du es aufsteigen aus den Schatten, aus dem Augenwinkel wächst es in dein Gesichtsfeld, riesig, bedrohlich, furchterregend. Du willst fliehen, jede Faser deines Selbst möchte das – doch du kannst nicht weg. Klauen aus Angst und Panik umfassen deinen Geist. Du kannst nicht weg. Niemals. Denn es wird wieder geschehen – jede Nacht...

„Somniphobia“. Schlafphobie, geboren aus der Angst vor Schlafparalyse – heftiger Stoff ist es, den uns der Wiener Metalcore-Sechser TALES OF A NOVELIST auf ihrem ersten Album auftischt. Kein fluffiger Hipster-Stoff für die Freizeit-Umweltschützer und Teilzeit-Robbenretter, sondern vielmehr ein düsteres, bedrückendes und schwer verstörendes Konzeptwerk, emotional und aggressiv gleichermaßen. Zugrunde liegen dem Album reale Erfahrungen eines der Bandmitglieder, das den Albtraum der Schlafparalyse am eigenen Leib erfahren musste. Musik kann dabei eine gute Möglichkeit sein, tiefsitzende Traumata auf- und zu verarbeiten. Musik kann ein Hilfeschrei sein, ein Rettungsanker und bis zu einem gewissen Grad auch Therapie, um das Erlebte zu überwinden.

Und so kommen wir zu „Somniphobia“, welches die Leidensgeschichte des Protagonisten in zwölf Kapiteln vertont. Von der ersten Begegnung mit der lebensverändernden Schlafstörung in „Night 0 – The Deceiver“ bis hin zur finalen Kampfansage in „Night 10 – The Confrontation“ gehen TALES OF A NOVELIST mit einer musikalischen Vehemenz zu Werke, vor der man nur den Hut ziehen kann. Brutale Gitarren, höllischer Groove, knackige Breakdowns und gelegentlich sogar einige gar an Industrial kratzende Elemente und derbste Deathcore-Anwandlungen. So heftig wie die Wiener musikalisch zu Werke gehen, so schonungslos präsentieren sie dem Hörer auch die Geschichte des Albums. Von abgrundtief bösen Growls über verzweifeltes Geschrei bis hin zu melodischem Cleangesang offenbaren TALES OF A NOVELIST von hoffnungsvollen bis geradezu fatalistischen Tönen eine beeindruckende Bandbreite.

Einen einzelnen Titel besonders herauszuheben fällt schwer, zieht sich doch der Rote Faden der Storyline durch das gesamte Album, wobei ein Song auf dem anderen aufbaut und gerade im Kontext seine volle Wirkung entfalten kann. So wie markerschütterndes Gekeife „Night 1 – The Feared“ perfekt in Szene setzt, überfällt es einen nach einem träumerischen Beginn in „Night 2 – The Dreamer“ jäh mit brutalem Riffing; während die immer wieder durchbrechenden Harmonien irgendwo Hoffnung spenden, den Versuch sich aus dem Albtraum retten zu können, doch die gleichzeitige Erkenntnis bringen, immer weiter hineingezogen zu werden. Speziell die langsamen Passagen des Albums (z.B. in „Night 3 – The Paralyzed) mit der Durchschlagskraft einer Abrissbirne, die im Zeitlupentempo die Mauern des Geistes zu Staub zermalmt, wissen nachhaltig zu beeindrucken.

Wenn das brutale Riffing nicht direkt in die Magengrube tritt, dann zeigt sich oft ein schwermütiger Vibe, der sich in Titeln wie „Night 5 – The Depressed“ mit voller Wucht entlädt und die urtümlichen Welten nackter Verzweiflung über den Hörer ergießt. „Night 7 – The Witness“ überrascht als reines Klavierstück mit sanften Tönen, repräsentiert dabei aber den langsamen, doch unaufhaltsamen Fall des Protagonisten in die unauslotbaren Tiefen wiederkehrender horribler Erlebnisse. „Night 8 – The Encounter“ sendet einen verzweifelten Hilferuf, ehe „Night 9 – The Ignorant“ schneller, aggressiver und treibender über den Hörer hereinbricht und die eingestreuten Clean-Parts und vor allem die melodische Bridge geradezu fatalistische Gefühle erwecken. Doch das Album bekommt die Kurve, aufrüttelnd und kämpferisch, unterstützt von straightem Riffing, präsentiert sich „Night 10 – The Confrontation“ als Kampfansage an die zermürbenden Erlebnisse – egal ob vergangen oder noch kommend.

Nein, einfacher Stoff ist es wahrlich nicht, den uns TALES OF A NOVELIST da vorsetzen. Musikalisch geht man ansprechend brachial und mit entsprechender Durchschlagskraft zu Werke, erfindet das Genre natürlich nicht neu, aber platziert sich mit blitzsauberer Leistung im oberen Mittelfeld der härteren Ausgabe moderner Metal-Strömungen. Was das Album nachhaltig aus der Masse hervorhebt, ist aber die zugrundeliegende Geschichte, die mit Geschick und großer Sorgfalt in Szene gesetzt wurde, sodass „Somniphobia“ eine höchst emotionale, aufwühlende Wirkung auf den Hörer entfaltet und ihm die persönliche Hölle des Protagonisten fast körperlich erlebbar macht. Zart besaitete Gemüter sollten um das Album dann vielleicht doch lieber einen Bogen machen, für alle anderen empfiehlt sich, sich einfach einmal auf das Werk von TALES OF A NOVELIST einzulassen, denn das subjektive Erleben ist bestimmt besser dafür geeignet, sich selbst ein Bild zu machen, als ein trockenes Review zu lesen...

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (22.03.2018)

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