THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - Sometimes The World Ain't Enough

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VÖ: 29.06.2018
Bandinfo: THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA
Genre: Classic Rock
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste

Wer mein bescheidenes Schaffen für Stormbringer.at in den letzten Jahren auch nur ansatzweise aufmerksam verfolgt hat, wird wissen, dass sich mein musikalischer Interessensbereich über nahezu alle Verzweigungen in Rock/Metal erstreckt, nur eben nicht über Classic Rock, Hard Rock und AOR. Dass ich letztlich trotzdem über THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA gestolpert bin, liegt wohl einerseits am frenetischen Pressewiderhall zum letztjährig erschienenen "Amber Galactic" und andererseits an den beteiligten Musikern, die sich hauptberuflich überwiegend der zünftigen Metalleskunst verschrieben haben und sich irgendwann wohl nach einem Ventil für ihre jugendlichen Flashbackmomente sehnten. Und was macht man, wenn die eigene Agenda zwischen SOILWORK und ARCH ENEMY gerade noch ein klitzekleines Zeitfenster für die kreative Spielwiese offenbart und einem noch der ein oder andere Retro-Hit durch den Kopf geistert? Richtig, man nimmt eben noch ein Album auf und strebt damit, so zumindest die Suggestion eines Titels wie "Sometimes The World Ain't Enough", die intergalaktische Regentschaft an.

Hätte ich auch nur einen Hauch Ahnung von dem Genre, welches die Herren Strid, D' Angelo und Co. hier bedienen, könnte ich genau an dieser Stelle wahrscheinlich mit der Nennung zahlloser Referenzen prahlen, aber man muss wahrscheinlich auch keinen Bachelor in den oben genannten Genres abgeschlossen haben und daher auch kein tiefgreifendes Fachwissen sein Eigen nennen, um zweifelsfrei konstatieren zu können, dass THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA unverschämt hitlastigen Retro-Rock zelebrieren, der vor ca. 20 Jahren auch im Radio hätte stattfinden können. Meine Vermutung, die auf einer langjährigen psychologischen Studie einiger Metal- und Rockfangattungen basiert: Höchstwahrscheinlich reichen sie damit lange nicht an die Legenden, die Klassiker, weil früher einfach eh alles besser war.

Trotzdem kann "Sometimes The World Ain't Enough" vor leidenschaftlicher Hingabe (lupenreiner Pleonasmus: check!) kaum laufen und wenn sich dieser berühmt berüchtigte gute Wille in der Vergangenheit mit Talent und Gespür für einprägsames Liedgut zusammenfand, ergab das - fernab jeglicher Schubladen gedacht - in den allermeisten der überlieferten Fälle ein explosives Gemisch. Das eröffnende Trio aus dem schwungvollen "This Time", dem ultrakitschigen "Turn To Miami" mit Überrefrain und das in ein 80er-Disco-Outfit gehüllte "Paralyzed" beispielsweise könnte man selbst einem nordkoreanischen Publikum bei laufenden Staatskameras vorspielen und die Meute würde ausrasten (bizarres Kompliment: check!). Im weiteren Verlauf, beispielsweise beim Titeltrack und "Barcelona", flackern immer wieder diese seltsamen Déjà-vu-Momente auf, in denen ich erfolglos versuche, die fernen Kindheitserinnerungen so zu sortieren, dass mir vielleicht doch ein Vergleich einfällt. Das Material klingt also insgesamt sehr vertraut und dennoch erfrischend genug, um im Jahre 2018, also locker 20-30 Jahre "danach", zu funktionieren.

Dabei zeigen sich THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA von einer äußerst detailversessenen Seite, die, wenn man von den etwas schwächeren Schlusstracks "Winged And Serpentine" und "The Last Of The Independent Romantics" (die neun Minuten sind mir persönlich fünf zu viel) absieht, praktisch durchgängig irgendwelche Höhepunkte generiert. Ob balladesk ("Moments Of Thunder"), Stadion-tauglich ("Can't Be That Bad" und "Lovers In The Rain") oder 70's-Vibe ("Pretty Thing Closing In"), es gibt nahezu immer irgendeine großartige Gesangshook (Björn Strid ist nunmal ein begnadeter Sänger...), Gitarrenmelodie oder irrsinnig eingängige Keyboardpassage zu entdecken, was dem Album, das sowieso schon catchy as fuck ist, eine nicht zu vernachlässigende Langzeitwirkung verleiht. Das warmherzig-einladende, organische Klangbild tut da sein übriges.

Die Folge: Selbst im Hause Staub, das sonst eher eine Domäne für raue Nordwinde, zwielichtige Rituale und Notschlachtungen unliebsamen Menschenmaterials (prekäre Metapher: check!) darstellt, herrscht schon nach einem halben Durchgang allerbeste Laune. Kaum auszumalen also, wie geil das auf den kommenden Livezurschaustellungen funktionieren muss. THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA und "Sometimes The World Ain't Enough" versprühen eine dermaßen ansteckend positive Aura, dass es einem einfach völlig egal sein kann, dass es mit einer guten Stunde Spielzeit einen Ticken zu lang ausgefallen ist und man am Ende etwas nachlässt. Hier fühlt man sich durch die sympathische Over-the-top-Machart und eine Vielzahl an Hits selbst als Jungspund in ein Zeitalter zurückversetzt, in dem man noch flüssig und der Wunsch noch Vater des Gedanken war. Garantiert.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.06.2018)

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