A PERFECT CIRCLE - Eat The Elephant

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VÖ: 20.04.2018
Bandinfo: A PERFECT CIRCLE
Genre: Progressive Rock
Label: BMG Rights Management
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Lineup  |  Trackliste

Lange habe ich überlegt, wie ich einem derartigen Comeback mit dem angemessenen Respekt begegnen kann. A PERFECT CIRCLE kehren nach runden 14 Jahren von den Toten zurück und präsentieren mit „Eat The Elephant“ die Quintessenz von modernem Progressive-Rock. Schon nach den ersten Singles „The Doomed“, „Disillusioned“ und „TalkTalk“, den zugehörigen Videos, dem ungewöhnlichen Artwork, dem mehrdeutigen Albumtitel und der herausragenden Soundentwicklung war klar, dass eine Tiefenanalyse des gesamten Albums Bücher füllen könnte. Zuerst war meine Idee, genau eine solche Besprechung der Platte anzustreben, meine Erkenntnisse nach mehreren Wochen intensiven Hörens zu teilen. Nachdem ich „Eat The Elephant“ dann aber in seinem vollen Umfang hören durfte, habe ich mich anders entschieden. Das Entdecken und Durchdringen einer derart dicht verflochtenen, aber gleichzeitig verspielten Vielschichtigkeit, die sich stets an den Grenzen des eigenen Genres bewegt, in einem Atemzug erschafft und zerstört – das will ich niemandem vorenthalten und vorwegnehmen.

12 Songs, 12 Unikate. „Eat The Elephant“ strotzt nur so vor Originalität und wohlüberlegtem, liebevollem Songwriting. Gleich der Titelsong verzichtet komplett auf den Einsatz von Gitarren und spinnt aus mal sanften, mal treibenden Klaviertönen, außergewöhnlichen Drums und dezenten Streichern am Ende ein dichtes musikalisches Geflecht fein geschriebener Emotionen – von einem herausragenden Maynard am Mikro noch nicht einmal angefangen. Diesen Kurs fährt auch das bereits vorab veröffentlichte „Disillusioned“, eine Ode an die Zwischenmenschlichkeit und die Schönheit der Realität, was spätestens das zugehörige Musikvideo mehr als deutlich darstellte. Auch „Contrarian“ schlägt keine lauten Töne an, das hat übrigens die gesamte Platte an so gut wie keiner Stelle nötig. A PERFECT CIRCLE experimentieren an dieser Stelle weiter mit dem Zusammenspiel von Klavier und Drums, gepaart mit elektronischen Elementen und einer akzentuierenden bis hypnotischen Stimme Maynards. Wie im Rausch fügen sich sanfte Glockenklänge, ein düsterer Grundtonus und das fast schon mythisch anmutende musikalische Thema zu einem einmaligen Ganzen zusammen. Mit „The Doomed“ folgt einer der wenigen Tracks, in denen es auch laut werden darf. Der Song präsentiert sich als finstre Verkehrung von Sünde und Segen, in der der Rechtschaffende seiner Verdammung entgegensieht, während der Verdorbene ganz ungehalten seine Taschen füllt. Besorgt und verzweifelt blicken uns die Bandmitglieder im Musikvideo entgegen, denn „The Doomed“, das sind wir. Diese Wendung sowie die unverkennbare Parallele zu den Mechanismen des Spätkapitalismus machen „The Doomed“ für mich zu einer der besten Singleauskopplungen aller Zeiten.

Als großer Fan des Gesamtwerkes von Douglas Adams führte mich bei der Ankündigung der letzten Single „So Long, And Thanks For All The Fish“ natürlich kein Weg am absoluten Hype vorbei. Der freundliche Grundton des Songs trügt auf so vielen Ebenen, wenn man die Anspielung auf „A Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ (zu Deutsch: „Per Anhalter durch die Galaxis“) nicht sieht. Mit dieser Botschaft, „So Long And Thanks For All The Fish“, verlassen die Delfine im Buch die Menschheit. Ich sehe in diesem Lied einen cleveren Perspektivwechsel, der zum Nachdenken anregt. Auch wenn die Ausgangssituation im ursprünglichen Werk natürlich weitaus absurder und komplexer ist, evozieren A PERFECT CIRCLE hier, dass, sollte es neben dem Menschen eine intelligente Lebensform auf unserem Planeten geben, sie uns verlassen würde. Und warum sollte es nicht so sein? Der Mensch lebt in stetiger Disharmonie mit sich selbst und seiner Umwelt, er zerstört endliche Ressourcen und das Klima für kurzweiligen Überfluss und er erhebt sich in fundamentaler Arroganz von jeder anderen Lebensform.

Wie auch das nachfolgende „TalkTalk“, eine apokalyptische Anklage der Diskrepanz von Wort und Tat in unserer Zeit, hat es sich bis hierher größtenteils um bereits vorab veröffentlichte Singles gehandelt. Auf der zweiten Hälfte von „Eat The Elephant“ sollen A PERFECT CIRCLE aber noch so einige Überraschungen auf Lager haben, sowohl musikalisch als auch anderweitig.

Die erste dieser Überraschungen findet sich sofort mit „By And Down The River“. Einigen Fans wird der Titel sofort im Ohr klingeln: Gab es im Jahr 2013 nicht eine völlig unerwartete Single namens „By And Down“, die ohne jeden Kontext erschien? Das ist richtig, und um genau diesen Song handelt es sich hier. Wie man dazu steht, dass eine Band auf einem lang erwarteten Album einen Song verwertet, der bereits fünf Jahre vor Release zu hören war, mag hier jeder für sich selbst entscheiden. Die musikalische Brillanz von „By And Down The River“ lässt sich allerdings nicht abstreiten: Das Zusammenspiel von Klavier, Bass, Gitarre und einem sanften Glockenspiel zu Beginn wäre schon meisterhaft genug, dennoch gilt es an dieser Stelle erneut, insbesondere die Leistung Maynards hervorzuheben. Diese zeichnet sich eben nicht dadurch aus, sich in den Vordergrund zu singen, sondern seine Stimme verschmilzt förmlich mit der instrumentalen Struktur des Songs. Maynard verhält sich hier weniger wie ein Leadsänger; er verwendet seine Stimme wie ein Instrument – berauschend. Leider schließt „Delicious“ hier verhältnismäßig unspektakulär an. Man wagt es kaum auszusprechen, aber A PERFECT CIRCLE klingen hier dann doch etwas zu sehr nach Mainstream, was ihnen nur passagenweise gut steht. Zum Glück verliert sich das Album aber nicht in einer Anbiederung an internationalen Radio-Softrock, sondern geht in die entgegengesetzte Richtung!

Nach der klaviergetragenen Überleitung „DLB“ (mein Tipp, aber ohne Gewähr: „Don’t Look Back“) zeigen A PERFECT CIRCLE, dass sie erneut Genregrenzen sprengen und sich als Band neu erfinden können, auch noch nach 14 Jahren Pause. „Hourglass“ präsentiert sich als relativ schnelles, scharf geschriebenes Stück, das sich besonders durch die Verwendung aggressiver Electro-Tunes und einer teils ironischen, teils angemessenen Exzentrik auszeichnet. Für meinen Geschmack hätte die ‚Härte‘ (wenn man es so nennen kann) des Anfangs und des letzten Drittels sich gerne noch etwas konsequenter durch den ganzen Songs ziehen dürfen, aber auch so bekommen wir hier wahnsinnig vielseitige fünf Minuten Musikgeschichte, denn in diese wird „Hourglass“ vermutlich eingehen.

Mit „Feathers“ präsentieren A PERFECT CIRCLE hier maßgeblich ein Monument des eigenen Schaffens. Kein anderer Song auf „Eat The Elephant“ trägt den Stempel dieser Band, die im Laufe von 14 Jahren eine glaubwürdige Entwicklung vollzogen hat, so deutlich. Hier möchte ich gar nicht allzu viele Worte verlieren, sondern schweigend genießen.

Wer nun allerdings glaubt, A PERFECT CIRCLE würden ihr Album mit einem schnöden Rausschmeißer beenden, der täuscht sich gewaltig. „Get The Lead Out“ dürfte das mit Abstand mutigste und erfolgreichste musikalische Experiment der Band seit „Count Bodies Like Sheep“, der Neuinterpretation des eigenen Songs „Pet“, sein. Allein der Beginn, der anmutet wie eine dissonante Reprise an den Eröffnungstitel „Eat The Elephant“, weiß bereits mit einer unvergleichlichen Atmosphäre zu punkten. Spontan wird diese jedoch von Maynard mit einem „ain’t got time for that“ unterbrochen, es folgt der charakteristische 'record-scratch' und ab jetzt darf „Get The Lead Out“ wirklich performen. Elektronische Beats paaren sich mit stakkatoartig gespielten Streichern, der Song wirkt asynchron, spielt immer wieder mit dem eigenen Rhythmus und windet sich elegant um den Takt. Quasi dreistimmig gelingt die Überleitung in einen Refrain, der, obwohl er nur eine Abwandlung der Strophe ist, ihr durch den geschickten Einsatz eines melodischen Soundteppichs entgegensteht wie die Nacht dem Tag.

Zunächst die Klärung der wichtigsten Frage: Ist „Eat The Elephant“ eine Wartezeit von 14 Jahren wert? Ja! A PERFECT CIRCLE präsentieren ein unvergleichliches Monument ihrer Zeit, sowohl musikalisch, als auch persönlich und politisch. Trotz der ungewöhnlichen Länge dieser Review konnte hier nur die Spitze des Eisberges besprochen werden. Allein die Aufarbeitung religiöser Allegorien und intertextueller Bezüge könnte Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Auch auf der musikalischen Ebene setzt die Band für sich selbst neue Maßstäbe. A PERFECT CIRCLE bedienen sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Genres, verleugnen dabei aber nie ihre eigenen Wurzeln. Der rote Faden ist die Progression.

Nachtrag:

A PERFECT CIRCLE nehmen uns auf „Eat The Elephant“ mit auf eine knapp einstündige philosophische Reise über die Lage unserer Welt, über den Schmerz vergangener Zeit und über das Menschsein an sich. Es ist ein wütendes und enttäuschtes Album, ein resignierter Obelisk, der wie ein Mahnmal an seine eigene Existenz seinen tiefen Schatten auf jeden einzelnen von uns wirft, und, zumindest für den Moment, alles andere überdeckt. Man möchte sich wünschen, dass die Trumps, Erdogans, Kim Jong Uns, Putins, Macrons, Mays, Assads, Gaulands, Straches, Rivlins, Faschisten und Antifaschisten, Bänker und Kredithaie, Egoisten und Kriegstreiber nur für einen Moment herhören und unter Tränen begreifen, was sie getan haben. Die Welt wäre ein guter Ort, wenn wir nur sehen würden, dass sie es sein kann.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (28.04.2018)

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