Врата Тьмы - Войны северной земли (Wars of the Northern Land)

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VÖ: 30.10.2004
Bandinfo: ВРАТА ТЬМЫ
Genre: Viking Metal
Label: More Hate Productions
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Manchmal ist es schon wirklich praktisch, wenn eine Band nur ein einziges Album rausgebracht hat, was auch noch fast 14 Jahre her ist. Im Falle so mancher Kapelle ist das natürlich auch sehr schade, aber gerade für den Rezensenten ist es angenehm und auch irgendwie ungewohnt, wenn man sich nicht gefühlt mit dem gesamten Back-Katalog einer Band beschäftigen muss, um ein Album in den Kontext einordnen und angemessen bewerten zu können.

VRATA T’MY („Gates of Darkness“) aus Russland tun mir diesen Gefallen, wobei ich es andererseits nach den 13 Jahren, die ich vorliegendes Album schon höre, natürlich auch etwas bedauere, dass bislang keine weitere Veröffentlichung erfolgte. Sollte dies auch in Zukunft so bleiben, wäre ich aber auch nicht unzufrieden, denn schließlich weiß ich nicht, wie die Band diesen Output noch toppen sollte – schon gar nicht in diesem mittlerweile mehr als abgedroschenen Genre-Pool, in dem sie sich bewegt. Denn von den ganzen Pagan- und Viking-Metal-Bands, die ich vor über einer Dekade gehört habe, sind nur knapp eine Handvoll übrig geblieben, die ich mir noch aus mehr als nur nostalgischen Gründen anhöre. Und unter diesen genießen VRATA T’MY gewiss ein Alleinstellungsmerkmal. Aber wieso? Und wieso das ganze Geschwafel?

Sicherlich auch deswegen, weil es mir schwer fällt, das Gehörte nach den unzähligen Hördurchgängen irgendwie adäquat in Worte zu fassen. Abgesehen davon ist der stilistische Mix recht eigen. Am ehesten ist es zwar kraftvoller, kämpferischer Viking Metal mit nur geringem Folk-Anteil, aber das wird perfekt ergänzt von mehr als nur einer Portion Melodic Death Metal, einem Tröpfchen Black Metal und – es fühlt sich gar komisch an, das zu schreiben – sogar etwas Power Metal. Ja, bei letzterem renne ich im Normalfall schreiend weg, wohl um den Gesang zu übertönen, aber im Falle dieser Band passt das für mich irgendwie in den Mix. Sicher auch daher, weil sich der Einfluss primär in der Gitarren- und teilweise der Keyboardarbeit zeigt, nicht aber im Gesang.

Was bei diesem Album für mich die große, auch über gelegentliche Jahre des Nicht-Hörens erhalten gebliebene Faszination ausmacht, ist die enorme Dichte des Sounds und der Riffs, die kaum Luft zum Atmen lassen und mich nahezu jedes Mal wieder mitreißen, in Bann schlagen. Hauptsächlich liegt das zum einen daran, dass die Lieder extrem kurzweilig sind, eigentlich keine Längen aufkommen lassen. Zum anderen ist der Sound zwar transparent, wirkt aber dennoch keineswegs klinisch, wie man das heute leider allzu häufig hört, sondern organisch und irgendwie authentisch. Alles ist im Fluss, wenngleich es an Ecken und Kanten wahrlich nicht fehlt, die aber den gewissen Charme ausmachen, den Musik und auch Menschen haben müssen, um mich wirklich begeistern zu können. Ohne diese Ecken und Kanten wäre auch alles einfach zu glattpoliert, zu vereinheitlicht, zu uninteressant.

Die Keyboards, die glücklicherweise nicht permanent, sondern nur stellenweise eingesetzt werden, sind sicher so ein Punkt. An manchen Stellen (beispielsweise am Ende von „Zemlya“) übernehmen sie auf eine Art und Weise die Leadmelodie, die mich objektiv unangenehm berührt, subjektiv aber mittlerweile einfach dazugehört. Ansonsten erfüllen sie meist eine wichtige unterstützende Funktion. Die Rhythmusgitarren und die ganzen Leads sind unglaublich tight gespielt, die Vielstimmigkeit der Gitarrenarbeit ist generell hervorzuheben, denn die druckvollen Riffs und die Melodien führen durch das ganze Album, ohne Zeichen von Schwäche aufkommen zu lassen. Selbst die cleanen Passagen wirken nicht zerbrechlich, sondern eher etwas dumpf, erdig, lassen es nicht zu, dass man sich aus dem kämpferischen Geschehen herauszunehmen vermag.

Aber all das wäre unter Umständen durchaus langweilig, wenn es nicht auch noch den Gesang und das Schlagzeugspiel gäbe, über die ich ein paar gesonderte Worte verlieren muss. Denn der Gesang auf diesem Album ist extrem variabel, obwohl er nur von einer Person beigesteuert wurde, die zudem nur Gastsänger war. Der aber beherrscht offenbar fast alle Facetten nahezu perfekt, die von Screams und Growls über Shouts bis hin zu verschiedenen Varianten und Stimmlagen der Klargesangs reichen. Beim Zusammenspiel der letzteren zeigen sich zwar ab und zu kleinere Unstimmigkeiten, sonst aber ist die Vielstimmigkeit des Gesangs ein Faktor dafür, dass der Abwechslungsreichtum innerhalb der Songs jederzeit gegeben ist. Und er ist dabei angenehm authentisch-urig, schweift nicht ins unangenehm Pathetische ab.

Ein weiterer Faktor ist das bereits erwähnte Schlagzeugspiel, welches nicht nur auf den Punkt genau ist und die Riffs zu unterstützen weiß, sondern auch in fast jedem Song für ein Highlight sorgt. Dabei sei vor allem die Arbeit auf dem Ride-Becken erwähnt, auf welchem häufig Akzente gesetzt werden, die man sonst bei anderen Bands vergeblich sucht. Beispiele dafür lassen sich auf diesem Album etliche finden, wenn man bei aller Abwechslung genauer hinhört. Ein persönliches Highlight für mich ist – nicht nur in Bezug auf das Schlagzeugspiel – der Titelsong (Lied 9), welcher fast noch kraftvoller als der Rest daherkommt und ungefähr ab der Mitte mit einer für mich unglaublich geilen Entwicklung aufwartet: Zunächst kommt eines der besten Solos des Albums, das alleine schon der Höhepunkt sein könnte, dann aber folgt ein Part, dessen Intensität mit den Screams noch einen drauf setzt, bevor zum Abbau der Spannung ein Endriff kommt, welches einfach nur kraftvoll-treibend-mitreißend ist.

Insgesamt ist dieses Album bei aller Vielfalt erstaunlich konsistent, authentisch und individuell. Abgesehen davon ist es für mich eines der kraftspendendsten, das ich je hören durfte. Das lässt mich auch über kleine Schwächen hinwegsehen, die ich anderen Bands wohl eher ankreiden würde. Und darüber hinaus es ist gewiss DAS Album, das ich mir reinhauen würde, müsste ich eines Tages aus schwachsinnigen (oder anderen) Gründen in den Krieg ziehen.

Bei YouTube gibt es leider nur untenstehendes Lied. Hört euch das Album sonst hier an.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Felix Thalheim (10.06.2018)

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