Ivar Bjørnson & Einar Selvik - Hugsjá

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VÖ: 20.04.2018
Bandinfo: Ivar Bjørnson & Einar Selvik
Genre: Neofolk
Label: By Norse Music
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Lineup  |  Trackliste

Als WARDRUNA für das Summer Breeze Open Air 2017 angekündigt wurden, befand ich mich schnell in einem tiefen inneren Konflikt zwischen purer Extase und gedanklichen „Perlen vor die Säue“-Seufzern. Nichts gegen das Festival, seine Fanscharen und die dortige Atmosphäre, die mich alljährlich wieder anlocken, aber ein nordisches Dark Folk Ensemble und ein Sommer-Metalfestival? Ich sollte eines Besseren belehrt werden, als sich das Hauptbühnengelände spät in der Nacht doch noch einmal beträchtlich füllte - mit Metalfans jeglicher Coleur, die allesamt andächtig den Schnabel hielten und sich von Bild- und Tongewalt verzaubern liessen. Das gelingt nur den allerwenigsten Bands und dementsprechend dankbar zeigten sich am Ende dann auch die sonst so introvertiert auftretenden Künstler. Wenn es bis dahin noch nicht genügend Gründe gegeben haben sollte, warum man WARDRUNA bzw. Einar Selvik und seine gesamte Kollegschaft verehren sollte, dann war dieses Konzert eben der finale Anlass dazu.

Wie üblich fangen die ersten Pappnasen bereits damit an, sich wieder von ihm zu distanzieren, weil seine Projekte natürlich viel zu viel Aufmerksamkeit und Anerkennung einfahren (mehr als 50 verschenkte Demotapes und 25 Zuschauer bei Konzerten sind einfach viel zu viel), aber der liebe Herrgott, so es denn überhaupt einen gibt, hat ja laut Sprichwort einen besonders großen Tiergarten. Unbehelligt davon, hat sich der umtriebige Selvik abermals mit seinem kongenialen Sozius Ivar Bjørnson (ENSLAVED) im Studio verbündet, um mit ihm gemeinsam "Hugsjá", den gedanklichen Nachfolger (?) von "Skuggsjá", einzuspielen.

Das Fragezeichen deutet es bereits an: ganz sicher bin ich mir bei dieser Aussage nicht, da es einige stilistische Änderungen zu verorten gibt. Zwar verschmelzen auch auf "Hugsjá" zwei unterschiedliche Welten (die moderne und die altertümliche), doch dafür wurde gänzlich vom Keifgesang und metallischen Riffs abgesehen, weswegen lediglich das Schlagzeug, die E-Gitarren-Harmonien (das Fundament von "Nytt Land" erinnert an aktuelle ENSLAVED) und die zeitgemäße Produktion mit dem nordischen Dark Folk nach Einklang streben - eine gute Entscheidung, wie ich persönlich finde. Die Schnittmenge mit WARDRUNA ist natürlich immer noch relativ ausgedehnt, genügend Alleinstellungsattribute gibt es aber nicht zuletzt wegen dem Einsatz von Akustikgitarren ("Ni Døtre av Hav"), moderner Percussion ("WulthuR"), dem ebenfalls abweichenden Sampling (statt Regen und Wind wird hier gerne auf Unterwassergeräusche ausgewichen), zaghaften, von Bjørnsons BARDSPEC-Projekt bekannten Synthesizern ("Ni Mødre av Sol") und verschiedenen Streichern ("Fornjot").

Und: Selbst wenn es diese Verschiedenheiten nicht gäbe, wäre "Hugsjá" immer noch ein erhabenes Kunstwerk in sich und auch innerhalb einer Subkultur, die ohnehin nicht für Überpopulation berüchtigt ist. Von der ersten Sekunde des Titeltracks an bannt es einen mit ritualistischen Gesängen und altnordischer Akustik, düster-meditativer Atmosphäre und manchmal gar progressiven Songstrukturen ("Nattseglar"), wodurch sich das Werk in seiner Gesamtheit als ein einziges Highlight wie der berüchtigte Skógafoss über einem ergießt. Weitere, noch ausschweifendere Abhandlungenen dazu wären deshalb redundant, weil "Hugsjá", wie die meisten anderen Kreationen dieser beiden Herrschaften auch, ein wirklich famoses Meisterwerk ist, in dessen eigene Welt man am besten selbst eintaucht, wenn man vergleichbare Künstler und Projekte ebenfalls verehrt. Wenn es nämlich ein Album gibt, dessen Immersion so nachdrücklich für sich wirbt, dann dieses hier.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.04.2018)

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