SPIRITUAL FRONT - Amour Braque

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VÖ: 23.03.2018
Bandinfo: SPIRITUAL FRONT
Genre: (stilübergreifend)
Label: Prophecy Productions
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Fast 8 Jahre nach dem letzten ‚richtigen‘ Album, „Rotten Roma Casino“, gehen SPIRITUAL FRONT, bekannt für ihren selbstbezeichneten „Suicide Pop“, mit „Amour Braque“ an den Start. Obwohl die Italiener um den charismatischen Songwriter und Frontmann Simone Salvatori in der Zwischenzeit keineswegs inaktiv waren – es folgten die Re-Recordings „Open Wounds“, eine Split mit LYDIA LUNCH und das von eher klassischer Musik geprägte Album „Black Hearts in Black Suits“ –, wurde dieses Album sicherlich nicht nur von mir mit Spannung erwartet.

Nachdem die „Rotten Roma Casino“ von vielen Hörern – mich eingeschlossen – als ein wenig zu poppig erachtet wurde, kann ich an dieser Stelle gleich mal Entwarnung geben: Es ist nicht poppiger geworden, eher im Gegenteil, dieses Album liegt für mich vom Klangbild her irgendwo in der Mitte von „Armageddon Gigolo“ und vorgenannter Veröffentlichung. Dass Simone bei diesem Album das Gefühl hatte, sich komplett nackt machen zu müssen, wie er im Interview verriet, zeigt sich demnach nicht nur in der teilweise recht obszönen Gestaltung der CD-Buch-Veröffentlichung, sondern auch im Sound. Beim Hören bestätigt sich also, dass Simone diese Veröffentlichung als Vereinigung all dessen sieht, was er bisher mit SPIRITUAL FRONT geschaffen hat. Im Endeffekt dürfte das vor allem den Freunden neofolkloristischer Klänge besonders positiv aufstoßen, oder so ähnlich. Doch werden wir nun etwas konkreter.

Das Album eröffnet mit einem gesprochenen Intro, in welchem sich gleich die Hauptthemen widerspiegeln und das auch von der Instrumentierung her bereits teilweise aufzeigt, in welche Richtung es gehen könnte. Bei den folgenden Liedern lässt sich allgemein feststellen, dass die Auswahl und Anordnung sehr gut getroffen wurde, da ruhigere Songs mit reduzierterem Instrumentarium und Tempo („The Abyss of Heaven“, „This Past Was Only Mine“, „An End Named Hope“) häufig von solchen gefolgt werden, die etwas mehr Bombast im Klang und/oder höheres Tempo aufweisen („Disaffection“, das treibend- theatralische „Children Of The Black Light“, „Devoted To You“, „Battuage“). Das sorgt beim Hörgenuss für die nötige Abwechslung, zumal die Lieder sämtlich auch in sich mit gut organisierten Spannungsbögen aufwarten und auch aufgrund der radiotauglichen Spieldauer kaum langweilig werden. Schließlich gibt es in jedem Song viele Elemente zu ergründen, auf die man sich nach Belieben konzentrieren kann.

Zum einen sind da die ganzen Gastmusiker, die unter anderem Violinen, Cello, Klavier, Trompete, Flügelhorn und Akkordeon beisteuern, wobei vor allem letzteres stellenweise eine sehr wichtige und rhythmusgebende Rolle und einnimmt, was wiederum an diverse Neofolk-Kapellen erinnert. Zum anderen sind da natürlich Simones charakteristischer und von Album zu Album verbesserter Gesang und die Texte, auf die sich sowohl der geneigte als auch der abgeneigte Hörer ein wenig konzentrieren sollte, sind diese doch nach wie vor sehr persönlich, düster und meist zumindest ein wenig im Kontrast zur eher gefälligen Musik. Letzteres wird besonders beim im Refrain doch fast abstoßend-kitschigen „Beauty and Decay“ deutlich, der aber von der allgemein abgründig-persönlichen Thematik geschickt kontrastiert wird. Hat aber auch ein paar Durchläufe gebraucht, bis ich das gecheckt habe und mich mit dem Lied wirklich anfreunden konnte. Im Übrigen zeigt sich hier auch die von Simone einst geäußerte Haltung, dass es ihm sinnvoller scheint, ernste Themen in eher fröhliche Musik zu verpacken, quasi als Prototyp.

Weiterhin ist auffällig, dass den Gitarren allgemein mehr Raum gegeben wird, als dies noch auf der „Rotten Roma Casino“ der Fall war, wo von Akustikgitarren kaum noch etwas zu hören war. Diese sind hier wieder etwas mehr im Vordergrund, nehmen bei „An End Named Hope“ gar eine zentrale Rolle ein. Bei einigen Liedern mischen sich dann auch E-Gitarren mit geschickten Melodien ein. Zudem tragen Schlagzeug, Perkussion und Bass einen nicht unwichtigen Teil dazu bei, dass das Album rhythmisch nicht langweilig wird, was beim Bass besonders bei den ruhigeren Liedern zum Tragen kommt, in welchen dieser schon auf den Vorgängern mit recht essenziellen Spuren glänzen konnte. Das alles führt schlussendlich zu einer sehr unterhaltsamen Mischung der Stile Neofolk, Chamber-Pop, Art Rock, Alternative Country und was auch immer, die SPIRITUAL FRONT hier in der ihnen eigenen Art zelebrieren.

Insgesamt haben SPIRITUAL FRONT mit „Amour Braque“ ein Album geschaffen, das sicherlich einen gewissen Höhepunkt ihres Schaffens darstellt, vor allem in seiner Gesamtheit gedacht. Es ist nahezu unglaublich gut komponiert und aufgenommen, da muss man allen Beteiligten seinen Respekt zollen. An Ohrwürmern arm ist es auch nicht, denn darauf hat sich Simone Salvatori schon immer verstanden. Es ist gewiss konsistenter als die bisherigen Alben, doch fehlen mir zumindest bislang die derart persönlichen und berührenden Anknüpfungspunkte, die mir „Armageddon Gigolo“ geboten hat und weiterhin bietet.

Aufgrund der nichtsdestotrotz überwältigenden Intensität der zwar einfach zugänglichen, aber nie oberflächlichen künstlerischen Darbietung kann ich dieses Album auch jedem sonst bei diesen Stilen eher skeptischen Musikliebhaber empfehlen, der scheinbare Gegensätze von Instrumentierung und Texten aufzulösen vermag und sich der Auseinandersetzung mit den düsteren zwischenmenschlichen aber auch gesellschaftlichen Thematiken gerne stellt.

Anspieltipps: Das stellenweise mit gewissem Ethno-Feeling aufwartende „The Abyss of Heaven“, das zerbrechliche, gitarrendominierte „An End Named Hope“ und zudem das symphonisch-kraftvolle, bewegende „Devoted to You“.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (05.04.2018)

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