PARKWAY DRIVE - Reverence

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VÖ: 04.05.2018
Bandinfo: PARKWAY DRIVE
Genre: (stilübergreifend)
Label: Epitaph Records
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Lineup  |  Trackliste

PARKWAY DRIVE, die australischen Vorreiter des modernen Metalcore höchstpersönlich, begeben sich mit Album Nummer Sieben endgültig aus ihrer Komfortzone. „Reverence“ strebt in jeder Zeile nach Größerem und dürfte die Laufbahn der Band sowie ihr Vermächtnis unwiderruflich prägen. Winston McCall ließ wenige Tage vor Release in einem Statement verlautbaren, dass PARKWAY DRIVE nun vollends dem Metalcore - dem Genre, das sie selbst seit 2004 prägten wie keine andere Truppe auf dem Planeten - entwachsen seien. Allein die Wortwahl könnte nicht treffender sein: Auf „Reverence“ vollzieht die Band keinen radikal erzwungenen Stilwechsel, sondern liefert eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung von Elementen, die sich schon auf dem Vorgänger „Ire“ abzeichneten. Und eines vorab: Kein Album von PARKWAY DRIVE war je vielseitiger, gewagter und innovativer als „Reverence“.

Wer sich an die düstere Piraten- und Seefahrtstimmung von „Writings On The Wall“ oder „A Deathless Song“ erinnert, der wird sich im Intro von „Wishing Wells“ schnell zurecht finden. Krähenschreie im Hintergrund, eine sanfte, aber verheißungsvolle Melodie auf der Gitarre und ein finster sprechender Winston McCall. Als erste Single und auch Opener des Albums erfüllt „Wishing Wells“ darüber hinaus aber auch eine ganz praktische Funktion: Nach den ersten 60 Sekunden sollte jedem klar sein, dass es sich hier um ein Versprechen an alle Skeptiker handelt. PARKWAY DRIVE gehen neue Wege, verleugnen aber niemals ihre Wurzeln. Ohne die klassischen Strukturen des Metalcore präsentiert die Band hier ein absolutes Brett, das trotz massiver Entschleunigung ordentlich nach vorne geht. Um einiges melodischer geht es in dem ebenfalls vorab veröffentlichten „Prey“ zu. Ein spring- und singfähiger Refrain sowie die eingängigen Riffs machen den Song zur perfekten Festivalhymne. Ebenfalls interessant: Winston McCall verzichtet fast vollständig auf Screams, erreicht aber mit seiner ‚natürlichen‘ Stimme ein beachtliches Volumen, was dem Song sehr gut steht.

Absolute Power“ setzt ebenfalls auf Entschleunigung und schwere, drückende Riffs. Besonders hervorzuheben sind hier der Bass, der sich über die gesamten drei Minuten aggressiv in den Vordergrund spielt, und die Vocals in den ruhigeren Passagen, die fast in Richtung Sprechgesang gehen. Einzig der Höhepunkt des Songs enttäuscht ein wenig, da der Breakdown (wenn man es so nennen mag) exakt demselben Muster folgt wie das letzte Drittel von „Wishing Wells“. Was bisher noch an „Ire“ erinnern konnte, mündet mit „Cemetery Bloom“ nun vollends im experimentellen Bereich. Wie eine Art Überleitung, aber doch als eigener Song konzipiert, legen sich hier apokalyptische Seemannsgesänge, gänsehauterzeugende Streicher und die raue Erzählerstimme von Winston McCall über einen simplen elektronischen Rhythmus. Passagenweise überschreiten PARKWAY DRIVE hier sogar den Kontext eines rein "musikalischen" Albums und nähern sich den Gefilden des Soundtracks. In einem lückenlosen Übergang schmettert die Band uns dann aber das Eröffnungsriff zu „The Void“ entgegen, das man insgesamt stilistisch mit „Prey“ vergleichen darf. Auch hier setzen die Australier auf eingängiges Songwriting und avancieren in Richtung modernem Metal in Reinform.

I Hope You Rot“ offenbart sich als gewagte, letztendlich aber gelungene Kombination klassischer PARKWAY DRIVE-Elemente und etwas, das ich spontan als Power Metal identifizieren würde (Hossa! Anm.d.Korr.). Klingt merkwürdig, ist es auch im ersten Moment. Während einige Passagen auch vom 2010’er Album „Deep Blue“ stammen könnten, werden diese immer wieder von orchestralen Einlagen á la POWERWOLF unterbrochen. Da der PARKWAY DRIVE-Anteil im Schnitt überwiegt, weiß „I Hope You Rot“ insgesamt aber zu funktionieren. Dazu verdeutlicht es die Genrefreiheit, die sich die Band mit „Reverence“ genommen hat. Alle PARKWAY DRIVE-Hardliner und Metalcore-Elitisten sollten genau HIER aufhören zu lesen, oder jetzt ganz stark sein. Ich meine es ernst, PARKWAY DRIVE werden für euch nach „Shadow Boxing“ nie wieder dieselben sein!

Noch dabei? Gut, dann tief durchatmen und hinsetzen. In „Shadow Boxing“ gehen PARKWAY DRIVE völlig neue Wege und wagen sich an musikalische Elemente, die den meisten anderen Bands des Genres vermutlich den heutzutage allgegenwärtigen ‚Sellout‘-Stempel aufdrücken würden. Mit Cleangesang und Rap erspielen sich PARKWAY DRIVE meiner Meinung nach jedoch nicht nur eine größere Fanbase, sondern auch auf ein neues Niveau ihrer Karriere. Trotz dieser durchaus gewagten Einlagen, die bei vielen Metalheads leider auf taube Ohren stoßen dürften (Intoleranz gegenüber Progression steht bei vielen leider immer noch an der Tagesordnung), liefern PARKWAY DRIVE mit „Shadow Boxing“ einen erstklassig geschriebenen Song, der in punkto Atmosphäre, Vielseitigkeit und auch einer gewissen Härte neue Maßstäbe für die Band setzt. „In Blood“ orientiert sich hier eher wieder an klassischen Metal-Elementen, interpretiert diese aber im unverkennbaren Stil der Australier.

Zum allerersten Mal in der Bandgeschichte knacken PARKWAY DRIVE mit „Chronos“ die Sechs-Minuten-Marke, entsprechend gespannt darf man also sein, wie diese sechseinhalb Minuten mit Inhalt gefüllt werden. In jüngerer Vergangenheit haben andere Bands wie ARCHITECTS mit „Memento Mori“ bewiesen, dass lange Songs im Metal(-core) auch durchaus einen Mehrwert haben können. Obwohl „Chronos“ an sich als starker Track anzusehen ist, der mit kraftvollen Riffs und einem runden Songwriting zu punkten weiß, wirkt die Laufzeit leider an dieser Stelle eher etwas aufgesetzt. Dadurch, dass der Song aber so gut wie jede Neuentwicklung von PARKWAY DRIVE auf „Reverence“ aufgreift und in einer Art Zusammenfassung neu verarbeitet, kommt immerhin absolut keine Langeweile auf. Zum Glück bildet „Chronos“ aber nicht den Abschluss der Platte, dafür hat sich die Band noch ein ganz besonderes Highlight aufgehoben. „The Colour Of Leaving“ unterstreicht wie kein anderer Song auf „Reverence“ (außer vielleicht „Shadow Boxing“), dass für PARKWAY DRIVE ein neues Kapitel beginnt. Ohne einen einzigen Scream, ohne verzerrte Gitarren und ganz ohne Drums und Basseinsatz erschafft „The Colour Of Leaving“ eine außergewöhnliche Atmosphäre, die dem gesamten Album noch eine wirklich starke Facette hinzufügt. Während der ruhige, melancholische Gesang Winston McCalls (der stellenweise erschreckend stark an Jesse Barnett von STICK TO YOUR GUNS erinnert) anfangs noch von Schrittgeräuschen und einer sanften Melodie der Gitarre strukturiert wird, leitet der Song im letzten Drittel in einen freien Vortrag eines Gedichts über, in dem Stimme und Text ganz für sich wirken können. Selten hat der Abschluss eines Albums einen solch finalen Charakter gehabt.

PARKWAY DRIVE haben mit „Reverence“ etwas geschafft, woran die meisten Bands in der Vergangenheit kläglich gescheitert sind. Die Band vollzieht hier einen durchdachten und in jeder Hinsicht funktionierenden Stilwechsel ohne allzu harte Brüche mit den eigenen Wurzeln. „Reverence“ funktioniert sowohl als atmosphärisches Konzeptalbum als auch als leicht zugänglicher Metal mit Core-Elementen, mit dem man per Ghettoblaster reihenweise TAYLOR SWIFT-Fangirls (also unter anderem unseren Laichster...; Anm.d.Korr.) aus dem örtlichen Freibad vertreiben kann. Das Album macht einfach ordentlich Laune, bietet genügend Tiefgang für intensive Hördurchläufe und was die Livetauglichkeit angeht, wage ich es nicht, PARKWAY DRIVE auch nur einen Funken Headliner-Potential abzuerkennen. Für Fans ist „Reverence“ ein absolutes Muss und zudem eine offene Einladung für alle, die mit dem bisherigen Machwerk der Australier nichts anfangen konnten.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lucas Prieske (08.05.2018)

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