KARIBOW - The Unchosen

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VÖ: 01.02.2018
Bandinfo: KARIBOW
Genre: Progressive Rock
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Es musste ja mal passieren. Schlag auf Schlag wird von KARIBOW ein Album nach dem nächsten veröffentlicht und jedes einzelne ein Meisterwerk. Von einem harmonisch-stilvollen „Holophinium“ über einem kraftvoll-mitreißenden „Man of Rust“ bis hin zum letzten, recht aufmüpfigen und die Grenzen dehnenden „From Here To The Impossible“-Album konnte KARIBOW stets innerhalb der wiedererkennungstechnischen Grenzen mit allem aufwarten. Nun ist es anders. Nein, ist es nicht. Aber wie erkläre ich das?

Kennt ihr das, wenn eine Scheibe ein wenig wie die beruhigte B-Seiten-Version einer anderen klingt, aber niveautechnisch trotzdem so weit oben angesiedelt ist, dass sich andere Bands die Finger lecken würden? Und noch während ich diese Zeilen schreibe, tue ich der Scheibe auch schon Unrecht. KARIBOW hat nichts an Qualität verloren, nichts an spielerischer Flexibilität und nichts an Ideenreichtum. Es liegt eindeutig an „The Unchosen“. Das neue Album ist nämlich ein Art Querschnitt durch die unbeachteten Perlen vergangener Releases, die nicht ungehört bleiben wollten und im Vergleich zum recht aufmüpfigen Vorgänger natürlich domestizierter, ruhiger, mehr in den Bahnen und weniger als Grenzgänger wirkt. Und trotzdem ist kein einziger der Songs glattgebügelt oder angepasst. Details und Feinheiten sind fein verstrickt und emotionaler, kraftvoller und eingängiger Musik. Und alles unverkennbar unter der Flagge KARIBOW.

Inhaltlich findet man auf „The Unchosen“ wie gesagt eine stilistisch abwechslungsreiche Mixtur aus geschriebenen, aber in der Schublade verbliebenen Schätze, die ans Tageslicht wollten. Da hat sich unter anderem „Addicted“ auf die Scheibe gequetscht, ein Restposten aus dem gleichnamigen Album und eine Liebeserklärung an das Sein an sich, „The Impermanence of Sound“ folgt mit der anfänglich beruhigten, fließenden Eigenart, die sich zwischenzeitlich vor allem instrumental zu emotionalen Spitzen hochschraubt. Da kommt ein spannungsgeladenes und rockig ausgelegtes „Stratosphere“, gefolgt von einem mehrteiligen „Through the Eyes of a Ghost“, das ursprünglich für „From Here To The Impossible“ geschrieben wurde und verträumt-liebevoll beginnt, in einem progressiven Intermezzo aufblüht und mit dem dritten Part des Songs als wohl aggressivster Teil der Scheibe endet. Zur Beruhigung erlebt man dann eine akustische Massage für die Gehörgänge mit „Plutonian“, ehe „Coming Home“ in typisch eingängiger KARIBOW-Manier wieder Schwung aufkommen lässt. Ruhiger, gleichsam aber emotional-kraftvoll landet „White on white“ dann im Midtempo-Bereich, ehe mit „Remember“ weitaus intensiver in die Dramatik-Kerbe geschlagen wird, progressivere Züge draufgelegt mit mit Eingängigkeit gewürzt wird. Zurück zu harmonischeren Wurzeln leitet „Pure“ dann doch langsam das Ende des vielseitigen Albums ein, das schließlich mit „Inorganic Talk“ tatsächlich besiegelt ist.

Hat der Zuhörer dann doch bis zum Schluss „durchgehalten“, wirkt das Genießen eines neuerlichen Durchlaufs fast schon obligat, hat man es doch mit einiger Vielschichtigkeit der einzelnen Songs zu tun. Was auf dem ersten flauen Drüberhören glattgebügelter und domestizierter wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinhören als ziemlich abwechslungsreich. Natürlich, dass die Songs für verschiedene Alben geschrieben wurden, lässt sich aufgrund von Gangart und Inhalt wahrscheinlich nicht verbergen, doch erneut ist es hier auf großartige Weise gelungen, einen Grundkonsens zu finden. Gut, dieser heißt eben einfach KARIBOW und nicht zuletzt Oliver Rüsing, bei welchem ich mir mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob es sich hierbei um lediglich einen einzigen kreativen Kopf handelt, oder doch eher um eine Art KARIBOW-Hydra. Auf jeden Fall scheint mir, dass KARIBOW gar nicht enttäuschen kann. Trotz meiner anfänglichen Worte ist „The Unchosen“ gespickt mit wertvollen akustischen Schmeicheleinheiten, die – jede einzelne für sich – Herz und Seele verwöhnen und in gleichmäßige Schwingungen versetzen. Musik eben, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Zum Genießen!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lisi Ruetz (02.04.2018)

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