ROTTING CHRIST - Their Greatest Spells: 30 Years Of Rotting Christ

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VÖ: 23.03.2018
Bandinfo: ROTTING CHRIST
Genre: Extreme Metal
Label: Season of Mist
Hören & Kaufen: Amazon
Lineup  |  Trackliste

Das sage und schreibe 30-jährige Jubiläum, das ROTTING CHRIST heuer feierlich mit "Their Greatest Spells" (es stinknormal als Best-Of zu taufen, wäre irgendwie auch entwürdigend gewesen) inszenieren, hat mir eines wieder deutlich gemacht: Die Griechen sind Legende und Phänomen zugleich. Während Alben wie "Thy Mighty Contract" und "Non Serviam" sich auch heute noch - berechtigterweise - im Glanze ihres jeweiligen Klassikerstatus baden (dürfen), gibt es gleichzeitig nur wenige europäische Black Metal-Bands (und -Legenden), die es überhaupt zu drei Dekaden Bestehen bringen, geschweige denn sich ihre eigene Relevanz so kontinuierlich über einen solch nicht ganz unerheblichen Zeitraum bewahren konnten. "Κατά τον δαίμονα εαυτού" und "Rituals" sind die aktuellsten Nachweise dafür, dass man sich auch viele viele Jahre nach der Gründung mitsamt all den einflussreichen Werken nicht an den eigenen Lorbeeren labt, sondern sich - simultan zur Wahrung der eigenen Wurzeln - immer noch neu erfindet und mindestens genauso viel Energie in seine fantastischen Live-Shows investiert.

Ein wenig pathetisch mag sich das nun schon gelesen haben, aber ROTTING CHRIST haben sich derartige Lobeshymnen mit ihrer nahezu fauxpasfreien Diskografie auch redlich verdient. Während andere Bands bzw. deren (ex-)Labels auf ihren jeweiligen Best-Of-Compilations bestimmte Phasen auslassen oder "vergessen", reflektieren Season Of Mist in den insgesamt 33 Songs mit gut zweieinhalb Stunden Spielzeit nahezu das gesamte Schaffen (man hat nicht jede Demo berücksichtigt, dafür aber jedes Album) und bieten damit einen unverfälschten, und vor allem würdigen Zusammenschnitt (auf Re-Recordings und andere Späße wurde zwecks Magiepräservation verzichtet, obwohl man per Remastering zumindest an einem einheitlichen Lautstärkepegel hätte arbeiten können), der nicht nur die stilistische Vielfalt, sondern eben auch nahezu jedes für die Karriere wichtige Stück betont. Wichtige Anmerkung für all jene, die gerne alles absichtlich falsch verstehen wollen: Das soll nicht heißen, dass sich auf den zwölf Alben von ROTTING CHRIST ansonsten nur schwarz angemalter Schrott tummelt.

Um aber beim Thema zu bleiben: ROTTING CHRIST stehen dafür, live fast jedes noch so verwöhnte Göschlein mit einer ausgewogenen Setlist ruhigstellen zu können und genau dieses epochale Kunststück (gut, ein paar Delegierte der allerhöchsten Geschmacksinstanz wird es wohl auch hier geben, aber die seien an dieser Stelle - und nicht nur an dieser - zu vernachlässigen bzw. gänzlich zu ignorieren) gelingt ihnen auch bei der Tracklist von "Their Greatest Spells", zu der sich lobenswerterweise auch einige eher rare Stücke hinzugesellt haben: "Astral Embodiment" (Bonus-Track von der brasilianischen "Genesis"-Fassung), "Feast For The Grand Whore" (vom "Satanas Tedeum"-Demo), "Forest Of N'gai" von der Debüt-EP "Passage To Arcturo" und  "I Will Not Serve" (Achtung: keine englische Neueinspielung des Klassikers "Non Serviam", der ebenfalls in der Sammlung enthalten ist). Letzterer scheint anhand des Jens-Bogren-Trademarksounds ein halbgares B-Side-Überbleibsel von den Songwritingsessions der letzten zwei Alben zu sein (bezüglich der zukünftigen Stilausrichtung und Güte muss man also nicht zu viel hineininterpretieren) und eignet sich bei einer solchen Compilation durchaus als nette Dreingabe, unterstreicht andererseits aber auch, warum seine Bewerbung für ein Plätzchen auf jenen Spätmeisterwerken einstimmig abgelehnt wurde. 

Die "restlichen" 29 Songs wurden nicht chronologisch angeordnet, lassen aber, egal welcher Phase sie nun entspringen, eine feste, eigenständige Handschrift durchscheinen, die nur von ROTTING CHRIST stammen kann. Um das zu erkennen oder zu wissen, hat man "Their Greatest Spells" vermutlich nicht gebraucht, einen gesonderten, lobenden Hinweis ist es aber dennoch wert, weil sie zu der eher raren Gattung Bands zählen, bei denen es schlichtweg schwer ist, einen echten Favoriten in der Diskografie zu finden - zumindest für meine Wenigkeit. Den Tolis-Brüdern und ihren gelegentlich mal wechselnden Mitstreitern waren sämtliche Strömungen mit all ihren Konventionen schon immer recht egal:

- In ihrer Black Metal-Phase (z.B. "Fghmenth, Thy Gift" und "Saturn Unlock Avey's Son") verzichteten sie weitestgehend auf furioses Schlagzeugspiel und allzu dissonante Melodien, setzten stattdessen auf ihre mystisch-düstere Atmosphäre, die sie auf "Triarchy Of The Lost Lovers" (siehe "Archon" und "King Of A Stellar War") erstmals zaghaft mit gothischen Klängen anreicherten 

- In ihrer stärker von Gothic geprägten Phase ("After Dark I Feel", "Among Two Storms", "Semigod" und "Art Of Sin" bspw.) kamen sie gänzlich ohne Kitsch, Süßholzgeraspel und sonstige Verfehlungen aus 

- In ihrer Jahrtausendwechselphase verschmolzen sie auf "Genesis" und "Sanctus Diavolos" ("Dying" und "Αθάνατοι εστέ" z.B.) all ihre bis dahin bekannten Facetten zu dem autarken Dark/Black Metal, der spätestens ab "Theogonia", also insbesondere auf "Aealo" und den letzten beiden Alben um die (multi-)kulturellen Klangeinflüsse, die dem Universum der Band neue Dimensionen hinzugefügt und ihm damit eine neue Tiefe und Breite verliehen haben, ausgebaut wurde  

Die Folge: ROTTING CHRIST sind aktuell eine feste Größe, die für ihre Alben gelobt und für ihre fantastischen Live-Auftritte verehrt wird. Und das sei den Griechen nach jahrzehntelanger harter, unnachgiebiger Arbeit auch gegönnt. Selbstverständlich sind Best-Ofs immer irgendwie ambivalent zu betrachten, aber nach 30 Jahren bereichender Existenz darf eine solche Werksschau gestattet sein, zumal man "Their Greatest Spells" auch in einer Phase veröffentlicht, in der ROTTING CHRIST mit Alben wie "Κατά τον δαίμονα εαυτού" und "Rituals" mutmaßlich etliche neue Fans gewinnen und genau diesen Neueinsteigern eine umfangreiche, aufschlussreiche Compilation anbieten, deren Preis-Leistungs-Verhältnis durchaus als fair bezeichnet werden kann. Jahrelangen Fans hingegen wird trotz der vier eher raren Songs wohl das Bonusmaterial und damit auch der triftige Kaufgrund tendenziell fehlen, wobei sich diese Kollektion in diesem Fall zumindest für längere Autofahrten mit griechischer Begleitung lohnen könnte. Bei den Sammlern wird sich primär der Kontostand bzw. der Geldbeutel freuen, da "Their Greatest Spells" lediglich als Digipack und eben nicht in drölfmillionen verschiedenen Earbook- und Box-Formaten sowie 42 unterschiedlichen LP-Farbvarianten erscheinen wird. Am Ende hat also jeder etwas davon und wenn man gänzlich darauf verzichten will, wird die Lebenserwartung auch nicht drastisch sinken.



Ohne Bewertung
Autor: Pascal Staub (22.03.2018)

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