IMMORTAL - Northern Chaos Gods

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VÖ: 06.07.2018
Bandinfo: Immortal
Genre: Black Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Bands wie IMMORTAL sind in einem gewissen Sinne kein Pharmakon für das menschliche Ego. Man merkt an ihnen bzw. ihren Abständen zwischen den Alben, wie schnell man doch altert - man kann den eigenen Verwesungsprozess quasi gemütlich aus der ersten Reihe bestaunen. Als "All Shall Fall" im Jahre 2009 veröffentlicht wurde, war ich gerade mal volljährig und dazu weder ein Musikredakteur noch sonderlich versiert oder gar langjährig im Metal verwurzelt. Heute, kurz vor dem Release von "Northern Chaos Gods", dem Nachfolger, peile ich im Tonträger-Regal langsam aber sicher die 2000 und auf der biologischen Uhr allmählich die besorgniserregende 30 an und es hat sich - deutlich wichtiger als meine persönlichen Befindlichkeiten natürlich - einiges im Black Metal getan, was wiederum, genau wie das Abdanken Abbaths übrigens, die Frage aufwarf, ob IMMORTAL neun Jahre nach ihrem letzten Lebenszeichen aus den norwegischen Bergketten komplett eingefroren oder doch noch konkurrenzfähig zurückkehren. 

Schon weit vor dem Release, eigentlich schon zur Ankündigung der Albumaufnahmen vor zwei oder drei Jahren (oder wann auch immer, mein Zeitgefühl lässt manchmal ordentlich zu wünschen übrig), gab es dazu selbstverständlich auch noch andere Themen: Wer schreibt denn nun, da Abbath die Band dort verlassen hat, wo der Maurer dem Volksmund nach das Loch gelassen haben soll (plot twist: in diesem Fall gab es kein Loch...), die Songs? Wer spielt die Gitarre und spaltet damit das Eis? Wer wird singen und die Seelen der Verlorenen gefrieren? Auf all das gibt es einfache Antworten: Demonaz und Horgh. Demonaz. Demonaz. Um vom ironischen Ton wegzukommen, gehen wir zur frohen Kunde über: Harald "Demonaz" Nævdal kann nach einer erfolgreichen Arm-OP im Jahre 2012 wieder Gitarre spielen und singen konnte er ja, wie man schon bei seinem Soloprojekt "March Of The Norse" feststellen durfte, sowieso schon immer. Wer daran noch gezweifelt hat, wurde spätestens mit der Single-Veröffentlichung des Titeltracks eines Besseren belehrt. Nörgler gibt es ja sowieso immer, insgesamt war die Resonanz - zumindest meiner Beobachtung nach - aber trotzdem zu einem überwältigenden Anteil äußerst positiv.

Als hätte man den selbsternannten "Northern Chaos Gods" etwas gestohlen (*hust* das ist natürlich keine Anspielung auf Abbath, der bei seinem Abgang laut IMMORTAL Liedgut entwendet und für sein Solo-Album verwendet haben soll... *hust*), öffnen sie kurzerhand die "Gates To Blashyrkh", wirbeln im gleichnamigen Titeltrack mittels angeschwärztem Thrash messerscharfe Eissplitter nach dem Widersacher und beschwören später, für den Fall der Fälle, dass er es doch überlebt haben könnte, auch noch den berüchtigten Fimbulwinter ("Called To Ice"), um dessen Körper den letzten Funken lebenserhaltender Wärme zu entziehen. Was vielen gefallen dürfte: IMMORTAL haben den kompromissloseren, schwärzeren Sound von "Battles In The North" bzw. "Blizzard Beasts" für sich wiederentdeckt ("Into Battle Ride", "Grim And Dark" und "Blacker Of Worlds") und fahren die Epik von "All Shall Fall" und Co. zum Teil drastisch zurück. Den üblichen beschließenden Longtrack gibt es mit "Mighty Ravendark" zwar, aber ansonsten regieren auf "Northern Chaos Gods" die IMMORTAL'schen Schwarzmetall-Trademarks von dereinst (natürlich mit fulminanteren Produktionsmöglichkeiten), anhand derer man die Norweger immer noch aus abermillionen an Bands heraushören kann. Dass man trotz dessen immer noch atmosphärisch sein kann, beweist nicht nur "Where Mountains Rise" mit Bravour, sondern eigentlich sogar das Gesamtwerk, über dem stets ein kalter, rauer Wind tobt.

Die Rückkehr ist für meinen Geschmack also eine ehrfurchtgebietende, die wohl nur die wenigsten so erwartet haben dürften. Von lähmendem Gefrierbrand oder gar zerfressendem Rost ist bei Demonaz und Horgh (sein eigenständig gewitterndes Schlagzeugspiel ist mal wieder exquisit) also nichts zu vernehmen. Im Gegenteil: Auch wenn Abbath natürlich eine Kultfigur ist, kommen IMMORTAL auf "Northern Chaos Gods" auch bestens ohne ihn zurecht und haben vermutlich das aggressivste Material seit den oben bereits zitierten Werken komponiert, ohne dabei die stimmungsvoll-kohärente Kulisse zu vernachlässigen. Ganz so ruppig produziert wie früher ist das Neuntwerk der norwegischen Legenden natürlich nicht (die Drums klingen vielleicht etwas zu klinisch), aber trotzdem hat man zusammen mit Peter Tägtgren (gleichzeitig als Session-Bassist an den Aufnahmen beteiligt) den nötigen schneidenen Gitarren- und knarzenden Basssound gefunden, so dass es für mich an "Northern Chaos Gods" nur sehr wenig auszusetzen gibt und ich das Album stattdessen viel lieber wärmstens (oder "kältestens"?) empfehlen möchte.

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Anlässlich der Rückkehr von IMMORTAL haben wir Bandchef Demonaz zu einem prägnanten Kurzinterview geladen und konnten ihm u.A. einige erfreuliche Neuigkeiten zu seinem Gesundheitszustand sowie der Zukunft der Band (inklusive Live-Auftritten) entlocken.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (04.07.2018)

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